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Was wissen wir über säkulare Menschen?

Das Buch „The Nonreligious“ von Phil Zuckermann, Luke W. Galen und Frank L. Pasquale setzt einen Meilenstein in der Darstellung der Themen, Probleme und Ergebnisse der Forschungen über säkulare Menschen und Kulturen. Es ist – auch angesichts des Anwachsens der Anteile von Nicht-Religiösen in der Welt – ein bisher vernachlässigtes Forschungsgebiet, was bereits im eigenen Interesse verändert werden sollte.

Von Carsten Frerk

Das gemeinsame Buch „The Nonreligious“ von Phil ZuckermannLuke W. Galen  und Frank L. Pasquale trägt den lakonischen Untertitel „Understanding Secular People Societies“ (erschienen 2016 in der Oxford University Press, New York) und hat den Anspruch alle Daten und Ergebnisse der Soziologie (Zuckermann), der Psychologie (Galen) und der Kulturanthropologie (Pasquale) über nicht-religiöse Menschen zusammenzubringen.

Es ist hier nicht der Ort, die 327 Seiten (inklusive 493 Fußnoten, 49 Seiten Literaturverzeichnis und einem 16seitigen Index) detailliert zu analysieren, dazu sind es zu viele Themen, die sie komprimiert darstellen.

Im ersten Kapitel schildern sie ihr Interesse, zu verstehen, wie Menschen eine Lebenseinstellung bzw. eine Weltanschauung bekommen, welche theoretischen Konzepte es dafür gibt, welche Begrifflichkeiten und Selbstverständnisse vorhanden sind und warum sie von einem abgestuften Kontinuum zwischen Religion und Säkularität ausgehen, das sie mit einem mehrdimensionalen Ansatz untersuchen. Die Kapitel 2 bis 4 behandeln die verschiedenen Formen der Säkularität auf der Welt, ihre historische Bedingtheit und gesellschaftliche Einbettung. Die Kapitel 5 bis 7 gehen den Fragen nach, wie und warum Menschen säkular werden, wie Persönlichkeit, Wahrnehmung und Familienerfahrung zusammenhängen, sowie die Fragen von Säkularität und dem eigenen Wohlbefinden. In den Kapiteln 8 bis 10 geht es dann um säkulare Moral und Ethik, um soziale und politische Einstellungen und Werte sowie um säkulares soziales und organisatorisches Verhalten.

Das Buch schließt (S. 223-226) mit einer „Conclusion“ (Zusammenfassung und Ausklang) die nachfolgend (übersetzt) die wichtigsten Ergebnisse und Schlussfolgerungen durch die Autoren selber formuliert.

Was wissen wir über säkulare Menschen?

„Unser Wunsch, diese Frage zu beantworten, war der wichtigste, zugrundeliegende Impuls für das Schreiben dieses Buches: In einem zusammenhängenden Band zusammenzufassen, was die bisherige sozialwissenschaftliche Forschung über nichtreligiöse Männer und Frauen in der heutigen Welt erbracht hat. Neben der Präsentation, der kritischen Analyse und Diskussion dieser bestehenden Forschungs­ergebnisse und der Versuche, die bisherigen methodischen und konzeptionellen Ansätze von Säkularität und Religiosität dabei nicht zu verkomplizieren, haben wir versucht, die zukünftige Forschung auf säkulare Menschen durch neue Wege zu gestalten und zu verbessern, die hoffentlich mehr Klarheit und eine verbesserte theoretisch-methodologische Strenge in der zukünftigen sozial­wissen­schaftlichen Forschung über das säkulares Leben und Identität erreicht.

Wie jedes soziale Phänomen - sei es Rasse, Geschlecht, Sexualität, Klasse, Nationalismus, Verbrechen usw., gibt es, wenn es um die Säkularität geht, eine große Menge an Komplexität. Wir haben uns bemüht, diese Komplexität in diesem Buch anzuerkennen, indem wir die Grenzen unserer Fähigkeit festlegten, konkrete erklärende Schluss­­folgerungen oder endgültige Feststellungen für diesen oder jenen Trend, das Muster oder die Tendenz zu ziehen. Das ist die Natur der Sozial­wissenschaften. Neben der Erkenntnis dieser unbestreitbaren Komplexität haben wir aber auch versucht, diese „besten Wahrheiten für jetzt“ zu erforschen und zu diskutieren, d. h. diejenigen Mittelwerte, Neigungen und Vorlieben, die durch bestehende Daten recht gut unterstützt werden.

Wenn es um die Säkularität und die Gesellschaft sowie um zeit­genössische säkulare Menschen geht - die Männer und Frauen, deren Denk- und Handlungs­weise gründlich, substantiell oder affirmativ „so weltlich“ sind und die ihre Angelegenheiten betreiben und die Natur, das Leben und das Dasein betrachten ohne Bezugnahme oder Glauben an übernatürliche Ideen oder Phänomene - hier sind einige der wichtigsten Dinge, die wir kennen:

• Es gibt heute mehr säkulare Menschen in der Welt als jemals zuvor und ihre Zahl nimmt in verschiedenen Ländern auf allen Kontinenten zu, von den Vereinigten Staaten, Japan und Schottland bis nach Kanada, Uruguay und Südafrika.

• Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte gibt es jetzt einige Gesellschaften, die äußerst säkular sind, und die meisten dieser hochsäkularen Gesellschaften gehören auch zu den stabilen und erfolgreichen Gesellschaften auf der Erde. Offensichtlich ist die säkulare Kultur - zumindest innerhalb funktionierender Demokratien - nicht die destabilisierende, chaotische Bedrohung für die soziale Stabilität, die viele fürchten.

• Es gibt eine breite Tendenz, dass die Säkularität zunimmt, wenn die Länder sich wirtschaftlich entwickeln, da die Gesellschaften institutionell komplexer und die Individuen existenziell sicherer werden. Allerdings ist diese Tendenz weder gleichmäßig verteilt auf der ganzen Welt noch unidirektional. Sie interagiert mit Traditionen, Geschichte, Politik und Kultur, um unterschiedliche regionale Ergebnisse zu produzieren.

• Die Säkularität ist am stärksten in Europa und der anglophonen Welt ebenso wie in Asien und am schwächsten in Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten (mit Ausnahme von Israel). Säkularität ist weit entfernt von monolithisch; was es heißt, säkular zu sein - und wie sich die Säkularität manifestiert und ausgedrückt wird - unterscheidet sich von Kultur zu Kultur.

• Männer sind im Durchschnitt eher säkular als Frauen, jüngere Menschen sind mit größerer Wahrschein­lichkeit säkularer als ältere Menschen, und weiße und asiatische Menschen sowie Menschen des jüdischen Erbes sind im Durchschnitt mit größerer Wahrscheinlichkeit säkularer als andere demographische Gruppen. Säkularität korreliert auch mit Intellektualismus und kognitiven Stilen, die durch eine Neigung zum komplexeren, analytischen und kritischen Denken gekennzeichnet sind.

• Die meisten Menschen, die in säkularen Familien aufgewachsen sind, neigen dazu, als Erwachsene selbst säkular zu werden. Genauso wie bei religiöser Identität, ist, wenn es um säkulare Identität geht, Sozialisation der Schlüssel. Jedoch wachsen viele Leute auf, die religiös erzogen wurden, die diese Religion zurückzuweisen und säkular werden. Solche Menschen tun dies aufgrund einer Vielzahl von Gründen, sei es einem erhöhtem Bildungs­abschluss oder der Begegnung mit anderen Kulturen oder der Erfahrung eines persönlichen Unglücks, wie dem Tod eines geliebten Menschen.

• Säkulare Männer und Frauen sind mehr als die religiösen geneigt, die Ehe­schließung zu verzögern oder ganz darauf zu verzichten und das Zusammen­leben vor der Ehe zu verlängern. Säkulare Menschen neigen auch dazu, weniger Kinder zu haben als religiöse Menschen, und als Eltern neigen sie dazu, Werte zu pflegen wie die nicht autoritären Züge von Unabhängigkeit, Selbst­vertrauen und Neugier statt Gehorsam, Respekt und gute Manieren, die mehr unter den Religiösen geschätzt werden und beobachtbar sind.

• Säkulare Menschen, die nicht in Gemeinde- oder Kommunal­organisationen involviert sind und denen die damit verbundene soziale Unter­stützung fehlt, neigen dazu, im Vergleich zu den religiös Beteiligten ein geringeres mentales und körperliches Wohl­befinden zu zeigen.

• Säkulare Menschen erleben Depressionen, Entfremdung oder Unglück, wenn sie in einer stark religiösen Gesell­schaft leben; wenn säkulare Menschen aber in relativ säkularen Kulturen leben, sind solche Tendenzen nicht zu erkennen.

• Wenn es um moralische Dispositionen geht, neigen die säkularen Menschen dazu, sich über­proportional auf die Bereiche der Sorge und Fairness zu verlassen und die Moral zu „individualisieren“, die mit einer „Ethik der Autonomie“ verknüpft ist, nämlich dass die Menschen nach ihrer Wahl leben dürfen solange andere dadurch nicht geschädigt werden. Philosophisch neigen die Nicht­religiösen eher zu Konsequenzisten (wissens­basierter Bedrohungs- und Risiko­analyse) als zu Deontologen (Pflichtethik): Sie bestimmen die relative Moralität einer bestimmten Handlung auf der Grundlage ihrer tat­sächlichen Wirkung und nicht auf dem Glauben, dass sie von Natur aus gut oder schlecht ist.

• Das durchschnittliche Alter des sexuellen Verhaltens in der Jugend („sexuelles Debüt“) ist für die Säkulareren im Vergleich zu den Religiöseren jünger, und Jugendliche ohne religiöse Zugehörigkeit und ohne religiöse Unter­weisungen haben mehr orale sexuelle Erfahrungen und Sexpartner als die Jugendliche, die religiös verbunden sind.

• Im Vergleich zu ihren religiösen Kollegen sind säkulare Menschen eher progressiv/link­sorientiert, und säkulare Männer und Frauen sind eher bereit, Frauen­reproduktions­rechte, Rechte der Homosexuellen, Gleich­stellung der Geschlechter, ärztlich assistierten Suizid, Stamm­zellen­forschung, Tierschutz und Umwelt­schutz zu unterstützen. Sie neigen dazu, weniger ethnozentrisch, voreingenommen, intolerant, militaristisch und nationalistisch zu sein.

• Die säkularen Menschen neigen dazu, stärker autonom und unabhängig zu sein, und sie sind weniger willfährig, konform, gehorsam und familien­orientiert - im Durchschnitt – als die stärker Religiösen. Von säkularen Menschen wird mehr Wert darauf gelegt, in vielen Aspekten des Lebens, einschließlich der Gestaltung der Welt­anschauung, der sozialen Beziehungen und der Gruppen- oder Institutionen­beteiligung, die eigenen Entscheidungen zu treffen. Während die Religiosität dazu neigt, sich auf den Kommunalismus zu orientieren, neigt die Säkularität dazu, sich dem Individualismus zuzuwenden.

• Während die Anzahl und die Größe der säkularis­tischen Organisationen wächst, sind die meisten säkularen Individuen nicht mit Organi­sationen assoziiert, die ausdrücklich säkulare Welt­anschauungen artikulieren und umsetzen. Die Säkularität der meisten Einzel­personen ist passiv und persönlich, anstatt aktiv oder öffentlich.

Es gibt viel mehr Details, Muster und Aspekte des säkularen Lebens, die in den voran­gegangenen Kapiteln diskutiert wurden, aber dies stellt eine Liste der weitesten, bedeutendsten Ergebnisse dar. Natürlich sind die näheren Ursachen für die verschiedenen hier aufgeführten Erkennt­nisse eine Frage der Diskussion und Debatte. Und, wo möglich, haben wir versucht, unsere besten Erklärungen und Begrün­dungen anzubieten.

Es bleibt aber noch viel zu tun. Das Gebiet der säkularen Studien steckt noch in den Kinder­schuhen. Es gibt einfach so vieles, was in der Notwendigkeit einer größeren Untersuchung steht. Zum Beispiel müssen wir das Hühnchen-Ei-Rätsel lösen, um die starke Korrelation der Säkularität mit verschiedenen anderen Orientierungen, wie politisch links-lehnend, zu lösen. Führt die Säkularität dazu, dass die Menschen politisch mehr nach links orientieren - oder umgekehrt? Oder ist die Korrelation tatsächlich durch einen anderen, nicht identi­fizierten Faktor verursacht? Wir müssen auch besser bestimmen, welche demo­graphischen, personen­bezogenen, moralisch und politisch orientierten Korrelationen mit der Säkularität sozial bedingt sind und welche psychologisch. Kombinieren sie zum Beispiel die hohe „Offenheit für die Erfahrung“, die mit der Säkularität, dem Individualismus und der Männlichkeit korreliert ist: Sind diese Dinge am besten durch die Betrachtung der kulturellen und gesell­schaftlichen Dynamik oder psychologischer und neurologischer Grundlagen zu erklären? Wir brauchen auch viel mehr Daten über das säkulare Leben aus nicht-amerikanischen und außer­europäischen Gesell­schaften, vor allem, wenn säkulare Männer und Frauen unter­schiedliche Minder­heiten sind, wie in verschiedenen Nationen in Afrika, den Westindischen Inseln und dem Nahen Osten.

Trotz der Komplexität der Themen, die in diesem Buch behandelt werden, und die vielen Fragen, die bleiben, ist eines sicher: da die Präsenz von säkularen Männern und Frauen in den Gesell­schaften auf der ganzen Welt zunimmt, sollte das auch unsere Wissen­schaft studieren. Wir hoffen, dass dieses Buch positiv zu dieser Perspektive beigetragen hat.“

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Phil Zuckerman, Luke W. Galen, Frank L. Pasquale: "The Nonreligious. Understanding secular poeple and societies." New York: Oxford University Press, 2016, 327 Seiten. ISBN: 978-0-19-992494-3