Sie sind hier

Konfessionsfreie in Neuseeland, 1867 - 2013

In Neuseeland ist es bei den Volkszählungen seit 1986 möglich, eine Kategorie „No Religion“ anzukreuzen. Die Anteile haben sich danach verdreifacht und lagen 2013 bei 41 Prozent. Es wird nicht ausgeschlossen, dass bei der Volkszählung 2018, deren Ergebnisse 2020 veröffentlicht werden, der Anteil der Konfessionsfreien sich der 50-Prozent-Marke nähern oder sie übersteigen kann.

Von Carsten Frerk.

Neuseeland hatte nie eine ausdrückliche Staatsreligion oder eine dominante religiöse Mehrheit. Dazu ist kein Widerspruch, dass das Staatsoberhaupt (derzeit Königin Elisabeth II des Vereinigten Königreichs) als „Verteidiger des Glaubens“ Anglikaner sein muss. Faktisches Staatsoberhaupt ist seit 1983 der „Governor-General of New Zealand“.

Das Verhältnis zu Religionen gilt in Neuseeland als entspannt und in einer Umfrage des Institut for Governance and Policy Studies der Victoria University in Wellington vom April 2019 (nach dem Attentat auf eine Moschee in Christchurch) hinsichtlich des Vertrauens in Religionsgemeinschaften bzw. Atheisten/Agnostiker belegten diese eine respektable Position nach Buddhisten, Juden und Hindus aber vor Protestanten, Muslimen, Katholiken und Evangelikalen.

Dem entspricht, dass 2017 in einer weltweiten Umfrage in der die Teilnehmer indirekt gefragt wurden, „ob sie einen Serienkiller eher für einen gläubigen Menschen oder für einen Atheisten halten“, die ziemlich einhellige Antwort war: Atheist. Als Ausnahmen dieser Sichtweise werden Finnland und Neuseeland genannt.

Dem entspricht auch, dass die Premierministerin Helen Clark (Amtszeit 1999 bis 2008) sich ebenso wie ihr Nachfolger John Key (2008 – 2016), als Agnostiker erklärten. Das gleiche gilt für die aktuell (seit Oktober 2017) amtierende Premierministerin Jacinda Ardern.

Volkszählungen / Zensus

Die Beantwortung der Frage nach der religiösen Orientierung ist die einzige Frage im Zensus, deren Beantwortung freiwillig erfolgt. Es ist die Frage nach dem (individuellen) Bekenntnis, nicht nach der (formalen) Zugehörigkeit. Insofern erscheint es auch angemessener von Religionsbekenntnissen zu sprechen.

Seit 1867 werden nationale Volkszählungen durchgeführt. Ab 1881 alle fünf Jahre, nur 1931 und 1941 unterbrochen, sowie 2011, da durch das Erdbeben (im Februar 2011) in Christchurch keine komplette Durchführung mehr gewährleistet war und die Volkszählung auf 2013 verschoben wurde. Die Daten sind gut zugänglich dokumentiert: Zensus 1867/1871 und in der Publikation zum Zensus 1911 wird eine Zeitreihe der sieben Volkszählungen von 1871 bis 1911 publiziert.

Für die weiteren Jahre ist die Serie der digitalisierten „New Zealand Official Yearbook“ eine Fundgrube.

Für die weiteren Jahre 1991, 1996 und 2001 sind dann die Veröffentlichung der Statistikbehörde direkt verfügbar, ebenso wie eine Ausarbeitung der Statistikbehörde zu den Ergebnissen des Zensus 2013 und den Veränderungen gegenüber 2006.

Für detaillierte eigene Auswertungen (für die Jahre 2001, 2006 und 2013) gibt es eine offen zugängliche Datenbank der Neuseeländischen Statistik.

Religionsstatistik

Eine Durchsicht durch die Volkszählungen zeigt, dass vier religiöse Bekenntnisse viele Jahrzehnte die ‚Marktführer‘ waren: Anglikaner, Presbyterianer, Katholiken und Methodisten. Die stabilste Religionsgemeinschaft sind die Katholiken, die 2006 die meisten Mitglieder in ihrer Geschichte zählen, während dieser Gipfelpunkt für die Presbyterianer und die Methodisten bereits 1966 erreicht war und für die Anglikaner 1976. Danach verringern sich für alle vier Gruppen die Mitgliederzahlen.

Auch wenn die Anglikaner anfangs die größte Religionsgemeinschaft waren, hatten sie niemals die Mehrheit der Bevölkerung als Bekenntniszugehörige. Die höchsten Anteil hatten sie 1867 (42,5 Prozent) und 1921 (42,2 Prozent). 2013 habe sie noch einen Anteil von 11,5 Prozent.

Eine Grafik der Anteile verdeutlicht diese hohe Position der Anglikaner, die sich nach 1921 aber im stetigen Niedergang befindet.

Wie ausdifferenziert in den Volkszählungen in Neuseeland die Religionsbekenntnisse erfasst werden zeigt die Tabelle 3, in der 124 Bekenntnisse erfasst sind. 34 davon sind zudem zusammengefasste Gruppen, die nicht weiter hinterfragt wurden (nfd = not further defind).


Konfessionsfreie / „No Religion“

In einer Übersicht aus dem Zensus 1911 wird ersichtlich, wie akribisch man seinerzeit auch nicht-religiöse Bekenntnisse registriert und dokumentiert hat. Für einige der Begriffe ist heute noch nicht einmal im Internet zu klären, was damit gemeint ist.

Aus den vorangegangenen Tabellen und der Grafik zu den Religionsbekenntnissen wird deutlich, dass die Konfessionsfreien erstmals 1981 die 5-Prozent-Marke überschreiten.

1986 wurde erstmalig ein eigenes Kästchen „No religion“ auf dem Fragebogen platziert, mit bemerkenswerten Folgen, wie im „New Zealand Official Yearbook 1988/1989“ zum Ergebnis der Volkszählung 1986 hinsichtlich des Religionsmerkmals berichtet wird: „Personen, die sich selbst als religionslos bezeichnen, haben sich mehr als verdreifacht, während die Anzahl derjenigen, die keine Religion angeben oder sich weigern, die angeforderten Informationen zu liefern (,object to state‘) zwischen der Volkszählung 1981 und der Volkszählung 1986 fast halbiert wurde. Wie in der Tabelle dargestellt, war dies anscheinend das Ergebnis einer Neueinstufung der Neuseeländer in ‚keine Religion‘, anstatt von ihrem Recht auf Widerspruch Gebrauch zu machen oder einen Religionszugehörigkeitsanspruch nicht anzugeben.“

Und so steigen die absoluten Zahlen und der Anteil der Konfessionsfreien von Zählung zu Zählung: von 5,3 auf 16,4 – 20,2 – 25,5 ‒ 28,9 – 33,5 und 41,0 Prozent.

Geht man davon aus, dass sich unter den Antwortverweigerern auch noch weitere Konfessionsfreie befinden, ist die Einschätzung möglich, dass die Konfessionsfreien im Zensus 2018, dessen Ergebnisse 2020 veröffentlicht werden, nahe an die 50-Prozent-Marke kommen oder sie gar übertreffen werden.

Diese Entwicklung wird von den jüngeren Altersgruppen getragen. Fasst man für einen Vergleich alle christlichen Denominationen zusammen so zeigt sich, dass die Christen zusammen bei den (2013) über 50-Jährigen eine deutliche Mehrheit haben, die sie danach – bei den 44-Jährigen und Jüngeren nicht mehr erreichen

Vergleicht man die Altersverteilung bei den Konfessionsfreien („No religion“) in den letzten drei Volkszählungen, so ist einerseits der „Kohorten(Altersgruppen-)effekt“ ersichtlich: Zwischen den Volkszählungen liegen 5 bzw. 7 Jahre und entsprechend verschiebt sich die Anzahl/die Kurve der Neuseeländer, die „No religion“ sagen, nach rechts. Andererseits steigt die Anzahl in 2006 bei den 15-44-Jährigen höher als der Kohorte entspricht, ebenso wie in 2013 bei den 44-69-Jährigen.

Die Parallelität der Kurven der Altersgruppen, aber insbesondere der generelle Anstieg von 2001 auf 2006 und dann weiter auf 2013, zeigt die Breite der Säkularisierung, die durch alle Altersgruppen geht. Das verweist darauf, dass diese ‚Bewegung‘ weiter gehen wird. Ob sich ein ansteigender ‚Säkularisationszyklus‘ entwickelt (die 40-44-Jährigen, die 20-24-Jährigen und die 0-4 Jährigen) wird sich zeigen.

Gibt es Unterschiede, wie sich Frauen bzw. Männer zur Konfessionsfreiheit entscheiden? Ein erster Blick scheint zu bestätigen, dass es eher die Männer als die Frauen sind.

Der höhere Anteil der Frauen bei den 20-39-Jährigen verweist jedoch auf etwas anderes: Die Verteilung von Frauen und Männern in Neuseeland insgesamt.

Für die älteren Altersgruppen trifft es zu, dass die Männer höhere Anteile bei den Konfessionsfreien haben – bei den älteren Frauen wirkt sich vermutlich noch das christliche „K-K-K“ aus (Küche-Kirche-Kirche). Aber bei den Jüngeren bis 34-Jahre sind die Unterschiede bei den Konfessionsfreien parallel zu den Anteilen in der Bevölkerung. Das heißt, der Geschlechtsunterschied spielt bei den Jüngeren keine Rolle mehr.

Import-Bekenntnisse

Die festgestellte breite Verankerung der Konfessionsfreien in der Bevölkerung, findet auch seine Entsprechung darin, dass sie – als Bekenntnisgruppe - den höchsten Anteil haben von in Neuseeland Geborenen (82 Prozent), gefolgt von den Anglikanern (80 Prozent), dann mit Abstand die Katholiken und Baptisten (71 Prozent) sowie den Muslimen (26 Prozent) und den Hindus (21 Prozent). Insofern sind die beiden letztgenannten ‚Import-Bekenntnisse‘. Die 34.000 Muslime stammen aus vier Regionen: Asien (27 Prozent), Neuseeland (26), MENA-Staaten und Afrika (23) sowie den Pazifik-Inseln (21). Die 70.000 Hindus stammen aus drei Regionen: Asien (43 Prozent), Pazifik-Inseln (32) und Neuseeland (21).

Überschrift

Da diese Übersicht über die Anteile der Herkunftsregion die interne Verteilung innerhalb der Bekenntnisgruppe darstellt und auch die eingefügten absoluten Zahlen diese Wahrnehmung der Bezugsgrößen nicht relativieren, sei es noch einmal in den absoluten Zahlen dargestellt.


Jedi

Der New Zealand Herald, berichtete im August 2002: „Vor der Volkszählung 2001 kursierte eine E-Mail, in der die Menschen aufgefordert wurden, ‚Jedi‘ (Eine Figur aus ‚Krieg der Sterne‘) als ihre Religionszugehörigkeit anzugeben. Etwa 53.715 taten dies - mehr als diejenigen, die sich als Buddhisten, Baptisten, Mormonen, Hindus oder Rātana Christen bezeichneten. Obwohl Statistics New Zealand ‚Jedi‘ einen offiziellen Code zuwies, wurde die Summe mit anderen wie ‚The Church of Elvis and Rugby, Racing and Beer‘ in einer Kategorie zusammengefasst: als ‚Antworten, die außerhalb des Geltungsbereichs der anerkannten Religionen liegen‘.“