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Die Teilnehmer der evangelischen Kirchentage

Seit 1989 liegen die offiziellen Statistiken des Deutschen Evangelischen Kirchentages im Internet zugänglich vor. Das heißt, für die vergangenen 13 Kirchentage (oder 26 Jahre) lassen sich die erhobenen Angaben zu Teilnehmerzahlen, Unterbringung, Alter, Geschlecht, Konfession der Teilnehmer und ihre Berufe miteinander vergleichen. Diese eher formalen Angaben lassen sich für mehrere Kirchentage - vor allem 2009, 2011, 2013, 2015 – durch empirische Umfragen zu Religiosität der Teilnehmer, ihre Motivation, die Bewertung von Angeboten u. a. m. ergänzen, so dass sich recht genau darstellen lässt, wer die Teilnehmer der Kirchentage sind, was sie dort tun und was sie gemeinsam haben bzw. was sie von anderen unterscheidet.

In der Zeitreihe seit 1989 (Gesamtdarstellung im Anhang, wegen der Größe, nachfolgend ein Auszug daraus) zeigt sich, dass die Zahl der Dauerteilnehmer um die 100.000 oszilliert, mit dem Gipfelpunkt von 152.012 in Hamburg 1995.

In diesen Teilnehmerzahlen sind auch die offiziell Mitwirkenden und die Mitarbeiter des DEKT enthalten. Sie belaufen sich bei einem Mittelwert der Dauerteilnehmer von 112.363 auf 42.366, d. h. rund 38 Prozent der Dauerteilnehmer. Oder anders gesehen, kommen auf die 69.997 Dauergäste diese 42.366 Mitwirkenden und Mitarbeiter. Die Tagesteilnehmer, die jeweils eine Tageseintrittskarte erwerben, belaufen sich im Mittelwert auf 31.370, so dass sich ein Mittelwert von insgesamt 143.733 Teilnehmern ergibt.

Die Dauerteilnehmer lassen sich noch hinsichtlich ihrer Unterbringung differenzieren. Brauchen sie eine Unterkunft, so sind sie in einer weiteren Entfernung zu Hause, so dass sich eine tägliche Hin- und Herfahrt nicht lohnt. Insofern kommen im Mittel 63.000 Dauerteilnehmer aus größerer Entfernung und brauchen ein Quartier vor Ort, und 50.000 Dauerteilnehmer sowie der 31.000 Tagesteilnehmer haben ein eigenes Quartier. Dabei zeigt sich die Tendenz, dass die Zahl der Auswärtigen (gemessen an den Zahl der Unterbringungen in Gemeinschaftsquartieren) sich verringert und die Zahl der Dauerteilnehmer, die ein eigenes Quartier haben, ansteigt. Die Anzahl der Dauerteilnehmer, die in Hotels übernachtet, beläuft sich im Mittel auf 2.740 Personen (oder 1,9 Prozent aller Teilnehmer), zu denen der größte Teil der (im Mittel) 1.993 Referenten zu zählen ist.

Die Teilnehmer an den Kirchentagen sind vergleichsweise jung. Als Mittelwert sind 46 Prozent jünger als 30 Jahre, 27 Prozent sind zwischen 30 und 49 Jahren alt und 31 Prozent sind 50 Jahre und älter.

In der Zeit von 1995 bis 2015 gilt als genereller Trend, dass sich die Anteile der 18-29-Jährigen verringert, halbiert haben (von 31,8 auf 16,2 Prozent) ebenso wie der Anteil der 30-39-Jährigen (von 12,9 auf 6,8 Prozent). Diese Rückgänge werden durch die steigenden Anteile der älter als 50-Jährigen ausgeglichen.

Diese Veränderungen spiegeln sich auch in den Berufen der Teilnehmer wieder. Waren 1989 noch 57 Prozent der Teilnehmer Schüler, Auszubildende und Studierende, so sind es seit 1997 rund 35 bis 40 Prozent. Die Zahl der Angestellten und Beamten (Kirchentagsteilnahme als Bildungsurlaub) unter den Teilnehmer steigt an, ebenso wie die Anteile der Rentner. Kaum sind unter den Teilnehmer die Hausfrauen (5 Prozent) und so gut wie gar nicht (2 Prozent) die Arbeiter und Handwerker. Die hauptamtlichen kirchlichen Mitarbeiter stellen rund 9 Prozent der Teilnehmer.

Die weiblichen Teilnehmerinnen sind durchgängig in größerer Anzahl auf dem Kirchentag (rund 57,5 Prozent) als die Männer (42,5 Prozent).

Hinsichtlich der Konfessionen sind es im Mittel 88 Prozent Evangelische sowie 7 Prozent Katholiken und 4 Prozent Sonstige.

Noch zwei weitere Aspekte sind als typisch für Kirchentage zu betrachten: die Häufigkeit der Teilnahme und das Reisen in Gruppen.

Für die vergangenen drei Kirchentage wurden die Daten vom Kirchentag selbst erhoben. Als Mittelwert haben knappe zwei Drittel (64,8 Prozent) der Teilnehmer schon mehr als zweimal an einem Kirchentag teilgenommen.

Für den Kirchentag 2005 in Hannover wurde genauer gefragt und es zeigt sich, dass der Anteil der Mehrfachbesucher (64,5 Prozent) nahezu identisch mit dem Mittelwert der vergangenen drei Kirchentage ist. Bemerkenswert ist dann jedoch, dass ein Viertel der Teilnehmer (25,4 Prozent) bereits das 6. Mal oder noch öfter an einem Kirchentag teilnimmt.

Dieser Aspekt der Mehrfachbesucher verbindet sich auch mit der Reisebegleitung zum Kirchentag. Die höchsten Nennungen haben die Freunde (39,9 Prozent) und die Familie (31,2 Prozent) als Reisebegleitung. Andere Gruppen kommen auf 25,7 Prozent, Kirchengemeinden auf 23,6 Prozent und kirchliche Jugendgruppen auf 18,4 Prozent.

Für den Kirchentag in Hannover, 2005, wurde festgestellt, dass 17 Prozent der Teilnehmer alleine anreisen, 23 Prozent zu zweit, 10 Prozent als Familie und die Hälfte als Reisegruppe. Die Teilnehmer alleine oder zu zweit gehören zu den Älteren (Mittleres Alter 45 Jahre), die Familien sind im Mittel rund 10 Jahre jünger (mit Kindern) und die Reisegruppen haben die Jüngeren in ihren Reihen.

Dieser hohe Anteil an Reisegruppen ist auch als Indikator zu verstehen, warum die meisten Teilnehmer an einem Kirchentag teilnehmen. Für den Kirchentag in Stuttgart, 2015, wurden die Motive erfragt, den Kirchentag zu besuchen. Das „Gemeinschaftserlebnis“ nennen 84 Prozent als Motiv eines Kirchentagsbesuch, ebenso sind die „Begegnungen miteinander“ für 82 Prozent wichtig, 72 Prozent wollen „Spaß haben“ und 68 Prozent „Musik und Konzerte“ erleben. 64 Prozent versprechen sich „Neue Impulse“ und für 63 Prozent ist es wesentlich „Kirche in einem anderen Kontext zu erleben“. 63 Prozent erwarten „Glaube und Spiritualität“ und 54 Prozent „gesellschaftspolitische Themen“.

In den einzelnen Altersgruppen und auch unter dem Aspekt eines „Involvement“ (Mitwirkung – gemessen an den drei Faktoren: Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs, Grad der aktiven Teilnahme am Gemeindeleben sowie Einschätzung der Gläubigkeit) zeigen sich die Unterschiede in der Priorität der Motive. Die Jüngeren legen eher größeren Wert auf das Gemeinschaftserlebnis, Spaß und Musik, während die Älteren eher auf Kirche in anderen Kontexten sowie Glaube und Spiritualität Wert legen, sowie gesellschaftspolitische Themen erörtern wollen.

Die Teilnehmer, die stark in kirchlichen Zusammenhängen verankert sind, nennen die religiösen Elemente als die wichtigsten Motive für einen Kirchentagsbesuch, während die kirchlich geringer Eingebundenen eher den Eventcharakter schätzen.

Bei den Angeboten der Kirchentage sind die fünf Spitzenreiter, die von mehr als der Hälfte der Teilnehmer als wichtig betrachtet wird, die Musik (80 Prozent), der Markt der Möglichkeiten (71 Prozent), die Gottesdienste (57 Prozent), die Möglichkeit der Begegnung, der Beratung und der Hilfe (54 Prozent) und Kunst und Kultur (52 Prozent).

Ähnlich wie bei den Motiven zum Kirchentagsbesuch zeigen sich bei der Wichtigkeit von Angeboten ähnliche Verteilungen, d. h. Unterschiede zwischen Jüngeren und Älteren sowie zwischen Kirchentagsteilnehmer mit hoher bzw. geringer Einbindung in kirchliche Strukturen.

Religionssoziologen der Universität Leipzig haben diese Fragen sehr detailliert untersucht (Gert Pickel/ Yvonne Jaeckel/ Alexander Yendell: „Der Deutsche Evangelische Kirchentag – Religiöses Bekenntnis, politische Veranstaltung oder einfach nur ein Event“, Nomos, 2015) und eine empirische Studie zum Kirchentagsbesuch in Dresden (2011) und Hamburg (2013) erarbeitet.

Sie erstellen dabei eine Typologie der Kirchentagsbesucher, indem sie drei Cluster bilden. Cluster sind Gruppenbildungen, in denen die Gruppenmitglieder die größten Ähnlichkeiten (Korrelationen) miteinander haben.

Cluster 1: „Erfahrene Religiöse“ (Altersdurchschnitt Mitte 40, Religiosität 5,3, Durchschnittliche Kirchentagsbesuche 4,5) / Cluster 2: „Aktive Gemeinschaftsorientierte“ (Altersdurchschnitt Anfang 30, Religiosität 5, Kirchentagsbesuch 3,4) / Cluster 3: „Junge Neugierige“ (Altersdurchschnitt Mitte Zwanzig, Religiosität 3,8, Durchschnittlicher Kirchentagsbesuch 2,1). Dabei sind die „Jungen Neugierigen“ nicht mit den jugendlichen Kirchentagsbesuchern (bis zum Alter von 29 Jahren) gleichzusetzen, denn von den jugendlichen Kirchentagsteilnehmern befinden sich (für den DEKT in Hamburg) 19 Prozent im Cluster 1, 40 Prozent im Cluster 2 und 41 Prozent im Cluster 3.

Die Anteile sind bei den Kirchentagen unterschiedlich, aber die Tendenz ist die gleiche: Die größte Gruppe sind die „Erfahrenen Religiösen“ (40 Prozent), gefolgt von den „Aktiven Gemeinschaftsorientierten“ (32 Prozent) sowie den „Jungen Neugierigen" (28 Prozent).

Hinsichtlich der Motive für den Kirchentagsbesuch sind die Orte Dresden und Hamburg religionssoziologisch recht unterschiedlich, die Motive innerhalb der drei Cluster sind jedoch vergleichbar, bis auf die „Jungen Neugierigen“, die sich in Dresden deutlich mehr dafür interessieren, „neue Ideen für das eigene religiöse Leben“ zu gewinnen (71 vs. 23 Prozent) und ebenso stärker den „Wunsch nach Gemeinschaft mit anderen Christen“ nennen (40 vs. 28 Prozent).

Die drei am meisten genannten Motive bei den Clustern 1 und 2 - die rund 72 Prozent der Teilnehmer darstellen -, sind die „Gewinne neuer Ideen für das eigene religiöse Leben“, der „Wunsch nach Gemeinschaft mit anderen Christen“ und den „Glauben feiern“.

Das sich darin eine starke Religiosität darstellt, darauf verweisen auch die Gottesvorstellungen, die von den Kirchentagsbesuchern in Hamburg (2013) genannt werden: Der Aussage „Es gibt einen persönlichen Gott“ stimmen 80 Prozent der „Erfahrenen Religiösen“ zu, 73 Prozent der „Aktiv Gemeinschafts-orientierten“, aber nur 35 Prozent der „Jungen Neugierigen“ von denen sich zudem rund 18 Prozent als Ungläubige bzw. Atheisten darstellen.

Die Dominanz der festen christlichen Überzeugungen bei drei Vierteln der Kirchentagsbesuchern ist ausgeprägter als bei den evangelischen Kirchenmitgliedern insgesamt und zeigt sich u. a. in den Haltungen zu religiösen Aussagen und in den Haltungen zur persönlichen Religiosität.


Politische Dimension

Das Motiv, „Sich über gesellschaftspolitische Fragen zu informieren und zu diskutieren“ war auf den Kirchentagen in Dresden und Hamburg für die „Erfahrenen Religiösen“ die viert-wichtigste Motivation (73 und 71 Prozent Nennungen), bei den „Aktiven Gemeinschaftsorientierten“ war es auf Rang zehn und acht (mit 61 bzw. 69 Prozent Nennungen) und bei den „Jungen Neugierigen“ auf Platz fünf (mit 58 bzw. 38 Prozent Nennungen).

Die Annahme, dass es entsprechende engagierte politische Dispute zur Folge hat, lässt sich weder aus Teilnehmerberichten über die letzten Kirchentage erschließen, noch sprechen die Wahlpräferenzen der Kirchentagsteilnehmer dafür. Rund die Hälfte der Kirchentagsteilnehmer (in Dresden 56 Prozent, in Hamburg 47 Prozent) würden Bündnis90/Die Grünen wählen.

Diese grüne Mehrheit unter den Kirchentagsteilnehmern hat zwangsläufig zur Folge, dass die Wahl- und damit Parteipräferenzen für alle anderen Parteien deutlich geringer vorhanden sind, als es bei der Bundestagswahl 2013 tatsächlich der Fall war.

Die Aufschlüsselung der Wahlpräferenzen nach Altersgruppen (für den DEKT in Dresden 2011) zeigt, dass diese ‚grüne Mehrheit‘ - mit Ausnahme der Über-65-Jährigen – in allen Altersgruppen vorhanden ist.

Die Erwartung, dass Diskussionen auf dem Kirchentag politisch eine wichtige Rolle spielen könnten, denen auf der Bundesebene rund acht Prozent der Wählerstimmen entsprechen (Grüne bei der Bundestagswahl 2013: 8,4 Prozent) ist eher als Wunschdenken zu bezeichnen.

Zusammenfassung

Es lässt sich feststellen, dass die evangelischen Kirchentage innerkirchliche Glaubensfeste sind, bei denen kirchlich engagierte Protestanten, die vorwiegend mehrfach Kirchentage besuchen, primär die große Gemeinschaft unter ihren religiösen Glaubensbrüdern und -schwestern suchen. Der Gewinn neuer religiöser Idee für das eigene Leben und den Glauben zu feiern sind die weiteren wesentlichsten Motive. Das wird gefördert durch Musik und, bei den Jüngeren, durch Neugier.

Diese Kirchentage sind zudem keine verkleinerten Abbilder für die Mitglieder der evangelischen Kirche in Deutschland – in keinerlei Hinsicht - sondern ‚Schmelztiegel‘ für aktive und engagierte Christen in den Kirchengemeinden, die eher weiblich und insgesamt besser gebildet sind. Evangelische Kirchenmitglieder mit Hauptschulabschluss oder klassische Hausfrauen sind dort beispielsweise kaum anzutreffen.

Gesellschaftspolitische Themen haben weder eine hohe Priorität, noch sind sie unwichtig. Sie gehören jedoch eher in den Kontext der frühen 1980er Jahre als „Friedenspolitik“ und „Umweltschutz“ äußerst umstrittene Themen auf den Kirchentagen waren, die heute eher zum Allgemeingut geworden sind, aber immer noch, im Kontext der evangelischen Kirchentage, mehrheitlich bei der Partei Bündnis90/Die Grünen gesehen werden und insofern keine Breitenwirkung erzielen können.

(CF)

Quellen/Literatur:

Deutscher Evangelischer Kirchentag (DEKT): Offizielle Statistiken zu den Kirchentagen, im Archiv zu den Kirchentagen.

markt.forschung.kultur (Arbeitsgruppe an der Hochschule Bremen (2009): „32. Evangelischer Kirchentag. Regionalwirtschaftliche Auswirkungen, 20. Mai 2009 – 24. Mai 2009. Marktforschungs­studie zum evangelischen Kirchentag in Bremen.“ Bremen, 2009, 81 Seiten.

Gert Pickel/Yvonne Jaeckel/Alexander Yendell: „Der Deutsche Evangelische Kirchentag – Religiöses Bekenntnis, politische Veranstaltung oder einfach nur ein Event? Eine empirische Studie zum Kirchentagsbesuch in Dresden und Hamburg.“ Baden-Baden, 2015, 185 Seiten. (Mit mehreren einzelnen Beiträgen der Autoren.)

Schenk, Thomas: „Katholiken- und Kirchentage als touristische Events. Eine geographische Betrachtung.“ Freiburg im Breisgau, 2006. Inaugural-Dissertation, 202 Seiten + Anhang.