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Deutschland: Die Konfessionen

Volkszählungen sind wie genaue Momentaufnahmen der formalen Religionszugehörigkeiten. Alles andere sind Fortschreibungen und Schätzungen. Aber in dem Vergleich dieser Momentaufnahmen zeigen sich auch (dynamische) Veränderungen, zum Beispiel im Vergleich der Altersgruppen und Geburtenjahrgänge. Und es lässt sich recht genau feststellen, seit wann und inwiefern es Veränderungen im Religionsgefüge in Deutschland gibt.

Von Carsten Frerk

Das Projekt zu diesem Thema ist so umfangreich, dass es in fünf Texte untergliedert wurde, die in loser Reihenfolge nacheinander veröffentlicht werden: 1. Die Konfessionen, 2. Der protestantische Norden, 3. Der katholische Süden und Westen, 4. Der entkirchlichte Osten, 5. Die säkularisierten Großstädte.

Die Konfessionen

Seit 1871 werden in Deutschland nationale Volkszählungen durchgeführt, in denen auch die Religionszugehörigkeiten der Bevölkerung erfasst sind. Während die Mitgliederzahlen der beiden großen Körperschaften (Evangelisch – heute – EKD bzw. Römisch-Katholisch) durchgehend vorhanden sind, geht es bei den kleineren Religionsgesellschaften und aktuelleren Entwicklungen ziemlich durcheinander, wer wie gezählt und zugeordnet wird. Beispiele.

1900 werden in der Volkszählung[1] detailliert 222 verschiedene Religionsmerkmale erfasst, die dann zu fünf Hauptkategorien zusammengefasst werden: I. Christen (98,7 Prozent) mit 1. Evangelisch (49 Denominationen), 2. Katholisch (mit 29 Untergruppen), und 3. Andere Christen (mit 89 Denominationen) II. Israeliten (ohne weitere Untergliederungen, 0,1 Prozent), III. Bekenner sonstiger nicht christlicher Religionen (mit 14 Konfessionen, 0,0 Prozent), IV. Personen anderen Bekenntnisses (0,02 Prozent mit 21 Gruppen, darunter Freidenker, Cogitanten, Atheisten, ohne Religion, Konfessionslose, Humanisten, Naturalisten) sowie V. Ohne Angabe des Religionsbekenntnis (0,01 Prozent).

In den Zahlen aus der Volkszählung von 1939 (inklusive Österreich) wurden dargestellt: Angehörige der evangelischen Landeskirche (Deutsche Evangelische Kirche) oder Freikirchen (48,6 Prozent), übrige Christen (0,5), zusammen 49,1 Prozent. Angehörige der römisch-katholischen Kirche (46,4 Prozent), Glaubensjuden (0,3), Angehörige sonstiger nichtchristlicher Religionsgesellschaften und Angehörige (lediglich) religiös weltanschaulicher Gemeinschaften (0,1), Gottgläubige (3,0), Glaubenslose (1,1).

Für die Volkszählung 1946 werden neben den Evangelischen Landes- und Freikirchen (49,7 Prozent) die Angehörigen der römisch-katholischen Kirche (45,9), Israeliten (0,3), die Angehörigen sonstiger Religionsgemeinschaften (1,1) noch die Gemeinschaftslosen und Personen ohne Angabe (3,0) genannt.

In der Volkszählung 1950 gab es: Angehörige… der Evangelischen Kirche in Deutschland (49,6 Prozent), der freikirchlichen evangelischen Gemeinden (1,0), der abendländischen romfreien katholischen Kirchen (0,05), der morgenländischen-katholischen Kirche (0,1), zusammen: 50,7 Prozent. Angehörige der römisch-katholischen Kirche (45,8 Prozent), der jüdischen Religionsgemeinschaft (0,03), anderer Volks- und Weltreligionen (0,007), sowie Freireligiöse und Freidenker (3,2).

Die Volkszählung 1961 nennt Angehörige…: der Evangelischen Kirche in Deutschland (49,6 Prozent), der Evangelischen Freikirchen (0,6), der Ostkirchen (o. A.), der altkatholischen Kirche und verwandter Gruppen (o. A.), christlich orientierter Sondergemeinschaften (0,8), zusammen: 51,1 Prozent. Angehörige der römisch-katholischen Kirche (45,5 Prozent), der jüdischen Religionsgemeinschaft (0,03), anderer Volks- und Weltreligionen (0,2), Freireligiöse und Weltanschauungsgemeinschaften (0,2) sowie Gemeinschaftslose (2,4).

1970 werden die Ergebnisse der Volkszählung[2] in der Veröffentlichung nur in den üblichen fünf Kategorien dargestellt (Evangelische Kirche, Römisch-Katholische Kirche, Jüdische Religionsgemeinschaft, Sonstige Religionsgemeinschaften, Gemeinschaftslos). Aus dem dazu gehörenden Schlüsselverzeichnis wird jedoch deutlich, dass die Anzahl der erfassten Bekenntnisse erheblich größer ist: „Evangelische Kirche (ohne Freikirche), evangelische Freikirche, römisch-katholische Kirche, sonstige christliche Gemeinschaften, jüdische Religionsgemeinschaft, gemeinschaftslos, sonstige religiöse Gemeinschaften, ohne Angaben.“ Die „sonstigen religiösen Gemeinschaften“ erfassen dann in einer eigenen Frage: Orthodoxe Kirchen und Sondergruppen („Sekten“), Orientalische Nationalkirchen und Sondergruppen, Katholisches Bistum der Altkatholiken in Deutschland, Adventisten, Bibelforscher und verwandte Gruppen, Christengemeinschaft, Christliche Wissenschaft (Christian Science), Katholisch-apostolische, Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mennoniten), Neuapostolische Kirche, Pfingst- und Heiligungsbewegung, sonstige christlich orientierte Sondergemeinschaften [altkatholische Kirche und verwandte Gruppen / altkatholische ausländische Kirchen], andere Volks- und Weltreligionen, Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands, Religionsgemeinschaft deutscher Unitarier, Monisten und Freidenker, sonstige Weltanschauungsgemeinschaften [freireligiöse Weltanschauungsgemeinschaften / Theosophen und Anthroposophen / Lebensreformer], keine Angabe.“

Abgesehen von falschen Zuordnungen (anstatt der Mormonen werden die Mennoniten genannt) überrascht nur auf den ersten Blick, dass noch 1970 nach „Lebensreformern“ gefragt wird, denn diese Gruppierung gehörte auch zu den Mitbegründern der Partei Die Grünen 1980.

1987 werden bei der Volkszählung hinsichtlich der Religionszugehörigkeit ausschließlich erfasst: „Römisch-katholische Kirche, Evangelische Kirche, Evangelische Freikirche, Jüdische Religionsgesellschaft, Islamische Religionsgemeinschaft, andere Religionsgesellschaft, keiner Religionsgesellschaft rechtlich zugehörig“. Das Besondere war die Frage nach der Zugehörigkeit zum Islam. Es war das erste und einzige Mal, dass diese Frage in einer Volkszählung in Deutschland gestellt wurde. Die bestehende religionspolitische Frage: Wie viele Konfessionsfreie und wie viele Muslime gibt es und welche Merkmale haben sie?, wurde angenommen und beantwortet.

Eine Genauigkeit und ein Interesse, die im registergestützten Zensus 2011 wieder verloren gehen. Es werden nur die Mitglieder der religiösen Körperschaften des öffentlichen Rechts dargestellt, untergliedert nach Evangelisch, Römisch-Katholisch, evangelische Freikirchen, Orthodoxe, sonstige Christen, Jüdische Gemeinden. Die große Unbekannte, weil alles ‚in einen Topf geschmissen wird‘ – und das sind mehr als ein Drittel der Wohnbevölkerung -, sind alle Personen, die rechtlich keiner dieser Religionsgemeinschaften zugehören, also die Konfessionsfreien, die Muslime, Hindus, Buddhisten, u. v. a. m.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden in den Veröffentlichungen vereinfachend nur Hauptkategorien dargestellt.


1871 bis 1970

In den rund 100 Jahren von 1871 bis 1970 hat sich hinsichtlich der Angehörigen religiöser bzw. nicht-religiöser Organisationen kaum etwas verändert. Die beiden großen Kirchen bzw. Bekenntnisgruppen Evangelische und Katholiken haben mindestens 94 Prozent der Bevölkerung als Mitglieder. Die auftretenden Variationen sind vorrangig das Ergebnis von territorialen Veränderungen des jeweiligen Gebietsstandes, wie 1925 der Verlust von Katholiken (Verlust von Elsass-Lothringen, Posen, Westpreußen und Oberschlesien) sowie 1939 der Anstieg des Anteils der Katholiken durch die Rückgliederung des Saarlandes (1935) und den ‚Anschluss‘ Österreichs (1938).

Die größte Veränderung war die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR (deren Entwicklung in einem eigenen Beitrag thematisiert wird). Hatten die Evangelischen bis 1933 im Deutschen Reich eine durchgehende drei Fünftel-Mehrheit (über 60 Prozent) und waren bis 1919 Staatsreligion, so bestand auf dem Gebiet der Länder der späteren Bundesrepublik Deutschland durchgehend nur eine nahezu gleiche Größenordnung zwischen Evangelischen und Katholiken (51:48, 52:47, 51:44, etc.), die auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der interkonfessionellen politischen Gruppierung der CDU/CSU ihre religionspolitische Verankerung beider Kirchen erfuhr.

1987 bis 2011

Der Rückgang der Zahl der Kirchenmitglieder, der sich 1970 bereits leicht andeutete, wurde dann 1987 deutlich sichtbar. Kirchenaustritte, Sinken der Geburtenrate und Zuwanderungen reduzierten den Anteil der beiden großen Kirchen im Bundesgebiet auf 85 Prozent. Diese Entwicklung wurde dann bis 2011 durch die weitere Säkularisierung im Westen (Kirchenmitglieder verringern sich auf 71 Prozent) und die Deutsche Einheit (Kirchenmitglieder in den östlichen Bundesländer 24 Prozent) fortgesetzt, so dass der Anteil der Kirchenmitglieder 2011 in Deutschland sich insgesamt auf 61 Prozent verringert hat, mit weiter sinkender Tendenz.

Geburtenzyklen

In den folgenden Darstellungen zu den Ergebnissen der Volkszählungen nach Altersgruppen sind bei den verschiedenen Faktoren der Bevölkerungsveränderungen wie der Lebenserwartung, den Sterberaten sowie den Zu- und Abwanderungen insbesondere die Geburtenraten von Bedeutung, da sie im Deutschland des 20. Jahrhunderts mit ihren (bislang) vier Zyklen eine durchgehende Komponente auch für die Anzahl der Religionsmitglieder darstellen, von Zeitumständen zwar nicht unabhängig, aber wiederkehrend.

Dieser Zyklus beginnt 1920, als nach dem Rückgang der Geburten (um rund ein Drittel während des Ersten Weltkriegs), die wiedervereinigten Paare nach dem Ende des Krieges (wiederum ein Drittel) mehr Kinder zeugen. Der zweite Gipfelpunkt des Geburtenzyklus ist 19 Jahre später (1939), der dritte Gipfelpunkt 25 Jahre darauf (1964) und schließlich der vierte Gipfelpunkt 26 Jahre später (1990). Der nächste (und vermutlich letzte) wird 2018 sein, 28 Jahre später.

Diese Geburtenzyklen zeigen sich auch in den Zahlen der Kirchenmitglieder nach Altersgruppen bzw. den Geburtsjahrgängen. Alle weiteren Aspekte, u. a. inwieweit die Stärke des Rückgang nach dem dritten Gipfelpunkt (1964) durch den „Pillenknick“  beeinflusst wurde und das generelle weitere Abflachen des Geburtenzyklus durch die sinkenden Fertilitätsraten (durchschnittliche Kinderzahl pro Frau) soll hier nicht weiter vertieft werden.

1961

Die Religionszugehörigkeiten in der Volkszählung 1961 können stellvertretend für die Jahre seit 1871 stehen. Die beiden großen Kirchen sind überragend dominant, die Geburtenzyklen sind deutlich sichtbar und die Gruppe der „sonstigen Christen“ ist – auf niedrigem Niveau – stärker vorhanden als die „Nicht religiösen“. Die Mitglieder anderer Weltreligionen sind kaum nennenswert. Ihr Anteil beläuft sich auf 0,1 Prozent oder (ohne die Mitglieder der Jüdischen Gemeinden) 28.900 Personen, unter ihnen 24.400 Männer und 4.500 Frauen.

Die Parallelität in den absoluten Zahlen pro Altersgruppe ist auch ein Hinweis darauf, dass die oft behauptete höhere Kinderzahl der Katholiken sich nicht zeigt, sondern sie bei beiden Religionsgruppen gleichermaßen vorhanden ist. Ausschlaggebend sind wohl eher der soziökonomische Status und die Intensität der Religiosität.

Frauen / Männer

Ebenso zeigt diese Volkszählung, dass der höhere Frauenanteil unter den Kirchenmitgliedern nicht nur auf der längeren Lebenserwartung von Frauen und den höheren Kirchenaustritten von Männern beruht, sondern zudem eine Folge des Zweiten Weltkrieges ist. Erst in der Altersgruppen der 25-29-Jährigen (d. h. der Geburtsjahrgänge 1932 bis 1936, die 1945 jünger als 13 Jahre alt waren) ist der Normalzustand eines leicht höheren Männeranteils wieder vorhanden.

Diese ‚fehlenden‘ Männer sind in den folgenden Jahrzehnten ein wesentlicher Faktor für den höheren Frauenanteil sowohl bei den Evangelischen wie den Katholiken.

1987

Bei der Volkszählung 1987, der letzten Volkszählung im früheren Bundesgebiet – die von Protesten und Datenschutzregelungen begleitet war - wird sichtbar, dass sich einerseits hinsichtlich der Zahl der evangelischen und katholischen Kirchenmitglieder der Geburtenzyklus darstellt, dann andererseits, nach dem dritten Gipfelpunkt (links) der Rückgang der Geburten stärker ist, als historisch zu erwarten („Pillenknick“). Zudem ist ersichtlich, dass die Katholiken bei den Jüngeren mehr Mitglieder haben als die Evangelischen, was bei den Älteren umgekehrt ist.

Bei den Konfessionsfreien bestehen 1987 fünf Altersgruppen (der 25-49-Jährigen), die alle jeweils mehr als 500.000 Personen umfassen und die Geburtsjahrgänge 1942 bis 1962 beinhalten. Ihre absoluten Zahlen folgen jedoch nicht dem Geburtenzyklus.

Die anderen Religionsgemeinschaften bleiben dagegen marginal, auch die Angehörigen des Islam (2,7 Prozent), was in absoluten Zahlen heißt, dass die Muslime nur vier (jüngere) Altersgruppen aufzeigen, die um die 180.000 Personen beinhalten, alle anderen Altersgruppen, auch die jüngste sind weniger Personen.

Eine Generation (24 Jahre später) haben sich diese Entwicklungen weiter verstärkt. Der nächste Gipfelpunkt des Geburtenzyklus zeigt sich (2011) bei den 20-24-Jährigen Evangelischen und den Katholiken. Danach verringert sich – entsprechend dem generellen Altersaufbau der Bevölkerung – die Anzahl der getauften Kinder, wobei sich zudem der Abstand zwischen den Katholiken (mit höherer Kinderzahl) und Evangelischen verringert.

Bei den Personen, die nicht Mitglied einer öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaft sind - anders gesagt allen „Nicht-Christen“, bei denen es sich zu rund vier Fünfteln um „Konfessionsfreie“ handelt -, zeigt sich dieser Geburtenzyklus nur zum Teil. Die absoluten Zahlen der 30-60-Jährigen verlaufen parallel, jedoch auf höherem Niveau zu den Kirchenmitgliedern mit dem höchsten Anteil bei den 45-49-Jährigen (den Geburtsjahrgängen 1962-1966). Die Älteren sind nur zum geringeren Anteil „nicht-christlich“, während sich bei den Unter-30-Jährigen etwas anderes darstellt. Was genau das sein kann, dazu ausführlich im weiter unten stehenden Abschnitt „Konfessionsfreie und andere Nicht-Christen“.

1987 und 2011

Der Vergleich der beiden ‚Momentaufnahmen‘ der Volkszählung 1987 und des Zensus 2011 bezüglich der Anzahl der Kirchenmitglieder in (West-)Deutschland zeigt nach Verschiebung der Daten zu identischen Geburts-Jahrgangsgruppen: Die jüngsten Altersgruppen aus 1987 werden um 5 Altersgruppen verschoben, so dass sie die gleiche Kohorte sind wie die 25-29-Jährigen 2011, 24 Jahre später.

In den drei jüngsten Altersgruppen werden 2011 für beide Kirchen mehr Kirchenmitglieder gezählt, als 1987. Hypothese: Was auf den ersten Blick erstaunlich erscheint, beruht vermutlich auf der Zuwanderung nach Westdeutschland. Bei den Evangelischen werden es vermutlich die jüngeren Zuwanderer aus den östlichen Bundesländern sein sowie die zugewanderten evangelischen ‚Russlanddeutschen‘ aus Kasachstan, bei den Katholiken vermutlich vor allem jüngere katholische Polen.

In allen anderen Altersgruppen, die (2011) vierzig Jahre und älter sind, haben sich die Mitgliederzahlen der Geburtsjahrgangsgruppen von 1987 auf 2011 durchgehend verringert. Die Mitgliederzahlen der Katholiken (rote Linien) verringern sich ebenso wie die Mitgliederzahlen der Evangelischen (blaue Linien) in allen Geburtsjahrgängen in ähnlichen Größenordnungen.

In den dargestellten Altersgruppen (2011: 25 Jahre und älter) und 24 Jahren haben beide Kirche in den westlichen Bundesländern zusammen 6,3 Millionen weniger Mitglieder (mit Zuwanderung) bzw. 7 Millionen (ohne Zuwanderung). Im Jahresschnitt sind das Mitgliederverluste von 263.000 bzw. 291.000 Personen pro Jahr.

Ost-West-Anteile

Hinsichtlich der Altersgruppenuntergliederung erscheint es sinnvoll, sich zu vergegenwärtigen, wie sich der Altersaufbau 2011 insgesamt darstellt:

Die Verringerung der Mitgliederzahlen in den jüngeren Altersgruppen hat also nichts mit Religion zu tun, sondern entspricht einem allgemeinen demografischen Trend.

Welchen Anteil hat nun die Deutsche Einheit an den Veränderungen? Einen relativ geringen, da der Bevölkerungsanteil in den östlichen Bundesländern sich (2011, ohne Berücksichtigung der zwischenzeitlichen Wanderungsbewegungen) nur auf 16 Prozent beläuft.

Da der Anteil der Konfessionsfreien in den östlichen Bundesländern erheblich höher ist, als in den westlichen Bundesländern, hat das seinen Einfluss auf die Größenordnungen der absoluten Zahlen:

In den Altersgruppen variierend beträgt der Anteil der östlichen Bundesländer bei der Bevölkerung in Deutschland, die nicht Mitglied in einer öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaft ist, insgesamt 35 Prozent, also ein gutes Drittel. Das ist durchaus viel, aber auch nicht mehr.

Dreiteilung

Die bisher und auch sonst übliche Dreiteilung in Evangelisch, Katholisch und ‚Nicht-Christen‘, bei der dann die ‚Nicht-Christen‘ in allen Altersgruppen der 25-65-Jährigen jeweils höhere Zahlen aufweisen, als die für sich dargestellten Evangelischen und Katholiken, und den Eindruck suggerieren könnte, sie hätten die Mehrheit bei sich, ist allerdings eine Täuschung. Fasst man die Evangelischen und die Katholiken in einer Gruppe zusammen – und darum geht es ja bei allen Diskussionen um die Religionsverfassung in Deutschland -, haben die Amts-Christen eine klare Mehrheit.

Bis auf die jüngste Altersgruppe, in der die Mitglieder der Amts-Kirchen knapp unter 50 Prozent sind, haben die Amts-Kirchen die Mehrheit, insbesondere durch den letzten Gipfelpunkt im Geburtenzyklus bei den 15-19-Jährigen.

Konfessionsfreie und andere Nicht-Christen

Es ist ein weiter Bogen, der sich von 1880 bis 1987 spannt. 1880 heißt es in der Publikation zur Volkszählung[3]: „Ferner sind dieser Übersicht diesmal die Personen mit unbestimmter Angabe des Religionsbekenntnisses von denjenigen, welche dasselbe garnicht angegeben haben, getrennt aufgeführt. Der ersteren giebt es freilich im Deutschen Reich nur wenige, 3 138, und es kann daher ein besonderes Interesse sich an sie nicht knüpfen, so wenig wie an die Zahl der Personen ohne Angabe der Religion, deren 27 111 gezählt wurden.“ Von der damaligen Wohnbevölkerung des Deutschen Reiches, 45.234.061 Personen, sind das 0,0069 und 0,059 Prozent. Das gleiche betrifft die „Bekenner anderer [nicht-christlicher] Religionsbekenntnisse“ („Muhamedaner, Buddhisten u.a.“) mit 366 Personen, das sind 0,00081 Prozent.

1987, also gut 100 Jahre später, sind es in diesen drei Gruppen (bei einer Wohnbevölkerung von 61.077.042 Personen) in West-Deutschland bereits 9.432.466 Personen (= 15,5 Prozent), und weitere dreißig Jahre später, 2011, sind es in Gesamtdeutschland 31.151.210 Personen (= 38,9 Prozent), die weder evangelisch noch katholisch sind. Als Oberbegriff bietet sich „Nicht-Christen“ an, unter Inkaufnahme des Einbezugs kleinerer christlicher Gemeinschaften.

2011 zu 1987

Der Vergleich zwischen den beiden Volkszählungen über ein mehr oder weniger Personen in den identischen Geburtsjahrgängen zeigt, als ‚Momentaufnahme‘ den Unterschied zu den Kirchenmitglieder. (Dabei ist bekannt, dass „Westdeutschland 2011“ nicht die einfache Fortschreibung „Bundesgebiet 1987“ darstellt.)

Da nicht bekannt ist, in welchem Lebensalter diese (vorrangig) Konfessionsfreien aus der Kirche ausgetreten sind, kann das in allen möglichen Jahren gewesen sein. In dem Vergleich, der die Situation in den westlichen Bundesländern darstellt ist jedoch plausibel, dass es sich größtenteils um Konfessionsfreie der 1. Generation handeln wird, die also selber noch getauft wurden und erst später aus der Kirche ausgetreten sind, denn noch 1970 waren rund 94 Prozent der Bevölkerung in Westdeutschland Kirchenmitglieder.

Von der ältesten Altersgruppe der 80-84-Jährigen bis hin zu den 45-49-Jährigen steigen die Zahlen der Personen, die in Westdeutschland keiner öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaft angehören, kurz gesagt die ‚Nicht-Christen‘, kontinuierlich an. Der Gipfelpunkt in der Altersgruppe der 45-49-Jährigen, die Geburtsjahrgänge 1962-1966 (rund 1,7 Millionen Personen) ist zwar auch der zweite Gipfelpunkt der Anzahl der Kirchenmitglieder (wo viele sind, können auch viele austreten), ansonsten haben die Nicht-Christen aber ihre davon unabhängige Logik.

Ein Vergleich des Altersaufbaus der ‚Nicht-Christen‘ zeigt für 1987 (Bundesrepublik) und 2011 (Deutschland) weitgehend parallele Größenordnungen, wobei allerdings die absoluten Zahlen 2011 um das Drei- bis Vierfache höher sind. Ebenso parallel ist 2011 wie 1987 die geringste Zahl in den jüngeren Altersgruppen bei den 15-19-Jährigen.

Auch in einer Aufschlüsselung der absoluten Zahlen für die Altersgruppen der ‚Nicht-Christen‘ nach Bundesländern, wird dieser Aspekt deutlich. Egal ob in westlichen oder in östlichen Bundesländern haben die Altersgruppen der 15-19-Jährigen ‚Nicht-Christen‘ bei den jüngeren Altersgruppen die geringsten Personenzahlen.

Die Begründung dafür ist mindestens zweidimensional. Für die östlichen Bundesländer geht dieser Verringerung der absoluten Zahlen ein Rückgang in den Geburtenzahlen (in den Geburtsjahrgängen 1992 – 1996) parallel. Wenn weniger Kinder geboren werden, kann es, in absoluten Zahlen, auch nur weniger Konfessionsfreie geben.

Da dieses Phänomen aber auch bereits 1987 im westlichen Bundesgebiet zu erkennen ist, muss es noch einen anderen Grund dafür geben, der vor allem in des westlichen Bundesländern gilt. Gespräche mit Fachleuten der Bevölkerungswissenschaft erbrachten dafür keinen demographischen Hinweis. Es muss also in der Eigenart der ‚Nicht-Christen‘ selber liegen.

Wie bereits beschrieben handelt es sich bei den Eltern dieser ‚Nicht-Christen‘ vorranging um Konfessionsfreie der 1. Generation, die selber noch getauft waren und erst später aus der Kirche ausgetreten sind. Die Hypothese für die westlichen Bundesländern lautet, dass es noch keine familiäre konfessionsfreie Tradition gibt und die Eltern, obwohl selber aus der Kirche ausgetreten, ihre Kinder dennoch taufen lassen („Es hat mir ja auch nicht geschadet“), um sie in den sozialen Kontexten eher ländlicher Regionen mit christlichen Mehrheiten (im Kindergarten, in der Schule, etc.) nicht auszugrenzen.

Perspektive

Aus dem Altersaufbau der Kirchenmitglieder und der ‚Nicht-Christen‘ im Jahr 2011 lässt sich feststellen, dass die evangelischen und die katholischen Kirchenmitglieder älter sind als die ‚Nicht-Christen‘.

Das bezieht sich jedoch nicht auf die jüngste Altersgruppe der 0-24-Jährigen, bei denen für die Katholiken, für die Evangelischen und für die ‚Nicht-Christen‘ jeweils rund 600.000 Personen gezählt wurden.

Diese gleiche Größenordnung ist ein Hinweis darauf, dass die Muslime in Deutschland, die ja Teil der Gruppe der ‚Nicht-Christen‘ sind, keinerlei dominante Rolle spielen, was die Kinderzahl betrifft.

Es geht hier perspektivisch um die Altersgruppen der 25-49-Jährigen, die primär ‚kindergebärenden‘ Altersgruppen, die für die ‚Nicht-Christen‘ um rund 2 Millionen Personen größer ist, als bei den Evangelischen und bei den Katholiken.

Dieses Potential wird noch dadurch verstärkt, dass von den Evangelischen (im Jahr 2011) mehr als 6,5 Mio. Kirchenmitglieder älter als 65 Jahre sind, bei den Katholiken sind es rund 5,5 Mio. Kirchenmitglieder, bei den ‚Nicht-Christen‘ jedoch nur 3,8 Mio. Personen.

Wird sich dieses Potential umsetzen? Die Konfessionsfreien (u. a. höhere Bildung und Berufstätigkeit der Frauen) haben eine niedrigere Geburtenziffer als die Religiösen und die Geburtenziffern der Muslime in Deutschland haben sich denen der Einheimischen angeglichen. Falls sich also dieses ‚Geburtenpotential‘ nicht realisiert, wird sich die Anzahl der Konfessionsfreien durch die Kirchenaustritte sowie den Sterbeüberschuss der Christen zwangsläufig zugunsten der ‚Nicht-Christen‘ verändern.

Schätzungen gehen davon aus, dass voraussichtlich (spätestens) 2023 die Kirchenmitglieder der beiden großen Amts-Kirchen nicht mehr die Mehrheit der Wohnbevölkerung in Deutschland sein werden, also einen Anteil von weniger als 50 Prozent.

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[1] Kaiserliches Statistisches Amt (Hrsg.) Die Volkszählung vom 1. Dezember 1900. Statistik des Deutschen Reiches, Band 150, Erster Teil. Berlin: Puttkammer & Mühlbrecht, 1903, Seite 104 ff.

[2] Statistisches Bundesamt (Hrsg.) Reihe Bevölkerung und Kultur: „Volkszählung vom 27. Mai 1970. Heft 6. Bevölkerung nach der Religionszugehörigkeit.“ Wiesbaden: Kohlhammer, 1972.

[3] Kaiserliches Statistisches Amt (Hrsg.) Die Volkszählung im Deutschen Reich am 1. Dezember 1880. Zweiter Theil. Alter und Geschlecht, Familienstand, Geburtsort und Religionsbekenntniß der Bevölkerung. Band LVII, Teil 2 der Statistik des Deutschen Reiches. 1883. Neudruck: Osnabrück, Otto Zeller, 1969, S. LXXXIV.