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Jugend, Religion und Staat in der MENA-Region

Die Gesellschaften in den MENA-(Middle East and North Afrika)-Staaten sind überdurchschnittlich jung. Entsprechend richtet sich die Aufmerksamkeit auf deren Zukunftsperspektive, Lebensgefühl, Erwartungen und Einstellungen. Die Friedrich-Ebert Stiftung führte 2016/2017 eine großangelegte „Jugendstudie“ mit dem Titel „Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“ unter 16-30 Jährigen durch. Der Islam wird weitestgehend als wichtigster Halt (nach der Familie) angesehen aber ebenso eindeutig als Privatangelegenheit betrachtet.

Was auf den ersten Blick als Widerspruch zu den Ergebnissen des Arab Youth Survey (2019) erscheint, muss jedoch keiner sein. Wenn im Arab Youth Survey festgestellt wird, dass die Rolle der Religion nach Ansicht der jüngeren Befragten zu groß sei, bezieht sich das auf Politik und Öffentlichkeit. Das ist kein Widerspruch dazu, dass die FES-MENA-Jugendstudie eine hohe Wichtigkeit des Islam konstatiert, diese jedoch von den jungen Erwachsenen (16-30 Jahre) weitestgehend (83 Prozent) als Privatangelegenheit betrachtet wird.

Dazu schreibt die Friedrich-Ebert-Stiftung: „Religiosität nimmt zu, wird jedoch vor allem auf individueller Ebene praktiziert.                                                                                   Generell setzt eine größere Religiosität oft erst nach der Schulzeit ein. Sie findet sich vor allem in Großstädten und bei den Wohlhabenden und Gebildeten. Weniger religiöse Jugendliche stammen hingegen aus Familien mit geringem Bildungskapital, aus den unteren Mittelschichten bzw. armen Schichten der Gesellschaft.                               Religion dient jungen Menschen weniger politischen oder ideologischen Zwecken, sondern vor allem dem individuellen Wohlfühlen und der Selbstdisziplinierung. Sie wird zunehmend zum Kanal der Spiritualität und weniger als Ausdruck von Ideologie oder Politik wahrgenommen. Der Grad der Frömmigkeit steigt jedoch vor allem auf individueller Ebene und nicht mehr als eine kollektive Sozialutopie.“

Auf die Frage: „Religion ist eine Privatangelegenheit, in die sich niemand einmischen sollte.“ Stimmst Du dem zu?“ antworten 83 Prozent mit „Ja“.


In einem Interview mit der Deutschen Welle  sagte einer der beiden Herausgeber, Jörg Gertel: „ Was man ganz deutlich sehen kann ist, dass sich fast niemand mehr politisch engagieren mag, und zwar parteipolitisch engagieren. Auf den Werteskalen steht ganz oben, dass die jungen Leute Vertrauen auf Gott haben. Aber dieser Glaube ist nicht mehr politisch, sondern eine Privatangelegenheit, während sie den Politikern zutiefst misstrauen. Mit ihnen wollen sie nichts zu tun haben. Hier ist eine ganz große Distanz entstanden.

Frage DW: Wenn Religion für die jungen Leute eine größere Rolle spielt, muss man das auch als wachsende Gefahr von Islamismus sehen?

Ganz im Gegenteil. Diejenigen, denen es wirklich schlecht geht, vertrauen, wenn überhaupt, noch zwei großen Institutionen: einmal der Familie; sie steht meistens bereit und leistet, soweit es geht, noch Unterstützung. Und in ganz gravierenden Fällen wie in den Hungersituationen im Jemen, wenn selbst die Solidaritätsstrukturen der Familien das nicht mehr auffangen können und jeder zusieht, wie er überlebt, dann bleibt vielen Menschen nur noch das Vertrauen auf Gott. Und die Studie zeigt, dass dies von vielen als persönliche Angelegenheit verstanden wird, in die sich niemand einmischen sollte.“

Die Privatheit des religiösen Bekenntnis zeigt sich auch darin, dass bei rund der Hälfte (47 Prozent) der „Jugendlichen“ von den Interviewern kein sichtbares Tragen oder Verwenden religiöser Symbole festgestellt werden konnte.

Auch hinsichtlich des bevorzugten politischen Systems hat ein demokratisches System die größte Zustimmung (38 Prozent), unter Beimischung islamischer Elemente (11 Prozent) sind es die Hälfte der Befragten (49 Prozent). Die autoritären Anhänger eines „starken Mannes“ (28 Prozent) und der Wunsch nach einem Gottesstaat, der auf der Scharia beruht (11 Prozent) sind auch zusammen (39 Prozent) deutlich weniger.

(CF)