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Anteile und Anzahl von Atheisten / Agnostikern / Gottlosen

Auch wenn es methodisch und empirisch nicht einfach ist, die Größenordnungen von „Gottlosen“ oder „Nichtreligiösen“ in den Staaten der Welt zu erfassen, so gibt es doch ernstzunehmende und erfolgreiche Versuche dazu. Die Befunde sind eine Auswertung zahlreicher soziologischer Studien, die – insbesondere für Europa – die klare Tendenz zeigen, dass die überwiegend evangelischen Länder Europas, die positive Spitzenpositionen in Bezug auf soziale Befunde und Bildungsindikatoren haben, auch die Staaten mit den höchsten Anteilen an nicht-religiösen Menschen sind.

Phil Zuckermann, Professor für Soziologie und säkulare Studien am Pitzer College in Claremont (Kalifornien/USA) hat sich 2006 mit der Frage beschäftigt, wie viele Atheisten es weltweit gibt. In seinem 2007 veröffentlichten Beitrag „Atheism, contemporary numbers and patterns“ 1 schildert er eingangs die methodischen Probleme (der Zuverlässigkeit und Repräsentativität empirischer Umfragen), der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (politische/kulturelle Umgebungen, die Atheisten diskriminieren und bedrohen), die Unklarheit des Begriffs sowie die Stigmatisierung des „Atheismus“ (auch in westlichen Demokratien nennen sich viele Nicht-Religiöse auf keinen Fall „Atheisten“). In Norwegen sind es 41 Prozent der Bürger, die explizit nicht an einen Gott glauben, in Frankreich sind es 48 Prozent und 54 Prozent der Tschechen. Aber nur 10 Prozent, 19 Prozent und 20 Prozent dieser „Nicht-Religiösen“ bezeichnen sich selber als Atheisten. Umfragen, wie die Gallup-Umfrage 2012, die nur nach „Atheisten“ fragen, kommen zu entsprechenden Ergebnissen.

Trotz dieser Schwierigkeiten ist es möglich, so Zuckermann, realistische Schätzungen vorzunehmen. Er folgt dabei dem Worten von Robert Putnam: „Wir müssen mit den unvollkommenen Befunden leben, anstatt nur seine Mängel zu beklagen.“2 Es folgt eine Auswertung zahlreicher soziologischer Studien, in denen die Bandbreite von Atheisten, Agnostikern und Personen, die nicht an einen personalen Gott glauben erfasst wurden. Dieser Gruppe wird für die jeweiligen Länder in der Spannweite der Befunde dargestellt. In Ergänzung der Tabelle von Phil Zuckermann hat das Internetportal adherent.com die Prozentangaben zusätzlich mit der Anzahl der Personen ergänzt.

Eine grafische Darstellung der Ergebnisse von Phil Zuckermann zeigt die Verteilungen:

Die höchsten Anteile von „Gottlosen“ (mit bis zu bzw. mehr als 50 Prozent-Anteilen) finden sich in Schweden, Vietnam, Dänemark, Norwegen, Japan, der Tschechischen Republik, Finnland, Frankreich und Süd-Korea. Die geringsten Anteile (mit unter 10 Prozent-Anteilen) wurden in der Mongolei, Portugal, den USA, Albanien, Argentinien, Kirgisistan, der Dominikanischen Republik, Kuba und Kroatien festgestellt.

Als Gesamtergebnis ergibt sich eine Anzahl von 500 bis 750 Millionen „Gottlosen“. Es ist eine konservative Schätzung, denn wenn man nur geringe Prozentanteile der bevölkerungsreichen Länder wie Ägypten, Brasilien, Indonesien, Nigeria hinzuzählen würde, wäre die Zahl der Nichtgläubigen erheblich höher.

Gibt es Hypothesen zu den hohen Anteilen von Nichtgläubigen? Ja. Norris und Inglehart3 haben darauf hingewiesen, dass in Gesellschaften, die über eine gute Lebensmittelversorgung, einen ausgezeichneten Gesundheitsdienst und guten Wohnstandard verfügen, die Religion verschwindet. In Staaten, in denen Ernährung und Unterkunft kärglich sind und das Leben generell unsicherer, ist der religiöse Glaube stark.

Beschränkt man die Daten auf Europa, so zeigt sich noch ein weiterer Aspekt, die Frage des religiösen Umfeldes hinsichtlich evangelisch bzw. katholisch. Von der Tendenz her sind die Staaten mit hohem Anteil Nichtreligiöser auch evangelisch, während die Staaten mit den geringsten Anteilen nicht nur ökonomisch in schwieriger Situation sondern auch katholisch sind.

Zuckermann unterscheidet dann noch den “Zwangsatheismus“ (coercive atheism), in dem diktatorisch ein Nichtglaube aufgezwungen wird, von dem „organischen Atheismus“ (organic atheism), der sich ohne staatlichen Zwang herausgebildet hat und erweitert.

Nach dem „Human Development Report“ (2004), der 177 Nationen in einem “Wohlfartsindex” darstellt (darin u. a. Lebenserwartung bei Geburt, Alphabetisierungsquote bei Erwachsenen, Einkommen pro Kopf, Bildungschancen) waren die fünf Staaten mit dem höchsten (im Sinne von besten Indexwerten) Norwegen, Schweden, Australien, Kanada und die Niederlande. Alles Staaten mit bemerkenswerten Anteilen eines organischen Atheismus.

Auch auf der Karte des „Human Development Index 2015“  wird diese Verteilung deutlich. Die höchsten Werte haben (2015) Norwegen, Australien, Schweiz, Dänemark, Niederlande, Deutschland, Irland, USA, Kanada und Neuseeland.

Bezogen auf die Länder Europas und in der Sortierung nach der Anzahl der „Gottlosen“ leben die meisten von ihnen in den (bevölkerungsreichen Staaten) Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

(CF)

 Anmerkungen:
1 „Atheism, contemporary numbers and patterns“, in: “The Cambridge Companion to Atheism”, edited by Michael Martin, New York: Cambridge University Press, 2007, S. 47 – 65.
2 Putnam, Robert: „Bowling alone“, New York: Touchstone, 2000, S. 23.
3 Norris, Pipa, and Ronald Inglehart; “Sacred and Secular: Religion and Politics worldwide”. New York: Cambridge University Press, 2004.