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Eheannullierungen in Europa und der Welt

In der Theologie der katholischen Kirche gilt die nach den Regeln der Kirche geschlossene Ehe als von Gott gegebenes Sakrament, ein Bund fürs Leben, der unauflöslich ist. In der Praxis steht dem entgegen, dass es Paare gibt, die – aus welchem Grund auch immer – diese Ehe beenden wollen. Da es keine Scheidung gibt, wurde eine andere Lösung gefunden: Die Ehe wird, nach Prüfung, für ungültig erklärt und hat damit – kirchenrechtlich – nie existiert.

Grundsätzliches zur Thematik der Eheannullierungen innerhalb der katholischen Kirche wurde bereits in dem fowid-Beitrag über die katholischen Eheprozesse in Deutschland erläutert.

Dass die Thematik der Unauflöslichkeit einer Ehe nach katholischer Dogmatik bis vor kurzer Zeit in Ländern Europas noch eine Rolle spielte, darauf verweist, in welchen Ländern Europa eine Scheidung gesetzlich nicht möglich war. Dieser Zustand wurde in Italien erst 1970 beendet, in Spanien 1981, in Irland 1995 und in Malta 2011. Jedes Mal nach erbitterten Auseinandersetzungen.

Wie sehr in Ländern mit katholisch geprägter Rechtsordnung noch Aspekte des Kirchenrechts eine Rolle spielen, zeigt sich unter anderem darin, dass in Italien die kirchliche Annullierung einer nach katholischen Regeln gültig geschlossenen Ehe – was bedeutet, dass sie kirchenrechtlich niemals existiert hat – automatisch auch ihre zivilrechtliche Nichtigkeit nach sich zieht und als Konsequenz das Erlöschen aller zivilrechtlichen Ansprüche (wie Unterhaltszahlungen) bedeutet.

Diese Diskrepanzen sollen hier aber nicht weiter vertieft werden. Sie sollen nur verdeutlichen, dass die Sichtweise: „Das Ziel der juristischen Tätigkeit in der Kirche ist das Seelenheil“, so Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010, in der Realität für andere Zwecke instrumentalisiert werden kann. Und ebenso, wie der Katholische Deutsche Frauenbund die positiven Seiten eines Annullierungsverfahrens betont, gibt es die gegenteiligen Berichte von Menschen, die diese Annullierungsverfahren als persönlich erniedrigend erlebt haben.

Nach den Angaben des Statistischen Jahrbuchs der katholischen Kirche (Annuarium Statisticum Ecclesia) ist die Anzahl der Katholiken in Europa von 1975 bis 2014 relativ stabil mit einem 40 Prozentanteil, d. h. die Zahl der Katholiken in Europa steigt parallel zur Bevölkerungsentwicklung.

Es gibt Zuwächse (wie in Polen, Irland oder Norwegen) und stärkere Verringerungen der nationalen Anteile, wie in Luxemburg (minus 15,9 Prozentpunkte), Österreich (minus 16,8 Prozentpunkte), Belgien (minus 18,4 Prozentpunkte) und den Niederlanden (minus 12,1 Prozent).

Das gleiche Stabilität der Mitgliederzahl wie in Europa gilt für den Anteil der katholischen Kirchenmitglieder auf der gesamten Welt. Verheißt der Blick auf die absoluten Zahlen eine erhebliche Steigerung von 709.558 (in 1975) auf 1.272.281 (in 2014) so hat sich der prozentuale Anteil an der Weltbevölkerung (18 Prozent) sich kaum verändert.

Was sich in diesen rund vierzig Jahren deutlich verändert hat, ist die regionale Verteilung der katholischen Kirchenmitglieder. Während sich die Zahl der Katholiken in Afrika von 49 Mio. auf 215 Mio. erhöht hat, ebenso, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt in Asien und Ozeanien haben sich die absoluten Zahlen in Nordamerika und Europa nur geringfügig erhöht und sind damit relativ gesunken. Hatten die Katholiken Europas 1975 noch einen Anteil von 37 Prozent aller Katholiken weltweit, so sind es im Jahr 2014 noch 23 Prozent.

Für diese 1,3 Milliarden Menschen gilt – als katholische Kirchenmitglieder – das Prinzip der Unauflöslichkeit einer nach den Formregeln der katholischen Kirche geschlossenen Ehe. Im Europa der EU sind es 287 Mio. Katholiken.

In den Ländern der Europäischen Union wurden 2014 insgesamt 20.581 Ehen von Katholiken aus Nichtigkeitsgründen bei der Trauung annulliert. Seit 1975 ist das eine Steigerung von seinerzeit 7.703 Annullierungen, über 13.619 (in 1985), 17.354 (in 1995) und 20.833 (in 2005). Gegenüber 2005 hat das Jahr 2014 einen leichten Rückgang.

Für die einzelnen Länder der EU sind die Entwicklungen jedoch nicht gleichförmig. Nur in Polen steigen die absoluten Zahlen kontinuierlich, in Italien ebenfalls bis 2005, um in 2014 wieder geringer zu werden. In Großbritannien haben die Annullierungen in 1985 ihren Höchststand, in Deutschland 1995.

Um sie miteinander vergleichbar zu machen ist eine Umrechnung der Annullierungen auf die Zahl der im Land lebenden Katholiken sinnvoll. (Als Bezugsgröße wurde 1 Million Katholiken gewählt, um Kommazahlen für Menschen zu vermeiden.)

Die Umrechnung auf diese gleiche Bezugsgröße und die absteigende Sortierung nach der relativen Anzahl der Annullierungen im Jahr 2014 ergibt eine unerwartete Reihenfolge.

Das Land mit der relativ höchsten Anzahl von Annullierungen unter Katholiken ist Dänemark (595 Verfahren auf 1 Million Katholiken – tatsächlich gibt es in Dänemark 25 Annullierungen bei 42.000 Katholiken) gefolgt von Schweden (486), Malta Großbritannien (179), Norwegen (148), Irland (95) und Italien (87). Diese Zahlen liegen alle über dem EU-Mittelwert (72) bezogen auf 1 Million Katholiken.

Da es bisher keine systematischen bzw. publizierten Untersuchungen über die Gründe und das Umfeld von Eheannullierungsverfahren gibt, soll versucht werden, Hypothesen zu benennen.

Diese Ehenichtigkeitsverfahren haben ihre Begründung primär darin, dass eine Frau oder ein Mann, die Mitglied der katholischen Kirche sind, geschieden wurden und wieder kirchlich heiraten wollen. Dafür muss ihre erste Ehe für ungültig, d. h. nichtig und nicht-existent erklärt werden. Das bedeutet, dass einer der beiden zukünftigen Ehepartner formal diese Bedingung erfüllen muss – z. B. weil die katholische Kirche die Arbeitgeberin ist – oder weil es dem Geschiedenen persönlich bzw. gesellschaftlich wichtig ist, (noch einmal) kirchlich zu heiraten. Alle anderen geschiedenen Katholiken, denen das egal ist – auch nicht erheblich ist, dass sie von der Kommunion und dem Empfang der Sakramente ausgeschlossen sind -, gehen zur zweiten Hochzeit auf das staatliche Standesamt und verzichten auf den kirchlichen Segen.

Eine relativ hohe Zahl von Eheannullierungen kann also bedeuten, dass der geschiedene Katholik in einem gesellschaftlichen Umfeld lebt, in dem es für ihn persönlich und/oder seine Umgebung wichtig ist, nach den Regeln der katholischen Kirche zu leben und kirchlich zu heiraten. Geht das nun mit einer hohen Scheidungsrate im Land parallel, dann hat die höhere Scheidungsrate auch eine höhere Zahl von katholischen Eheannullierungen zur Konsequenz.

Das würde (in der Tabelle 2.1.) für zwei bzw. vier Länder der überdurchschnittlichen Annullierungen zutreffen können. Dänemark (2,6) und Schweden (2,5) sowie Großbritannien und Norwegen (jeweils 2,1) haben überdurchschnittliche Scheidungsraten (Spalte SR 2011) und ebenso wie Norwegen den geringsten Katholikenanteil in der Bevölkerung, d. h. die katholische Kommunität ist in der Diaspora überschaubar und man kennt sich. Ebenso gehört Großbritannien zu dieser Diaspora, allerdings mit einer größeren Zahl. Dem widerspricht jedoch, dass Malta (mit der geringsten Scheidungsrate von 0,1) ebenso zur Spitzengruppe zählt, wie Irland (0,6) und Italien (0,9), deren Länder und Kulturen von der katholischen Kirche geformt und dominiert werden. Die Tatsache, dass diese drei Länder zu denen gehören, bei denen erst nach 1970 eine zivilrechtliche Scheidung überhaupt durchgesetzt werden konnte, spricht dafür, dass in diesen Ländern gesamtgesellschaftlich die traditionelle Familie und die Rolle der Frau als Mutter zu Hause noch immer stark vorhanden ist und nach einer Scheidung für eine zweite Ehe auch der kirchliche Segen als wichtig angesehen wird.

Dabei ist immer zu beachten, dass es sich – rein zahlenmäßig – um ein kleines Thema handelt, auch wenn es für die Betroffenen von immenser Bedeutung ist.

Für diese Hypothese, des noch bestehenden Einflusses der katholischen Kirche auf ihre Mitglieder, spricht auch, dass Polen, Tschechien und Ungarn knapp unter dem Durchschnitt liegen.

In den anderen Flächenstaaten – wie Deutschland, Spanien, Österreich, Portugal, Schweiz, Belgien, Frankreich und die Niederlande -, die alle überdurchschnittliche Scheidungsraten haben, ist diese Prägekraft offenbar nur noch marginal wirksam.

Das in den einzelnen Ländern unterschiedliche Einflussgrößen wirksam sind, die genauer betrachtet werden müssten, das zeigt schließlich Luxemburg, wo es (2014) nur eine einzige Annullierung gegeben hat – bei 416.000 Katholiken und einem Anteil von 77 Prozent der Bevölkerung. Das könnte ein weiteres Indiz dafür sein, dass die Katholiken in Luxemburg sich von ihrer Kirche und deren starren Regelungen gelöst haben.

Weltweit

Der Höhepunkt der katholischen Eheprozesse weltweit lag in den erfassten Jahren in 1995 mit rund 110.000 Annullierungen (109.898).

Ein Vergleich von 1975 zu 2014 über die Anteile der Verbreitung der Katholiken auf die Regionen der Welt und die Anzahl der Eheannullierungen in den Regionen zeigt die Verschiebungen innerhalb der katholischen Kirche.

Lebten 1975 noch 40 Prozent der Katholiken weltweit in Mittel- und Südamerika, sowie 37 Prozent in Europa, so leben 2014 immer noch 42 Prozent der Katholiken in Mittel- und Südamerika, aber nur noch 23 Prozent in Europa. Bei den Eheannullierungen dominierten 1975 die Katholiken in Nord-Amerika (Kanada und USA) mit 71 Prozent aller Eheannullierungen, gefolgt von Europa mit 23 Prozent aller Gerichtsverfahren. 2015 hat sich die Anzahl der Annullierungen in Nord-Amerika halbiert und entsprechend erhöhen sich die Anteile der Verfahren in den übrigen Regionen der Welt – wo sie zudem durchgängig angestiegen sind.

Die Diskrepanz zwischen dem insgesamt wohlhabenderen Europa und Nord-Amerika (weniger Katholiken, mehr Eheannullierungen) zu dem ärmeren Mittel- und Südamerika und Afrika (mehr Katholiken und weniger Eheannullierungen) wäre ein weiteres Thema, zu dem es allerdings keine Untersuchungen gibt. Die Informationen zu den Scheidungsraten weltweit kann als ein erster Hinweis verstanden werden.

(CF)