Sie sind hier

Mitglieder jüdischer Gemeinden, 1955 - 2022

Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) veröffentlicht jedes Jahr eine Statistik der in den jüdischen Gemeinden registrierten Mitglieder. Nach Stagnation der Mitgliederzahlen bis 1989 und dann einem – durch Zuwanderung – erheblichen Anstieg, verringern sich seit 2006 die Mitgliederzahlen in den religiösen jüdischen Kultusgemeinden – ebenso wie bei den christlichen beiden großen Amtskirchen und den kleineren christlichen Gemeinschaften.

1. Vorbemerkung
2. Zahlen jüdischer Religionszugehörigkeit
   2.1. Volkszählungen 1871 – 1987
   2.2. NS-Zeit 1933 – 1945
3. Mitglieder der jüdischen Gemeinden 1955 – 2022
4. Fragen der Zuwanderung
   4.1. Einreisen aus den ehemaligen SU-Staaten
   4.2. Einreisen aus Israel
5. Organisierte / Unorganisierte
    Exkurs: Israel
6. Fazit

1. Vorbemerkung

Zur Geschichte der Juden in Deutschland gibt es reichlich Literatur, auch einen ausführlichen Wikipedia-Artikel, und soll hier nicht wiederholt werden. Auch die Situation der Juden in der DDR und ebenso für die Jahre nach 1990 „Im vereinten Deutschland“ können nachgelesen werden. Das Augenmerk dieser Ausarbeitung liegt auf den Daten zur Anzahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinden, verbunden mit den Fragen, wie viele Juden in Deutschland insgesamt leben und wie viele davon organisiert bzw. nicht organisiert sind.

2. Zahlen jüdischer Religionszugehörigkeit

2.1. Volkszählungen 1891 – 1987

Die höchste Zahl der Personen mit jüdischer Religionszugehörigkeit in Deutschland wurde in der Volkszählung von 1900 mit 587.000 „Israeliten“ festgestellt, was einem Prozent der Bevölkerung entsprach.

„Israeliten“ und „Juden“ sind synonyme Begriffe. Jüdische Gemeinden sind religiöse Gemeinschaften, was sich u. a. auch darin ausdrückt, dass der Begriff „Israelitische Kultusgemeinde“ – in Österreich die amtliche Bezeichnung der jüdischen Gemeinden – gleichbedeutend dafür ist. Israelitisch bezieht sich auf die ethnisch-religiöse Gruppe der 12 Stämme, die - nach einer Legende -, Moses aus Ägypten führte. In Deutschland ist der Begriff der Israelitischen Kultusgemeinde vor allem in Bayern und Baden-Württemberg gebräuchlich.

Der Begriff der „Glaubensjuden“ (1933 und 1939) verweist auf die NS-Rassenideologie, die neben der religiösen Zugehörigkeit auch (1939) weitere Merkmale zu erfassen versuchte.

„Eine seit 1929 geplante Volkszählung war aus finanziellen Gründen mehrfach verschoben worden und wurde erst am 16. Juni 1933 durchgeführt. Die Auswertung dauerte bis 1936; bei der Zählung wurden rund 505.000 ‚Glaubensjuden‘ erfasst. Die Anzahl der in Deutschland lebenden Juden wurde von den Nationalsozialisten weit überschätzt. Reichsärzteführer Leonardo Conti sowie das Reichsinnenministerium gingen 1935 fälschlich davon aus, dass außer den Glaubensjuden in Deutschland noch 300.000 ‚Volljuden‘ nicht jüdischen Glaubens sowie 750.000 ‚Mischlinge‘ wohnten. Tatsächlich wurden bei der Volkszählung vom Mai 1939 nur rund 23.000 konfessionslose oder zum Christentum konvertierte ‚Volljuden‘ sowie 110.000 ‚Mischlinge 1. und 2. Grades‘ festgestellt.“ (Quelle: Wikipedia)

Bei der ersten Volkszählung der Nachkriegszeit in Deutschland (1946) wurden insgesamt 49.000 deutsche Jüdinnen und Juden gezählt, 1990 waren es (inklusive der Angaben im Statistischen Jahrbuch der DDR 1990) 34.500 Personen, von denen 29.000 Mitglieder jüdischer Gemeinden im Zentralrat der Juden in Deutschland waren.

2.2. NS-Zeit 1933 – 1945

Die Konsequenzen der Judenausgrenzung und Judenverfolgung 1933 – 1945 sind vielfach dokumentiert. Hier sollen deshalb nur noch einmal die detaillierteren Zahlen dazu dargestellt werden.

Von den (1933) 561.000 Deutschen mit jüdischem Glaubenskenntnis sind bis 1943 insgesamt 353.000 Personen ‚ausgewandert‘, d. h. geflohen oder ins Exil gegangen. Von 1941 bis 1943 wurden insgesamt 120.000 Menschen in Konzentrationslager deportiert. Die jüdische Bevölkerung reduzierte sich (bis zum 31.3.1943) auf 31.910 Jüdinnen und Juden, davon 18.515 In Berlin.

3. Mitglieder in den jüdischen Gemeinden 1955 – 2022

Es bestehen (2020) 119 jüdische Gemeinden in Deutschland, davon sind 104 Mitglied beim Zentralrat der Juden und 26 bei der Union Progressiver Juden. Einige Gemeinden sind Mitglieder in beiden Organisationen. Allerdings ist das Verhältnis der beiden Organisationen nicht immer konfliktfrei, z. B. 2004, als es im Streit um staatliche Gelder ging.

Mit dem Beginn der Zählungen werden 1955, im damaligen westlichen Bundesgebiet, 16.000 Mitglieder jüdischer Gemeinden gezählt, die in der „Mitgliederstatistik 2022 der jüdischen Gemeinden in Deutschland“ detailliert dokumentiert sind.

Diese Mitgliederzahlen steigen bis 1965 auf 25.000 Mitglieder und verharren von 1966 bis 1989 auf gleichbleibend durchschnittlich 27.400 Mitgliedern. Danach beginnt ein kontinuierlicher Anstieg der Mitgliederzahlen, die ihren Höchststand mit 108.000 Mitgliedern im Jahr 2006 erreicht.

In einer umfangreichen Statistik werden die verschiedenen Aspekte der Mitgliederveränderungen („Zugänge“ / „Abgänge“) seit 1990 aufgelistet.

In der Pressemitteilung zur Mitgliederstatistik 2022 werden einige Gründer der Veränderungen genannt: Zuwanderung, Wegfall einer Gemeinde, negative Entwicklung der Geburten.

„‘Seit 2006 sind die Mitgliederzahlen rückläufig. Im Jahr 2022 hätte es anders sein können. 1661 Personen aus dem Ausland haben sich 2022 entschieden, Mitglied einer jüdischen Gemeinde zu werden. Die meisten von ihnen stammen aus der Ukraine. Die Gemeinden waren in der Lage, schnell zu helfen. Die Anmeldungen in den Gemeinden zeigen, dass es gute Gründe für diesen Schritt gab. 2643 ´Abgängen` stehen 2686 ´Zugänge` gegenüber. Der Wegfall einer Gemeinde zählt jedoch als zusätzlicher ´Abgang`. Ein leichter Rückgang der Fortzüge und eine negative Entwicklung der Geburten könnten auf zukünftige Herausforderungen hinweisen.‘ (Chajm Guski, Publizist, Autor und Blogger, Mitglied der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen).“

In einer BAMF-Ausarbeitung über die jüdische Zuwanderung (S. 25) heißt es dazu, dass in den 1990er-Jahren den jüdischen Gemeinden letztlich ein Aussterben drohte, dem durch die Einwanderung entgegengewirkt worden sei.

„In den 1990er-Jahren – vor der Zuwanderung – zählten die jüdischen Gemeinden deutschlandweit insgesamt nur 30.000 Mitglieder. In der Leipziger Gemeinde gab es beispielsweise 1991 genau 34 Jüdinnen und Juden. Die Altersstruktur war allgemein so angelegt, dass ihnen in einer gewissen Zeit eine Überalterung und letztendlich ein Aussterben drohte. Die jüdischen Einwanderinnen und Einwanderer konnten dem entgegenwirken.“

Diese Darstellung lässt sich an den Daten der Altersgliederung der Jüdischen Gemeinden prüfen, mit dem Ergebnis, dass diese Tatsachenbehauptung zumindest fragwürdig ist. Hinsichtlich der Erhöhung der Gesamtzahl ist sie zwar richtig, bezüglich des Altersaufbaus aber falsch.

Was sich in der Grafik offensichtlich darstellt – die überproportionale Steigerung des Anteils der 61-Jahre-und-Älteren, heißt in Zahlen: im Jahr 1989, also vor der Zuwanderung, betrug der Anteil der Mitglieder über 61 Jahren 32 Prozent, 2022 beträgt der Anteil dieser Älteren 48 Prozent.

Für die ‚interne Entwicklung‘ ist das Verhältnis Geburten vs. Todesfälle wesentlich. 1990 gab es 109 Geburten und 431 Todesfälle, 2022 sind es 140 Geburten und 1.752 Todesfälle. Mit anderen Worten: Die Steigerung der Mitgliederzahl verdeckt, dass das Geburtendefizit größer geworden ist, was heißt, dass auf dem nun zwar höheren Niveau der Anzahl, der Rückgang der Mitgliederzahlen schneller ist, als vor der Zuwanderung.

Stellt man die Daten der Statistik der Jüdischen Gemeinden über die „Zugänge“ aus den ehemaligen SU-Staaten in einen Zusammenhang mit der Mitgliederentwicklung, so ergibt sich, dass die hypothetische Mitgliederzahl der Jüdischen Gemeinden – ohne Zuwanderung – sich im Jahr 2022 nur noch auf rund 13.000 Mitglieder belaufen hätte.

Die hypothetische Mitgliederzahl ergibt sich dabei als Differenz zwischen der Zuwanderung minus Sterbeüberschuss (grüne Säulen) zur Mitgliederzahl (blaue Säulen). Der Sterbeüberschuss wurde aus den Zuwanderungszahlen herausgerechnet, um den Einfluss des älteren Altersaufbaues der Zuwanderung zu minimieren.

4. Fragen der Zuwanderung

4.1. Einreisen aus den ehemaligen SU-Staaten

In der BAMF-Ausarbeitung „Die Aufnahme jüdischer Zuwandernder aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion“ wird die Situation ab 1991 geschildert, die zu beachtlichen Einreisezahlen von Juden nach Deutschland führte.

„Nachdem die Regierung der ehemaligen DDR beschlossen hatte, jüdische Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion in der DDR aufzunehmen, wurde die Aufnahme nach der Wende von der Bundesrepublik Deutschland weitergeführt und neu geregelt. Am 9.Januar 1991 beschloss die Ministerpräsidentenkonferenz in Abstimmung mit dem Bundeskanzler und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, die Einreise jüdischer Zuwandernder aus der ehemaligen Sowjetunion nach dem „Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommenen Flüchtlinge“ (sogenanntes Kontingentflüchtlingsgesetz) zu ermöglichen. Aufgenommen wurden Menschen, die jüdisch sind bzw. mindestens einen jüdischen Elternteil haben – zusammen mit ihren Eheleuten und ihren Kindern. Das Verfahren wurde in Zusammenwirken mit den Bundesländern durch das Auswärtige Amt über die Auslandsvertretungen in den Herkunftsländern der ehemaligen Sowjetunion durchgeführt.“

Ab dem Jahr 2005 wurden die Bestimmungen geändert, d. h. neu gefasst und das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) für die Anerkennungsverfahren für zuständig erklärt.

„Mit dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2005 wurde die jüdische Zuwanderung neu geregelt, das Kontingentflüchtlingsgesetz entfiel. […]Es wurden neue Voraussetzungen für die Aufnahme in Deutschland geschaffen. Das Aufnahmeverfahren orientierte sich vor allem auch an den Integrationsmöglichkeiten jüdischer Zuwandernder in Deutschland bzw.in einer der hiesigen jüdischen Gemeinden. Die Zentrale Wohlfahrtstelle für Juden (ZWSt) und die Union Progressiver Juden (UPJ) sind bei der Frage der Aufnahmemöglichkeiten in einer der jüdischen Gemeinden in Deutschland eng eingebunden.“

Was hier vom BAMF etwas verklausuliert beschrieben wird, „eng eingebunden“, bedeutete, dass die religiöse Orientierung und Aufnahme in einer jüdischen Gemeinde eines der Kriterien wurde. Die Einreisezahlen reduzierten sich. Dazu heißt es seitens der BAMF, dass eine „positive Integrationsprognose“ erforderlich sei.

„Ein maßgebliches Steuerungselement für die jüdische Zuwanderung ist seit dem Jahr 2005 die sogenannte positive Integrationsprognose. Diese Prognose belegt die Aussicht auf eine eigenständige Sicherung des Lebensunterhaltes im Falle der Einwanderung nach Deutschland. Die Integrationsprognose wird auf Grundlage eines Punktekatalogs getroffen. Als Kriterien für ein hohes Integrationspotenzial gelten zum Beispiel ein niedriges Lebensalter, die schulische und berufliche Qualifikation sowie die deutschen Sprachkenntnisse. Das familiäre Umfeld und die Mitgliedschaft in einer jüdischen Organisation werden mitberücksichtigt.“

Die eigentlichen Gründe für die Neuregelung werden im Dezember 2004 in dem Artikel „Diskussion um jüdische Zuwanderer“ der Deutschen Welle genannt: Aufgrund ihres Alters und der niedrigen Sprachqualifikation seien 85 Prozent der bisherigen Zuwanderer dauerhaft auf Sozialhilfe angewiesen.

„Nach Presseberichten will die Bundesregierung den Zuzug von Juden aus der früheren Sowjetunion deutlich begrenzen. So soll das Beherrschen der deutschen Sprache Voraussetzung werden. Zuzügler sollen maximal 45 Jahre alt sein und nachweisen, dass sie nicht auf Sozialhilfe angewiesen sein werden. Zudem müssen sie die Einladung einer jüdischen Gemeinde in Deutschland vorlegen. Damit würde sich die Zahl der Zuzügler aus der Ex-Sowjetunion drastisch reduzieren. Spiegel bestätigte in der Zeitung „Jüdische Allgemeine“ vom 23. Dezember, dass gegenwärtig 85 Prozent der Zuwanderer dauerhaft von der Sozialhilfe abhängig seien. Gründe dafür seien deren Alter und eine niedrige Sprachqualifikation.“

Die Folge dieser Veränderungen, auf Grundlage der Bewertungen durch deutsche Behörden, wer Jüdin bzw. Jude sei, waren gravierend: Die durchschnittlichen Einreisezahlen (für 1993 – 2005) von jährlich 15.200 Jüdinnen und Juden verringerte sich (für 2006-2021) auf jährlich durchschnittlich 860 Personen.

In einem Tagungsbericht der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum: „Russischsprachige Diaspora in Deutschland & Israel“ (November 2019), werden fast 250.000 Menschen „jüdischer Nationalität“ genannt, die nach 1991 ein Aufenthaltsrecht in Deutschland bekamen.

„Das Ende der Sowjetunion war der Anfang einer großen Auswanderungsbewegung. Über eine Millionen Menschen verließ die Sowjetunion in Richtung Israel, über zwei Millionen erhielten als Volkszugehörige die deutsche Staatsbürgerschaft, fast 250.000 Menschen „jüdischer Nationalität“ ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht in Deutschland.“

Die Bemerkung in der Mitgliederstatistik 2022, dass vor allem die höhere Anzahl der Zuwanderung aus der Ukraine sich positiv auf die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinden ausgewirkt habe, ist dabei kein neues Phänomen. Das BAMF (2022) stellt diese Zunahme einer Zuwanderung aus der Ukraine bereits seit 2014 fest.

„Die politischen Entwicklungen in der Ost-Ukraine haben ab dem Jahr 2014 zu einer Zunahme der Anträge auf Aufnahme in Deutschland geführt. Die Bearbeitung dieser Anträge erfolgt vorrangig und bei einer Aufnahme ist es in diesen Fällen ausnahmsweise möglich, den Nachweis über Grundkenntnisse der deutschen Sprache innerhalb von zwölf Monaten nach der Einreise zu erwerben. (Anpassung der Anordnung des BMI im Januar 2015)“

Für die Jahre 2015-2020 zu den Herkunftsländern der ‚Antragszahlen‘ wird (BAMF 2022, S. 17) festgestellt, dass 68 Prozent aus der Ukraine stammen, 26 Prozent aus der Russischen Föderation sowie weitere sechs Prozent aus Belarus, Aserbaidschan und Moldau.

Setzt man diese Daten (des BAMF und der Jüdischen Gemeinden) nebeneinander, so ergibt sich für die Einreisen nach Deutschland und den Zugängen in den jüdischen Gemeinden, dass stets nur ein Anteil der Einreisenden sich in den Gemeinden wiederfinden lässt. Waren diese ‚Defizite‘ für die erste ‚Kontingentphase‘ (1993-2005) mit 56 Prozent deutlich höher, als in der zweiten Phase (2006-2021) mit 27 Prozent, bleibt dieses Phänomen, wenn auch auf niederem Niveau, erhalten.

Für diesen Zeitraum zusammengefasst heißt es, dass von den 211.000 Zugereisten aus den ehemaligen SU-Staaten sich 113.000 (= 54 Prozent) nicht für die Option einer Mitgliedschaft in einer religiösen jüdischen Organisation in Deutschland entschieden haben.

Neben dem Zentralrat der Juden in Deutschland besteht (seit 1997) noch eine „Union progressiver Juden in Deutschland“, für deren 26 Gemeinden rund 5.200 Mitglieder genannt werden. Sie verstehen sich als „liberale Juden“.

4.2. Einreisen aus Israel

Neben den Einreisen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion gibt es weitere Zuwanderungen, vor allem aus Israel. Die Zahlen sind nicht hinreichend bekannt, gelten aber als sensible Daten, da es ja um eine Zuwanderung in das „Land der Täter“ handelt.

Im Deutschen Bundestag wurde diese Thematik auch erörtert – pointiert in der Frage, wie viele Israelis die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt haben und eingebürgert wurden. Es war das Thema von zwei Parlamentarischen Anfragen, aus denen aber auch hervorgeht, dass Israelis, die auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, in diesen Zahlen nicht enthalten sind.

„Die Zahl der in Deutschland lebenden israelischen Staatsangehörigen ist ein Thema der Antwort der Bundesregierung (18/10789) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (18/10723), Danach lebten ausweislich des Ausländerzentralregisters (AZR) am 30. November vergangenen Jahres [2016] 13.289 israelische Staatsangehörige in der Bundesrepublik, „wobei aufhältige Personen mit einem Visum sowie israelische Staatsangehörige, die auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, im AZR nicht erfasst werden“. Wie aus der Antwort ferner hervor geht, sind in den Jahren 2000 bis einschließlich 2015 insgesamt 33.321 israelische Staatsangehörige in Deutschland eingebürgert worden; darunter 31.722 mit und 1.599 ohne fortbestehende bisherige Staatsangehörigkeit.“

Für den Zeitraum 2000 bis 2015 sind es 33.321 Israelis, die eingebürgert wurden, der größte Teil (95 Prozent) mit doppelter Staatsbürgerschaft.

Als besonderer ‚Anziehungspunkt‘ in Deutschland gilt Berlin, ein ‚Hotspot‘ jüdischer Tradition und Geschichte in Deutschland. Laut Volkszählung lebten 1925 insgesamt 172.672 Israeliten in Berlin, das waren 4,3 Prozent der Bevölkerung, gegenüber 0,9 Prozent im gesamten Deutschen Reich. 1987 lebten in West-Berlin 5.671 Angehörige der jüdischen Religionsgemeinschaft, das waren 0,3 Prozent der Bevölkerung.

Dazu schreibt Dani Kranz in: „Israelis in Berlin. Wie viele sind es und was zieht sie nach Berlin?“ (2015), warum das Ausmaß der Auswanderung von Israelis nach Deutschland überschätzt wird.

„In Deutschland und speziell in Berlin leben also deutlich mehr Israelis als von der offiziellen Statistik erfasst werden; gleichzeitig sind es aber auch deutlich weniger als medial angenommen. Es stellt sich die Frage, warum ihre Zahl so stark überschätzt wird. Die Antwort ist vielschichtig. Neben der Unmöglichkeit, eine genaue Zahl auf Basis der vorhandenen Statistiken zu ermitteln, spielen die geschichtliche und die ideologische Ebene eine Rolle: Auswanderung ist und bleibt ein wunder Punkt für Israel. Demografie wird als Schicksal empfunden und jeder ausgewanderte Jude als ein Verlust für das Land erlebt. […] Diese emotionale Aufladung führt zu gesteigerter Aufmerksamkeit und Thematisierung und sorgt letztlich dafür, dass das Ausmaß der Auswanderung nach Deutschland überschätzt wird.“

Sie kommt zu dem Ergebnis, „dass tatsächlich fast doppelt so viele Israelis in Berlin leben, wie die Statistik von Berlin Brandenburg angibt [6.265], nämlich rund 11.000.“

In einer weiteren Untersuchung von Dani Kranz et. al. (2022) „Warum ausgerechnet Deutschland?“ werden 20.000 Neuzuwanderer nach Deutschland aus Israel genannt. Aus der Beschreibung geht hervor, dass sie sich nicht unbedingt den bestehenden Jüdischen Gemeinden anschließen.

„A Double Burden bietet spannende Antworten mit einer empirisch untermauerten Gesamtschau. So geht aus den durchgeführten – von der German-Israeli Foundation (GIF) geförderten – Umfragen und Interviews klar hervor, dass sich vorrangig hoch qualifizierte, junge und eher säkular orientierte Israelis mit aschkenasischem Hintergrund für Deutschland entscheiden.“

Diese Zahlenangaben beziehen sich wohl auf Berlin, da sie von den bereits genannten Zahlen der Einbürgerungen in Deutschland bereits übertroffen wird.

Zwischenfazit: In der „Berman Jewish Data Bank“ werden für Deutschland im Jahr 2018 insgesamt 116.000 Personen als Juden genannt, was den Zahlen der religiösen Jüdischen Gemeinden und der Union Progressiver Juden entspricht. Diese Angaben haben einen weiteren Rahmen von 225.000 bis 275.000 aufgrund der Zuwanderungsgesetze.

Diese Zahlenangaben erscheinen plausibel. Bildet man die Summe aus 91.000 Mitgliedern der Jüdischen Gemeinden, 7.000 der Union Progressiver Juden, 113.000 Zugereiste, die sich nicht religiös organisiert haben und schätzungsweise 20.000 Israelis, die in Berlin leben, so ist es eine Gesamtzahl von 264.000 Personen.

5. Organisierte / Unorganisierte

Geht man von diesen Zahlenangaben aus, so sind von den In Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden (2022) rund 100.000 religiös organisiert, was bei einer Gesamtzahl von rund 260.000 einen Anteil von rund 40 Prozent bedeutet. Das würde heißen, dass die Mehrzahl der Juden in Deutschland (60 Prozent) keine religiöse Begründung/Organisierung braucht.

Um das weiter zu differenzieren, begibt man sich allerdings in eine komplizierte ‚Gemengelage‘ verschiedener Aspekte.

In der Frage, wie bestimmte Zugehörigkeit zugesprochen oder selbst gesehen werden, gibt es im religiös-weltanschaulichen Bereich zumindest vier Aspekte, die dabei zu beachten sind: Religion, Ethnie/Herkunft, Kultur sowie (speziell für Israel) die Staatszugehörigkeit. Diese Aspekte sind im Einzelnen alle recht genau zu benennen. Kurz gesagt: Für die Religiösen gelten die ‚heiligen Bücher‘, für den Aspekt Ethnie/Herkunft die Tradition, für die Kultur alles das ohne eine religiöse Begründung und für die Politik den Staat Israel. Alle diese Aspekte treten nun aber in verschiedensten Kombinationen und Intensitäten auf.

Es beginnt bereits bei der (falschen) Gleichsetzung des Staates Israel und des Volkes Israel. Beim politisch/völkerrechtlichen Subjekt „Staat Israel“ ist es dann noch die Frage, „Ist Israel ein jüdischer Staat“ bzw. „Ist es der Staat der Juden“? Die erste Frage kann man positiv beantworten – was sich bereits in der Staatsflagge mit dem Davidstern zeigt und in den nach religiösen Bestimmungen großenteils organisierten Alltag –, die zweite Frage muss man verneinen, da nur rund 80 Prozent der Bevölkerung sich als Juden verstehen, rund 20 Prozent sind muslimisch/arabisch. Die Thematik der „israelischen Araber“ ist bekannt und wurde z. B. umfangreich bereits 1998 in dem Artikel von Jan Šenkyr „Die Situation der israelischen Araber. Eine Herausforderung für den Staat Israel?“ beschrieben. Das „Volk Israel“ ist dagegen ein ethnisch/religiöser Bund der ursprünglichen zwölf Stämme Israels mit einem religiösen Überbau zur Gemeinschaftsbildung, d. h. alle Juden, weltweit.

Exkurs: Bevölkerung in Israel

Eine empirische Studie aus dem Jahr 2009 („A Portrait of Israeli Jews. Beliefs, Observance, and Values of Israeli Jews.”) beschreibt die komplexen Zusammenhänge der Gemeinsamkeiten und Diskrepanzen zwischen Tradition, Kultur und Religion.

“Auch wenn es Unterschiede in den Mustern und Dosierungen gibt, zeigen alle drei Umfragen, dass das Judentum im Bewusstsein vieler israelischer Juden präsent ist und sich vor allem in der Einhaltung von Bräuchen und Ritualen, aber auch in Glauben und Werten zum Ausdruck kommt.
Die Ergebnisse zeigen eine starke Korrelation zwischen der Art und Weise, wie israelische Juden sich in Bezug auf ihre Religion definieren (Haredi, orthodox, traditionell, nicht religiös oder antireligiös) und dem Ausmaß, in dem sie die jüdische Tradition beachten.“

Zu den Religionszugehörigkeiten heißt es, dass rund die Hälfte der Juden in Israel sich als nichtreligiös verstehen.

„Im Laufe der Jahre haben sich die Definition der Religiosität der israelischen Juden und das Ausmaß, in dem sie sich an die religiöse Tradition halten, verändert: […] zwischen 1999 und 2009 stieg der Prozentsatz der israelischen Juden, die sich in hohem Maße an die religiöse Tradition halten (von 19 % auf 26 %). Darüber hinaus bezeichneten sich 2009 mehr israelische Juden als orthodox oder Haredi als 1999 (22 % bzw. 16 %). Dementsprechend bezeichnete sich ein kleinerer Prozentsatz der Juden 2009 als säkular, aber nicht antireligiös oder als säkular und antireligiös als im Jahr 1999 (46 % bzw. 52 %).“

2015 bezeichneten sich, in einer weltweiten WIN-Gallup-Studie „Voice of the poeple 2015 (Seite 134), 65 Prozent der israelischen Befragten als nicht religiös (57 Prozent) oder Atheisten (8 Prozent). Diese Tendenzen zeigen sich ähnlich in einer PEW-Studie (2015), über die fowid bereits berichtete („Israels religiös gespaltene Gesellschaft“).

Auch hinsichtlich der Frage an israelische Juden, welche Begriffe sie für sich selbst als Identität verwenden würden, sind es 51 Prozent, die sagen „jüdisch“, und 41 Prozent, die sagen „Israeli“.

Die Säkularen Juden verstehen sich zu mehr als 60 Prozent als „Israelis“, die Religiösen (Orthodoxe und Haredi) zu knapp 80 Prozent als „Jüdisch“.

Diese Unterschiede zeigen sich auch in Deutschland. In einem „Gemeindebarometer“ hat der Zentralrat der Juden durch das Institut infas eine Umfrage (von Ende September bis Ende Dezember 2019) realisiert und als „Ergebnisse einer Befragung unter Jüdinnen und Juden in Deutschland“ publiziert. In der Umfrage werden Mitglieder der Jüdischen Gemeinden, Ausgetretene und Nichtmitglieder auch zu ihrem Selbstbild befragt, was je nach „Art der jüdischen Strömung“ unterschiedlich beantwortet wird. Die Mehrheit sagt jedoch, durch eine jüdische Mutter selber jüdisch zu sein.

„Die Gruppe der Mitglieder ist in der Mehrheit jüdisch durch eine jüdische Mutter; dies trifft auf 82 Prozent der Mitglieder zu. Fast jedes fünfte befragte Mitglied ist jüdisch durch Übertritt (Giur). Unter den ehemaligen Mitgliedern liegt der Anteil der Personen mit einer jüdischen Mutter sogar bei 92 Prozent, und der Anteil der durch Giur Übergetretenen reduziert sich entsprechend auf 8 Prozent. Ein anderes Bild ergibt sich für die Nichtmitglieder: Die Tatsache, dass ausschließlich der Vater jüdisch ist, trifft hier auf 29 Prozent zu. Eine jüdische Mutter geben etwa 6 von 10 Befragten an und etwa jedes zehnte Nichtmitglied den eigenen Übertritt.“

Die fünf „Strömungen“ werden mit vier „Selbstbildern“ kombiniert und die Unterschiede sind deutlich.

„Diese Information wird ergänzt durch das erhobene Selbstbild als Jüdin bzw. Jude von observant, traditionell, spirituell bis hin zu säkular und ergibt in der Kombination ein vielschichtiges Bild. So fällt in allen drei Gruppen der Anteil der sich als observant Bezeichnenden unter den Anhängern der orthodoxen Strömung vergleichsweise am größten aus. Unter den Anhängern der liberalen und der kulturellen Strömung sehen sich wiederum hohe Anteile als säkular ausgerichtet. Eine spirituelle Ausrichtung wird insgesamt eher selten vertreten, und wenn ja, ist diese vor allen Dingen eher unter der liberalen Strömung präsent.“

6. Fazit

Innenbetrachtung: Eine Begrenzung auf die jüdischen religiösen Organisationen und ihre Mitglieder wird der Vielfältigkeit und dem Reichtum der jüdischen Kultur nicht gerecht. Davon abgesehen sind die religiösen Organisationen dabei nicht nur in der Minderheit, sondern die Mitgliederzahlen der jüdischen Kultusgemeinden in Deutschland verringern sich kontinuierlich. Im Anstieg dieser Mitgliederzahlen aus den ehemaligen SU-Staaten wurde diese Entwicklung durch den Anstieg erst verdeckt, ist aber seit 2006 unübersehbar und wird sich in den kommenden Jahren noch beschleunigen. Gründe dafür sind eine Überalterung und der Nachwuchsmangel, wie er in Deutschland auch bei anderen größeren wie kleineren christlichen Organisationen (Amtskirchen und u. a. Neuapostolische Kirche oder den evangelischen Freikirchen festzustellen ist. Die Jugend geht zudem den religiösen Organisationen als Mitglieder verloren und wenn sie dennoch Mitglieder sind, so orientiert sich ihre Weltanschauung mehrheitlich nicht mehr an religiösen Lehren. Und das gilt nicht nur für die christlichen Kirchen.

Außenbetrachtung: Wie bei „den Muslimen“ wird auch bei „den Juden“ jegliche Differenzierung nicht genannt, nicht beschrieben, sondern in der Pauschalisierung geleugnet – was allerdings durch die Begriffe „Zentralrat der Muslime“ bzw. „Zentralrat der Juden“ mit befördert wird. Und, als weitere Gemeinsamkeit: Trotz der Tatsache, dass die ethnisch-religiös geprägten jüdischen Gemeinden und vor allem die muslimischen Verbände nicht die Mehrheit „der Juden“ bzw. „der Muslime“ repräsentieren, bestimmen sie den öffentlichen politischen Diskurs. Das entspricht zwar der Logik einer „Verbändedemokratie“, missachtet aber den Grundsatz der Repräsentanz aller Interessen, vor allem einer säkularen Weltanschauung.

Carsten Frerk.