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Religionszugehörigkeiten in Stuttgart 1900 - 2018

Betrachtet man die Entwicklung der Kirchenmitgliederzahlen in Stuttgart kommt man zu zwei sehr unterschiedlichen Feststellungen, die dennoch beide richtig sind. Der Trend der Säkularisierung wird sich zudem weiter fortsetzen, da den beiden großen christlichen Kirchen vor allem die jüngeren Mitglieder abhandengekommen sind.

Einerseits ist es richtig, dass parallel zum Anstieg der Einwohnerzahlen auch die Zahl vor allem der evangelischen Kirchenmitglieder ansteigt. 1962 hat die Landeshauptstadt ihren bisherigen Höchststand an Einwohner (640.560 Personen) und die Evangelische Kirche 1961 (erst ab 1970 liegen weitere Zahlen vor) einen Höchststand von 382.290 Mitgliedern.

Stuttgart

Andererseits ist es auch richtig, dass seit dem Vorliegen verlässlicher Mitgliederzahlen (seit der Volkszählung 1900) der Anteil der evangelischen Kirchenmitglieder sich - durchgehend und kontinuierlich - von 82,5 Prozent (1900) auf 60 Prozent (1961) und schließlich 23,6 Prozent (2018) verringert.

Der Anteil der römischen Katholiken steigt absolut und prozentual von 15,4 Prozent (1900) auf 33,1 Prozent (Anfang der 1970er Jahre) und sinkt dann ebenfalls auf schließlich 22,7 Prozent (2018).

Der Anteil der sonstigen Religionsgemeinschaften entwickelt sich von 2,1 Prozent (1900) auf 13,2 Prozent (1970) auf aktuell 53,7 Prozent (2018). Ende 2015 stellen die Mitglieder der beiden großen christlichen Kirchen nicht mehr Mehrheit der Bevölkerung (48,9 Prozent).

In einer Darstellung der Entwicklung von 1970 – 2018 wird deutlich, wie sehr sich die Verteilungen ‚auf den Kopf‘ gestellt haben.

Die EKD-Evangelischen, die 1970 noch alleine die Mehrheit bildeten (mit 54 Prozent der Einwohner), halbieren ihren Anteil bis 2018 (auf 23,6 Prozent) und seit Ende 2015 stellen die sonstigen Religionsgemeinschaften und die Konfessionsfreien die Mehrheit (mit 51,1 Prozent), bei gleichbleibender Tendenz.

Der Anteil der Muslime in Stuttgart beläuft sich nach einer Schätzung des Statistischen Amtes aus dem Jahr 2009 („Muslime in Stuttgart 2009“) auf rund 10 Prozent der Bevölkerung.

Rechnet man noch rund 4-5 Prozent kleinerer christlicher Religionsgemeinschaften (Freikirchen, Orthodoxe, u. a. m.) sowie nicht christlicher Gemeinschaften (Buddhisten, Hindus, u. a. m.) so verbleiben 2018 von den rund 54 Prozent-Anteil dieser Gruppe rund 40 Prozent für die Konfessionsfreien.

Insofern trifft immer noch zu, was einer der Fachleute im Statistischen Amt der Stadt Stuttgart, Joachim Eicken, bereits 2005 in einem Artikel („Kirchen 2005 im demographischen Wandel am Beispiel der Landeshauptstadt Stuttgart“) als Fazit formulierte:

„Die beiden christlichen Volkskirchen haben in den vergangenen 30 Jahren einen erheblichen Mitgliederschwund zu verzeichnen. Dabei ist der jährliche Mitgliederschwund in der evangelischen Kirche mit durchschnittlich 1,3 Prozent deutlich stärker ausgeprägt als in der römisch-katholischen Kirche, die in den vergangenen 30 Jahren pro Jahr im Durchschnitt 0,8 Prozent Ihrer Mitglieder verloren hat. In beiden Kirchen gleich ist die Alterung ihrer Mitglieder, denn diese Alterung liegt doppelt so hoch wie unter der Einwohnerschaft Stuttgarts insgesamt.

Die „Entkirchlichung“ der Stuttgarter Einwohnerschaft resultiert nicht allein aus dem Austritt aus der Kirche, als einer bewussten Entscheidung bisheriger Kirchenmitglieder, sondern auch aus einer für die beiden christlichen Volkskirchen negativen Wanderungsbilanz, wie auch auf einer negativen Tauf-/Beerdigungsbilanz. Dabei wird das ohnehin durch den Geburtenrückgang verursachte Kinderdefizit verstärkt durch ein verändertes Taufverhalten, da die traditionelle Säuglingstaufe immer seltener praktiziert wird. Gleichzeitig aber stirbt die Generation der Senioren aus, die sich stark an eine der beiden Kirchen – in Stuttgart überwiegend der evangelischen Kirche – gebunden fühlen bzw. gebunden fühlten und für die ein Austritt aus der Kirche niemals denkbar gewesen wäre. Die negative Ein-/Austrittsbilanz bildet damit nur einen Grund des rasanten Erosionsprozesses insbesondere in der evangelischen Kirche. Selbst wenn die Zahl der Austritte abnehmen würde und gleichzeitig die Zahl der Eintritte zunehmen würde, würde der Erosionsprozess nur unwesentlich verringert werden, da die negative Wanderungsbilanz insbesondere aber die negative Tauf-/ Beerdigungsbilanz in erheblichem Umfang den Rückgang der Kirchenmitglieder in der evangelischen Kirche bestimmen.“

Vergleicht man die Entwicklung der Bevölkerungszahlen mit den Zahlen der Religionszugehörigkeiten, so zeigt sich dieser Unterschied unmissverständlich. Die Bevölkerung Stuttgarts wächst von 1987 – 2018 jährlich um durchschnittlich 1.955 Personen. Die evangelischen Kirchenmitglieder verringern sich im gleichen Zeitraum um jährlich 2.960 Mitglieder und die römischen Katholiken um jährlich 1.033 Mitglieder. Einen durchgehenden Zuwachs hat die Gruppe der Sonstigen Religionsgemeinschaften/Konfessionsfreien um 5.948 im jährlichen Durchschnitt.

Die ‚Momentaufnahme‘ des Zensus 2011 zeigt im Altersaufbau die beiden Seiten des Probleme der beiden großen christlichen Kirchen:

Zum einen haben sie – in absoluten Zahlen – in den älteren Jahrgängen (rechte Seite der Abbildung) eine deutlich höhere Anzahl von Mitgliedern und zum anderen haben sie bei den jüngsten Jahrgängen (linke Seite der Abbildung) weniger Mitglieder als die Sonstigen/Konfessionsfreien. Mit anderen Worten: Was die beiden großen Kirchen an älteren Mitgliedern verlieren, können sie nicht durch die Anzahl der jüngeren Mitglieder ausgleichen.

In einem Vergleich in vier Zehnjahresschritten (1987-1997-2007-2017) wird dieser Aspekt noch deutlicher.

Durchgehend verringern sich in den Altersgruppen die Mitgliederzahlen der Evangelischen wie der Katholischen Kirche, während sie im Bereich der Sonstigen/Konfessionsfreien in allen Altersgruppen durchgehend ansteigen.

Eine Darstellung für 2017 nach Altersgruppen in Bezug auf Anteile und absolute Zahlen der Religionszugehörigkeiten zeigt in den Anteilen die Verringerung der Kirchenmitglieder.

In den absoluten Zahlen wird jedoch deutlich, dass sich auch gleichzeitig die absoluten Zahlen in den Altersgruppen verringern. Die jüngste Altersgruppe der 0-18-Jährigen ist auch die Kleinste.

Es rollt also keine ‚Welle‘ heran, die Stuttgart in naher Zukunft ‚überfremdet‘. Mitnichten.

(CF)