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Das Lebensgefühl der Einwanderer in Deutschland

Identifikation mit Deutschland

Ist es tatsächlich so, dass die Sicht vieler Deutscher und ihre Befürchtungen von den Einwanderern genauso gesehen werden? Wie sehen sich die Einwanderer selbst? Das Institut für Demoskopie Allensbach ging den Fragen Anfang 2016 auf den Grund. Bei der Umfrage gaben jeweils fast drei Viertel der Befragten an, dass sie befürchten, dass Europa den Flüchtlingsströmen nicht gewachsen sei, dass sie Angst hätten, dass durch die Flüchtlinge die Kriminalität zunimmt und dass die Flüchtlinge das Sozialsystem stark belasten.

Nicht nur AfD-Anhänger stehen mit dieser Meinung in der Öffentlichkeit. Das Gefühl der Überforderung und die Furcht vor dem Verlust der kulturellen Identität zieht sich durch breite Bevölkerungsschichten.

Aussagen zu Flüchtlingen
Aussagen zu Flüchtlingen

Bereits in einer Allensbacher Umfrage aus 2015 haben sich auch die Anhänger der Grünen von der These, dass der Islam mittlerweile zu Deutschland gehöre, mit einer klaren relativen Mehrheit distanziert. Noch größer waren die Abwehrreaktionen bei den Anhängern der anderen Parteien.

gehört Islam zu Deutschland
gehört Islam zu Deutschland

Es gibt eine Reihe von Indizien, dass das gesellschaftliche Klima gegenüber Ausländern in Deutschland auch im Alltag rauer geworden wäre.

In einer Repräsentativumfrage des Allensbacher Instituts im Mai 2016 für die FAZ zeigen sich erhebliche Teile der Bevölkerung besorgt. Bei der Frage, wie sich bereits länger in Deutschland lebende Ausländer hier fühlten, gaben über die Hälfte an, dass Ausländer heute mehr Misstrauen entgegengebracht wird als früher. Knapp die Hälfte nimmt an, dass diese von Deutschen als Fremde betrachtet werden und ca. ein Drittel meint, dass sich Ausländer von Deutschen herablassend behandelt fühlen würden. Zwar glaubten auch 41 Prozent, die meisten Ausländer fühlten sich in Deutschland wohl, doch nur 23 Prozent vermuten, dass sie ein „ganz normales Leben“ führten, bei dem ihre ausländische Herkunft im Alltag keine Rolle spielt.

Wie fühlen sich Ausländer

Die Überprüfung mit einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage bei Personen mit Migrationshintergrund ist nicht ganz leicht. Neben vielen anderen Merkmalen wie dem Alter, dem Geschlecht und der Konfession wurde auch der Migrationshintergrund erfragt. Auf dieser Weise liegen die Antworten von 338 Personen mit Migrationshintergrund vor. Dabei sind dies Personen, die bereit und fähig waren, an einem längeren Meinungsforschungsinterview in deutscher Sprache teilzunehmen. Der Kreis derer, die der deutschen Sprache nicht hinreichend mächtig sind oder die sich von der deutschen Mehrheitsgesellschaft abschotten, ist dieser Umfrage verschlossen. Trotz dieser Einschränkung zeigen die Umfrageergebnisse, dass Migranten das gesellschaftliche Klima als weitaus weniger aggressiv empfinden, als man angesichts der aktuellen öffentlichen Diskussionen annehmen könnte.

Auch den befragten Migranten wurde eine analoge Liste mit zwölf Lebensgefühlen und Erlebnissen vorgelegt. Die Antworten auf diese Frage, also die Beschreibungen der eigenen Eindrücke und Gefühle der Einwanderer unterscheiden sich sehr deutlich von der Sichtweise der Deutschen ohne Migrationshintergrund. An erster Stelle der von den Migranten am häufigsten genannten Aussagen steht mit 69 Prozent: „Ich fühle mich wohl in Deutschland.” Fast zwei Drittel sagen, Deutschland sei ihre Heimat, gefolgt von fast ebenso vielen, die das Leben und die Kultur in Deutschland mögen. Mehr als die Hälfte gibt an, dass ihre ausländischen Wurzeln in ihrem Alltag überhaupt keine Rolle spielten. Negative Erfahrungen, z. B. Beschimpfungen wegen ihrer ausländischen Herkunft oder wegen herablassender Behandlung machten nur acht bis zehn Prozent. Die Zahl derjenigen, die sich emotional Deutschland gegenüber abgrenzen ist noch geringer: Nur fünf Prozent sagen, sie fühlten sich Deutschland nicht besonders verbunden und nur zwei Prozent fühlen sich in Deutschland fremd.

Wie fühlen sich Ausländer selbst
Lebenserfahrungen

Spürbar anders fallen die Antworten der Muslime unter den Einwanderern aus. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Befragten ist allerdings so gering, dass man ihre Antworten lediglich als grobe Hinweise deuten kann. Immerhin überwiegen auch bei ihnen die positiven Eindrücke. Jeweils knappe Mehrheiten sagen, sie fühlen sich wohl in Deutschland und bezeichnen Deutschland als ihre Heimat, rund zwei Fünftel geben zu Protokoll, dass ihre ausländische Herkunft in ihrem Alltag keine Rolle spiele. Aber immerhin rund ein Drittel berichtet darüber, dass sie schon einmal von Deutschen wegen ihrer ausländischen Herkunft beschimpft worden seien, ein knappes Drittel beklagt sich über gelegentlich herablassende Behandlung, und rund ein Fünftel hat das Gefühl, dass ihnen heute mehr Misstrauen entgegen schlägt als früher.

Muslime in Deutschland

Die Erfahrungen der meisten (deutsch sprechenden) Einwanderer scheinen im deutschen Alltag positiv zu sein, und viel mehr von ihnen identifizieren sich auch mit Deutschland als die einheimische Bevölkerung glaubt. Nur 13 Prozent der Deutschen können sich vorstellen, dass sich die meisten bereits länger hier lebenden Ausländer als Deutsche fühlen. Es vermutet sogar die knappe Hälfte der Befragten, dass sich die hier lebenden Ausländer mehr mit ihrer Herkunftsnation verbunden fühlen. Fragt man dagegen die Einwanderer selbst, so sagen 58 Prozent, dass sie sich in erster Linie als Deutscher fühlen und nur 24 Prozent nennen eine andere Nation.

Identifikation mit Deutschland
Identifikation mit Deutschland

Es ist bemerkenswert, wie wenig sich die befragten Einwanderer weltanschaulich und im Lebensgefühl von der Bevölkerung insgesamt unterscheiden. Als Beispiel hierfür ist die Parteipräferenz abgefragt worden. Die Unterschiede sind nur marginal. Selbst die AfD, die 10 Prozent der Deutschen ohne Migrationshintergrund am sympathischsten fanden, hat unter den Einwanderern mit 7 Prozent nicht sehr viel weniger Anhänger. Auch die befragten Muslime äußern sich nicht gravierend anders, weisen allerdings eine etwas größere Nähe zu den Grünen auf.

Parteienpräferenz
Parteienpräferenz

So scheint das Alltagsleben der inzwischen vielen gut integrierten Einwanderer in Deutschland weitaus weniger beeinträchtigt zu sein, als man angesichts der schrillen Töne in der öffentlichen Diskussion annehmen könnte. Es ist zwar insgesamt eine gewisse Spannung in der Gesellschaft zu spüren und eine nicht zu vernachlässigende Zahl von Einwanderern hat unangenehme Erfahrungen gemacht. Diese sind aber vor allem unter dem Anteil der weniger gut integrierten Zuwanderer zu finden.

(SFE)