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Coronapandemie und Statistik

Es ist ja nun schon alltäglich, dass immer neue Zahlen und immer dramatisch größere Zahlen von Corona-Infizierten in den Medien berichtet werden. Ja, es ist dramatisch, dass so schnell und so viele Menschen infiziert wurden und noch werden. Doch was sagen die Zahlen tatsächlich aus?

Hatte man anfangs geglaubt, Wuhan (China) ist weit weg, so musste man schon nach wenigen Tagen zur Kenntnis nehmen, dass Wuhan ganz nah ist und nahezu kein Land von der Pandemie verschont bleibt. Die Welt ist durch das Hin- und Her-Reisen klein geworden, so dass sich der Virus schnell verbreiten konnte, wo immer viele Menschen zusammenkommen - ob das bedingungsgemäß die Großstädte sind oder die ländlichen Regionen mit vielerlei regionalen Veranstaltungen.

Die Fallzahlen wuchsen schnell an und es wurden Gegenmaßnahmen ergriffen, um den Anstieg zu verlangsamen, damit das Gesundheitswesen nicht kollabiert.

Doch die Zahl der Corona-Infizierten und der Toten weltweit wächst unaufhörlich. Es wird über die dramatischen Folgen der Pandemie überall berichtet. Die Entwicklung wurde/wird immer wieder in Zahlen wiedergegeben. Doch wie gut sind die vorliegenden Daten? Wird nicht mitunter mit den Zahlen Panik und Angst verbreitet? Jeden Tag werden uns neue Zahlen offeriert. Was sagen diese jedoch aus?

Da werden aus den USA fast 400.000 Fälle gemeldet (399.929) und aus Island oder Luxemburg nur 1.648 bzw. 3115 Infizierte.

Welch gravierender Unterschied! Setzt man diese Zahlen jedoch ins Verhältnis zur Bevölkerungszahl, dann sind eben in den USA „nur“ 142 Fälle pro 100.000 Einwohner und in Luxemburg 507 bzw. in Island 452 pro 100.000 Einwohner. Auch die Todesfallzahlen sind nicht eindeutig aussagefähig. Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind, wieviele davon ursächlich an der Infektion starben, lässt sich nicht ermitteln.

Zahlen sagen eben nur bedingt etwas über die wirkliche Größenordnung etwas aus. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl kann man zumindest annähernd erkennen, wie ausgeprägt die Viruserkrankung ist. Aber auch dies ist keine alleinige Einflußgröße. Die Art und Weise der ermittelten Erkrankten und deren unterschiedliche Erfassung, sowie die Dunkelziffer lassen eigentlich keinen Vergleich zu.

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Nur die mittels Test nachgewiesenen Infektionen werden offiziell gezählt. Es bleibt unklar, wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein. Erst in den kommenden Monaten wird dies mittes Tests auf Antikörper geklärt werden können.

Bei länderübergreifenden Vergleichen gilt es zu berücksichtigen, dass teilweise unterschiedliche Kriterien für die Erfassung einer Infektion und für die Zählung der Todesfälle verwendet werden.

Weltweit ist zu erkennen, dass die ersten Länder bei der Verdopplungszeit inzwischen bei über 15 Tagen liegen mit sinkendem Trend der Neuinfizierungen und andererseits einige Länder gerade die exponentielle Steigerung der Virusinfektion erleben.

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Eine andere Größe, die einigermaßen das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Ausbreitung anzeigt, ist die Verdopplungszeit. Sie gibt an, nach wie vielen Tagen sich die Fallzahl verdoppelt, wenn die Dynamik so bleibt wie derzeit. Aber auch diese Zahl ist nicht verlässlich. Niemand weiß, ob der Trend so bleibt oder sich rasant verändert. Eine Verlängerung der Verdopplungszeit ist aus Sicht des RKI „ein erster wichtiger Anhaltspunkt für die Wirksamkeit von Maßnahmen“.

Aber auch bei einer deutlichen Verlangsamung der Ausbreitung kann die Zahl der Infizierten so stark steigen, dass das Gesundheitssystem überlastet wird. Als alleiniger Maßstab ist der Wert deshalb nicht geeignet. Ob und bei welcher Verdopplungszeit Maßnahmen gelockert werden können, ist vor allem eine politische Entscheidung, die verschiedene Kriterien berücksichtigt. Die Verdopplungszeit ist ein gutes Indiz, solange die Virusinfektionen exponentiell steigen. Dies beginnt sich jetzt zu verändern. Im jetzigen Stadium ist die Verdopplungszeit nicht mehr der beste Indikator, um den Verlauf der Pandemie zu beschreiben. Die Zahlen wachsen nicht mehr exponentiell sondern  gehen in eine lineare Phase über. Damit wird eine andere Größe wichtiger und rückt in den Vordergrund: Die Zahl der aktuell Infizierten. Solange sie weiter fällt oder zumindest konstant bleibt, ist das Virus einigermaßen unter Kontrolle. Steigen die Neuinfektionen wieder an, droht eine erneute exponentielle Wachstumsphase. Doch die Datenlage ist nach wie vor unsicher, die tatsächliche Zahl der Infektionen liegt mutmaßlich deutlich höher und kann sich auch anders entwickeln.

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In Deutschland scheinen sich die Infektionen erst einmal ein bisschen langsamer auszubreiten. Sowohl die Verdopplungszeit ist gestiegen und liegt derzeit bei über 16 Tagen, wie auch die Neuinfiziertenzahl gesunken ist.

Professor Antes (Medizinische Universität Freiburg):

„Es gibt zwei enorme Probleme mit den Zahlen: Wir wissen nicht, wie viele Menschen sich bislang mit dem neuen Coronavirus infiziert haben und wie viele jeden Tag hinzukommen. Außerdem ist unklar, wie viele Menschen ursächlich an einer Infektion sterben.
Die Corona-Fälle, von denen wir jeden Tag im Fernsehen und Radio hören, beschreiben, wer positiv auf das neue Virus getestet wurde. Wie viele Menschen sich tatsächlich infizieren, wissen wir dagegen nicht. Die Schätzungen variieren extrem. Je nach Experten ist davon die Rede, dass sich fünf- bis zehnmal mehr Menschen infizieren als nachgewiesen werden. Manche Schätzungen liegen beim Zwanzigfachen oder sind noch höher.
So eine Streuung ist ein sicheres Zeichen, dass niemand auch nur ungefähr weiß, wo die Wahrheit liegt. In der Folge können wir nur sehr grob abschätzen, wann und in welchem Umfang die Krankenhäuser mit schwer Erkrankten rechnen müssen.
Die Zahlenlücken bergen Risiken in beide Richtungen. Es ist ein sehr schmaler Grat zwischen Alarmismus auf der einen und Verharmlosung auf der anderen Seite. Gegenwärtig habe ich das Gefühl, dass die Zahlen eher überschätzt werden und wir mehr Vertrauen haben können, dass die derzeitigen Maßnahmen wirken und das deutsche Gesundheitssystem ausreichend vorbereitet ist auf die Infizierten, die es geben wird.“

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