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Freitodbegleitungen in der Schweiz 1999-2021

In der Schweiz bestehen mehrere Organisationen, die von Hilfesuchenden für eine Freitodbegleitung ansprechbar sind. Neben den bekannten Organisationen EXIT (Deutschsprachige Schweiz) und Dignitas sind es EXIT A.D.M.D. (in Genf für die französische Schweiz) und Lifecircle/Eternal Spirit. Der Anteil der Freitodbegleitungen an allen Todesfällen ist unter zwei Prozent.

In den Kantonen der Schweiz ist die ärztliche Freitodbegleitung nicht strafbar. In Deutschland wird dafür gemeinhin der Begriff „Sterbehilfe“ verwendet. Seit 1918 ist der begleitete Suizid in der Schweiz legalisiert. In Art. 115 des Schweizerischen Strafgesetzbuches heißt es dazu: „Verleitung und Beihilfe zum Selbstmord. Wer aus selbstsüchtigen Beweggründen jemanden zum Selbstmorde verleitet oder ihm dazu Hilfe leistet, wird, wenn der Selbstmord ausgeführt oder versucht wurde, mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft.“

Drei der Organisationen – die beiden EXIT-Verbände und Dignitas – sind weitestgehend transparent.

EXIT und DIGNITAS

EXIT (Deutsche Schweiz) Vereinigung für humanes Sterben: Im Frühling 1982 gegründet, hat die Vereinigung 2021 (Jahresende) 142.233 Mitglieder in der deutschsprachigen Schweiz und im Tessin. In einer Selbstdarstellung „30 Jahre Exit“ wird ausführlich die Gründungsgeschichte dargestellt. EXIT (Deutsche Schweiz) publiziert leicht zu findende Jahresberichte.

EXIT A.D.M.D. (Romanische Schweiz): Zeitgleich, 1982, mit der Organisation in der Deutschen Schweiz gegründet, sind die Mitglieder ebenfalls nur Personen der Schweizer Wohnbevölkerung. Ende 2021 waren es 32.210 Mitglieder. EXIT (romanische Schweiz) hat seine Jahresübersicht 2020 im „Bulletin Exit n° 74“ veröffentlicht. Informationen für 2021 auf Anfrage.

Dignitas:  Im Mai 1998 auf der Forch (bei Zürich) gegründet, mit einer deutschen Sektion (seit September 2005) in Hannover. Die Leitung von DIGNITAS wird durch Ludwig A. Minelli (als Generalsekretär), Sandra Martino und Silvan Luley wahrgenommen. Ziel ist u. a. auch Menschen, die nicht in der Schweiz leben, eine Freitodbegleitung zu ermöglichen. Mitglieder (31.12.2021): 11.024 aus 127 Ländern. Für Dignitas sind Statistiken hier verfügbar.

Weitere Organisationen

Lifecircle/Eternal Spirit wurde von der Ärztin Dr. Erika Preisig 2012 gegründet, die zuvor als Konsiliarärztin bei Dignitas tätig war. Eine Freitodbegleitung durch Eternal SPIRIT ist nur für Mitglieder von lifecircle möglich. Die Informationspolitik ist sehr zurückhaltend, Zahlen werden nur pauschal in Interviews oder Berichten genannt, so für die Jahre 2014-2017 insgesamt etwa 250 Begleitungen, 2019 werden insgesamt 600 Begleitungen genannt. Das wären pro Jahr etwa 100 Freitodbegleitungen.

Eine Abspaltung von Eternal Spirit ist die Organisation „Pegasos - Verein für Freitodbegleitung“, die von dem Bruder der Ärztin Dr. Erika Preisig, Ruedi Habegger, 2019 gegründet wurde. Sie hat ihren Sitz in Basel und außer einer Telefonnummer und den Vornamen der Mitarbeiter gibt es, trotz eines englischsprachigen Wikipedia-Eintrags neben einem FAQs keine weiteren Informationen oder Zahlen, außer, dass der bürokratische Aufwand möglichst gering gehalten werde, das eine Freitodbegleitung 10.000 Franken koste, das Angebot nur in der Schweiz realisiert wird und dass man dafür ein „Gönner“ (Mitglied) bei Pegasos sein müsse. Es sollen Verbindungen zur australischen Organisationen Exit International bestehen, die 1997 gegründet wurde und seit 2017 einen „Sarco Device“ (Sarkophag) einsetzt, die 2021 in der Schweiz vorgestellt wurde.

Ex International wurde 1996 auf Anregung des Arztes Julius Hackethal durch den Schweizer Pastor Rolf Sigg gegründet, der zuvor EXIT mitbegründet hatte. Mitglieder vor allem aus Deutschland. Nach einem Bericht in der ZEIT aus dem Jahr 2009 begleitet die Organisation jährlich 12 Sterbewillige in Deutschland. Weitere Informationen sind – außer Mailadresse und Telefonnummern in Bern - aktuell nicht bekannt.

Das Gleiche gilt für die Associazione Liberty Life. Sie ist zwar bei der „World Federation – Right to die Societies“ (WFRTDS) genannt, mit Mail-Adresse und Telefonnummer, wird aber in der aktuellen Mitgliederübersicht nicht mehr genannt. Die Organisation wurde im November 2015 im Italienisch sprechenden Kanton Ticino (Tessin) gegründet. Nach einem Bericht erhielt die Organisation keine Genehmigung für ein Sterbezimmer im Tessin und hat ihre Tätigkeit eingestellt.

Gesamtzahlen

Die Daten zu Freitodbegleitung/Assistiertem Suizid werden jährlich publiziert.

Nach Angaben des Schweizer Bundesamt für Statistik (Assistierter Suizid-2003-2019) steigt die Anzahl der Freitodbegleitungen seit 1999 an, aber es ist keine durchgehende Stetigkeit eines immer größeren Anstiegs der assistierten Suizide feststellbar. Die Spannweite der Veränderungen der Freitodbegleitungen gegenüber dem Vorjahr geht von minus 3,8 Prozent (2016) bis plus 52,0 Prozent (2003).

Der Anteil der Freitodbegleitungen an allen Verstorbenen des Jahres steigt langsam an und beläuft sich 2019 auf 1,8 Prozent aller Verstorbenen.

Die bisher genannten Zahlen erfassen nur die Schweizer Wohnbevölkerung. Erfasst man alle veröffentlichten Zahlen von Organisationen in der Schweiz zu den Freitodbegleitungen, so zeigt sich, dass die Anzahl höher liegt: 2019 sind es 1.196 Personen, die in der Schweiz lebten, aber 1.470 Freitodbegleitungen durch EXIT und DIGNITAS.

Die Zahlenangaben zwischen den Organisationen und dem Bundesamt für Statistik sind dabei nicht stimmig. Eine detaillierte Abklärung der Differenzen war nicht möglich. Zudem fehlt die Anzahl der Freitodbegleitungen durch andere, intransparente Organisationen.

Das verweist auch darauf, dass die Freitodbegleitungen in der Schweiz kein „Import-Thema“ sind, da von den 1.470 Menschen, die sich 2019 für eine Freitodbegleitung in der Schweiz entschieden haben, nur 18,6 Prozent Ausländer sind. Dieser Anteil steigt nicht, sondern variiert seit 2010 um die 21 Prozent, mit einer Spannweite von 14,8 (2013) bis 27,2 Prozent (2012), mit eher sinkender Tendenz.

Die Akzeptanz der Freitodbegleitung in der Schweiz beruht auch auf einer Annahme der Verringerung der Suizide. Dass diese Annahme berechtigt ist, zeigt sich darin, dass sich die Anzahl der Suizide in den vergangenen 20 Jahren verringert hat und die Anteile der Sterbebegleitung bei den Selbsttötungen angestiegen ist. Dazu merkte der Kommunikationschef von Exit, Jörg Wiler, 2019 in swissinfo.ch an: „Die Suizidrate hat sich seit 1980 mehr als halbiert. Auch dazu tragen die Sterbehilfeorganisationen bei.“

EXIT

EXIT (Basel) schreibt zur Freitodbegleitung:

„Bereits der erste Blick auf die Zahlen zeigt, dass nicht nur die Anzahl EXIT-Mitglieder stark zunimmt, sondern auch der Aufwand für das gesamte Freitodbegleitungsteam (FTB-Team). Bei insgesamt 1.207 Menschen, die sich mit einem ernsthaften Sterbewunsch an EXIT wandten, fanden Abklärungen statt („Akteneröffnung“) und während des ganzen Jahres entschieden sich 905 Personen für eine Freitodbegleitung (FTB).“

Im Exit Jahresbericht 2021 sind es 1.328 Akteneröffnungen und 973 Freitodbegleitungen. Für 2021 bedeutet es, das von den Akteneröffnungen (= Anträgen) rund ein Viertel (= 26,7 Prozent) nicht zu einer Freitodbegleitung führen.

Das Verhältnis von Männern zu Frauen besteht in der Größenordnung von ca. 41 Prozent Männern zu 59 Prozent Frauen und das Durchschnittsalter bewegt sich um 78 Jahre.

Sterbeort

Der Großteil der Freitodbegleitungen (rund 96 Prozent) durch EXIT (Deutsche Schweiz) findet in der eigenen Wohnung oder im eigenen Zimmer eines Alters- oder Pflegeheimes statt. Nur in den Fällen, dass ein Heim seinen Bewohnern keine Freitodbegleitung gestattet, stellt EXIT sein Sterbezimmer zur Verfügung.


Erkrankungen

Die Aufschlüsselung der Freitodbegleitungen nach der zu Grunde liegenden Erkrankung bleibt gegenüber den Vorjahren in Prozentzahlen ausgedrückt nahezu unverändert. Die dominierenden Kategorien ‚Krebserkrankungen in weit fortgeschrittenem Stadium‘ und ‚Alterspolymorbidität‘ machen rund zwei Drittel aller Fälle aus. Die Prozentzahlen verteilen sich 2021 wie folgt: Krebs 35 Prozent, Alterspolymorbidität 27 Prozent.

Das gleiche gilt auch für den EXIT-Partner in Genf.

Dignitas

Aus 27 Ländern reisten Menschen in die Schweiz, um sich von Dignitas in den selbstbestimmten Freitod begleiten zu lassen. In einer Gesamtübersicht über 24 Jahre (1998 – 2021) sind es 3.460 Menschen. 2.865 von ihnen (oder 83 Prozent) hatten ihren Wohnsitz in der Schweiz (215) sowie in Deutschland (1.440), Großbritannien (498), Frankreich (453) Italien (185) und Österreich (74). Deutsche haben einen Anteil von 48 Prozent. Die weiteren 595 Personen kamen aus weiteren 54 verschiedenen Ländern, von denen die USA (145), Israel (102), Canada (64), Spanien (42), Australien (38) und Schweden (35) die größten Anteile hatten.

Lifecircle/Eternal Spirit: Aus einem Zeitungsartikel geht hervor, dass ein Viertel der Betreuten aus der Schweiz stammen. „Die meisten Menschen kommen aus Frankreich, gefolgt von Italien, England und Deutschland.“ Es handelt sich – nach vereinzelten Meldungen –, um etwa 100 Begleitungen pro Jahr. Sterbeort ist eine Wohnung Im Basler Gewerbegebiet.

Ex International: Ebenfalls nur aufgrund eines Zeitungsartikels (aus dem Jahr 2005) wurde bekannt, dass die Sterbehilfeorganisation Ex International rund 700 Mitglieder habe, fast alle in Deutschland. Jährlich würden rund ein Dutzend Sterbewillige begleitet, die dazu überwiegend in die Schweiz führen. Weitere Informationen werden nicht veröffentlicht.

Mitglieder

Und ebenso international, wie die Menschen, die zu einer Freitodbegleitung nach Forch bei Zürich gereist sind, kommen die Mitglieder von Dignitas (2021) aus 127 Ländern.

Aus sechs Ländern (Schweiz, Deutschland, Italien, Großbritannien, Frankreich, USA) kommen (2021) mit 9.042 rund vier Fünftel ( 82 Prozent) der Mitglieder von Dignitas. In den vergangenen vier Jahren (von 2016 bis 2021) steigt die Zahl der Mitglieder von 7.676 auf 11.024, also um rund 44 Prozent.

In den vergangenen sieben Jahren (2015 bis 2021) steigt die Zahl der Mitglieder von EXIT in der deutschsprachigen Schweiz um 49 Prozent (= 46.612 Mitglieder), in der romanischen Schweiz um 48 Prozent (= 56.608 Mitglieder).

Insgesamt ist die Zahl der Menschen der Schweizer Wohnbevölkerung, die Mitglied in einer der drei genannten Organisationen sind von 69.912 (am 31.12.2010) auf 174.443 (am 31.12.2021) angestiegen, d. h. um 150 Prozent.

Im Bulletin 72 von EXIT A.D.M.D Suisse Romande wird für 2019 aufgeschlüsselt, dass von den Mitgliedern 968 verstorben sind und davon 352 (= 36,4 Prozent) mithilfe von EXIT, 616 (= 63,6 Prozent) ohne Freitodbegleitung.

Das verweist darauf, dass eine Mitgliedschaft bei EXIT, die Voraussetzung für eine Freitodbegleitung ist, eher eine Art ‚Rückversicherung‘ für die Situation ist, dass sich die Lebensumstände so verändern (z. B. durch Schmerzen), dass man sich für eine Freitodbegleitung entscheidet, als dass es einen Automatismus bedeutet.

Kosten

Die Kosten für eine Freitodbegleitung variieren stark, da bei den Mitgliedern der Schweizer Wohnbevölkerung geringere Kosten anfallen bzw. von den Angehörigen selber finanziert werden. Bei den Ausländern sind die Kosten für den Raum, Sarg, Transport, Beerdigung bzw. Kremation ebenso wie der administrative Aufwand höher.

Bei EXIT (Schweizer Wohnbevölkerung, volljährig mit Schweizer Bürgerrecht oder mit Wohnsitz in der Schweiz) zahlt man einen Mitgliedsbeitrag von 45 Franken pro Jahr bzw. einmalig 1.100 Franken für die Lebenszeit. Für Mitglieder ist die Freitodbegleitung nach drei Mitgliedschaft kostenlos, für weniger als 3 Jahre Mitgliedschaft sind es zwischen 900 bis 3.500 Franken.

Bei Dignitas (Personen mit Wohnsitz überwiegend im Ausland) sind 200 Franken Eintrittsgebühr und ein Jahresbeitrag von 80 Franken zu entrichten. Die Vorbereitung einer Freitodbegleitung (Beratung, Begutachtung, Konsiliarärzte, etc.) kosten 3.000 Franken, die Durchführung weitere 4.000 Franken.

Lifecircle/ Eternal SPIRIT nennt 50 Franken/Euro jährlich für eine Mitgliedschaft bei Lifecircle sowie bei einer Freitodbegleitung für Schweizer Kosten von 1.000 Franken bei Antragsstellung und insgesamt 4.050 Franken, für Ausländer 3.000 Euro für Vorbereitungsarbeiten und Totalkosten von 10.050 Franken.

(CF)