Sie sind hier

Kirchenaustritte 2022

Nach den hohen Kirchenaustrittszahlen in Deutschland und Österreich im Jahr 2021 stellt sich die Frage, wie die weitere Entwicklung in 2022 aussieht. Für Österreich liegen jetzt die Zahlen für die katholische Kirche vor, für Deutschland sind erste Zahlen bekannt. Sie zeigen einen weiteren Anstieg von 25 bis 30 Prozent gegenüber 2021.

Österreich

In Österreich ist der Kirchenaustritt bei der staatlichen Bezirksverwaltung kostenfrei.

„Der Austritt erfolgt durch persönliche Vorsprache oder schriftlich (durch ein formloses Schreiben oder unter Verwendung eines Formulars, wenn die Behörde ein solches zur Verfügung stellt).“ (Quelle)

In den meisten Bundesländern Österreichs ist der Austritt auch online mit digitaler Signatur (z. B. in Wien) möglich.

Die Austritte aus der (dominierenden) katholischen Kirche hatten 2019 die 70.000 Marke erreicht. 2020 und 2021 waren es annähernd 59.000 und 72.000 Austritte. Nach den Angaben der Bischofskonferenz sind es für das vergangene Jahr (2022) 90.808 Mitglieder, die die katholische Kirche verlassen haben.

Gegenüber dem bisherigen ‚Spitzenjahr‘ 2010 (bei dem die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle als Begründung genannt wurden) mit 86.000 Austritten, ist das eine weitere Steigerung. Gegenüber 2019 ist es eine Steigerung von rund 34 Prozent.

(Ergänzung 201.1.2023)

Nachdem die Evangelische Kirche in Österreich ihre 2022-Zahlen publiziert hat, lassen sich nun auch die Gesamtzahlen vervollständigen. Die Kirchenaustritte beziehen sich dabei - auch in der Zeitreihe – nur auf das A. B. (Augsburger Bekenntnis), die aber in Österreich 95 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder stellen. Insgesamt bewegen sich die Gesamtzahlen nun in Richtung 100.000 Austritte (96.796).

Der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung ist weiter gesunken und beläuft sich 2022 auf 52,7 Prozent.

Mit Bezug auf die Veränderungen der Mitgliederzahl seit 1991 – wobei der positive Wert im Jahr 2001 auf die Volkszählung zurückgeht -, ist der Durchschnittswert von rund einem Prozent Minus pro Jahr in den vergangenen Jahren weiter abgesunken.


Deutschland

In Deutschland ist der Kirchenaustritt nur persönlich möglich und in den Bundesländern – sowohl was die Kosten betrifft wie die staatlichen Austrittsstellen – unterschiedlich geregelt.

Die Zahlen der Kirchenaustritte in Deutschland insgesamt werden traditionell im Sommer seitens der Kirchen veröffentlicht. Das Jahr 2021 verzeichnete für Deutschland 640.000 Kirchenaustritte: 280.000 Evangelische und 360.000 Katholiken.

Für Köln und NRW wurden für den Amtsgerichtsbezirk Köln ein neuer Höchststand gemeldet: 20.331 Kölnerinnen und Kölner sind 2022 aus den Kirchen ausgetreten. (Die Aufstellung unterscheidet nicht zwischen den Konfessionen.) Das sind 959 mehr als in 2021 und ein „Historischer Rekord bei Kirchenaustritten in Köln“.

Nach Angaben von Statista für die Jahre 2010 bis 2018 beträgt die Quote etwa zwei Drittel Katholiken und ein Drittel Protestanten (2018 z.B. 4.903 Katholiken und 2.669 Evangelische).

Die dpa hatte bereits zum Jahresende 2022 Informationen erfragt und im 1. Halbjahr 2022 haben in NRW 111.235 Menschen ihre Kirchenmitgliedschaft beendet, im gesamten Jahr 2021 waren es 155.322. In München waren es bis Mitte Dezember 26.008 Kirchenaustritte, das sind 4.000 mehr als im gesamten Jahr 2021. In Mainz kehrten bis Ende November 3.495 Menschen den Kirchen den Rücken, das ist ein Anstieg um 36,7 Prozent.

Die evangelische Landeskirche Württemberg meldete einen Anstieg von einem Drittel:

„Die Kirchenaustritte aus der Evangelischen Landeskirche in Württemberg sind bis einschließlich Oktober 2022 um ein Drittel gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. […] Waren es im Jahr 2021 bis Oktober noch 20.269 Menschen, die sich aus der Kirche verabschiedet haben, sind es in diesem Jahr bereits 26.574 gewesen.“

Für Berlin sind es rund 30 Prozent:

„Nach Angaben einer Sprecherin der Berliner Zivilgerichte taten das in den ersten drei Quartalen dieses Jahres 18.018 Menschen. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 14.058 Menschen, also etwa 4.000 weniger.“

Die Kirchenaustritte im Bistum Münster sind in mehreren Pfarreien doppelt so hoch wie 2021. In Ostwestfalen-Lippe sind fast 48 Prozent mehr als 2021 ausgetreten.

„In Ostwestfalen-Lippe sind im letzten Jahr 21.425 Menschen aus den Kirchen ausgetreten. Das waren fast 48 Prozent mehr als im Jahr zuvor, als 14.521 Austritte gezählt wurden. Proportional am größten war die Zunahme der Austritte im katholisch geprägten Warburger Land mit 91 Prozent.“

In Gladbeck sind die Kirchenaustrittszahlen von 434 (2021) auf 757 gestiegen – ein Anstieg von 74 Prozent.

Sofern sich im Bundesdurchschnitt nur ein Anstieg um 30 Prozent darstellt, werden die Kirchenaustritte 2022 in Deutschland sich auf eine Größenordnung von rund 830.000 Austritten belaufen.

Das würde bedeuten, dass am Ende des Jahres 2022 die Kirchenmitglieder in Deutschland durch die Kirchenaustritte einen Prozentpunkt Bevölkerungsanteil weniger haben und sich – unter der weiteren Berücksichtigung von Mitgliederverlusten wie die Sterbeüberschüsse (Verstorbene vs. Taufen) – der 48 Prozent-Marke nähern können.

(CF / BB)