Allochthone Katholiken

Für die Entwicklung der Anzahl der christlichen Kirchenmitglieder in Deutschland wird gemeinhin eine Einflussgröße übersehen: die Zuwanderung von Ausländern. Insbesondere die römisch-katholische Kirche in Deutschland profitiert davon. Dieser Artikel berichtet über die jeweiligen Größenordnungen sowie die damit verbundenen gesellschaftlichen Effekte.
Die römisch-katholische Kirche in Deutschland ist Teil einer Weltkirche mit rund 1,4 Milliarden Kirchenmitgliedern, die lutherische Kirche der EKD ist Teil des Lutherischen Weltbundes mit 78 Mio. Mitgliedern. Diese unterschiedlichen ‚Einzugsgebiete‘ haben auch für Deutschland Konsequenzen.
1. Vorbemerkung zur Begrifflichkeit
2. Datenbasis
3. Allgemeine Ergebnisse
4. Zählungen der Deutschen Bischofskonferenz
5. Zählungen des Erzbistums Hamburg
6. Aspekte
6.1. Mitglieder-Entwicklung wird verdeckt
6.2. Autochthone römische Katholiken / EKD-Evangelische
6.3. Zuwanderung und Ausländeranteile im Vergleich
1. Vorbemerkung zur Begrifflichkeit
Unter allochthonen Katholiken versteht man Katholiken mit Migrationshintergrund oder ausländischer Herkunft. Dabei ist zu unterscheiden zwischen „Menschen mit Migrationshintergrund“ bzw. „Ausländer“.
„Das statistische Bundesamt definiert das Merkmal Migrationshintergrund wie folgt: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt.“ Die Definition umfasst im Einzelnen folgende Personen: 1. zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer; 2. zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte; 3. (Spät-)Aussiedler; 4. mit deutscher Staatsangehörigkeit geborene Nachkommen der drei zuvor genannten Gruppen.
Im Unterschied zum Menschen mit Migrationshintergrund sind Ausländer und Ausländerinnen alle Personen, die nicht Deutsche im Sinne des Art. 116 Abs. 1 GG sind, d.h. nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.“ (Quelle: Arbeitsagentur)
2. Datenbasis
Das Merkmal der Staatsangehörigkeit wurde in Kombination mit der Religionszugehörigkeit sowohl im Zensus 2011 (mit 7 Kategorien) und im Zensus 2022 (mit drei Kategorien) erfasst.
Das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz hat 2022 in ihrer Statistikreihe den „Statistischen Quartalsbericht 3/22“ publiziert: „Katholische Ausländer in Deutschland“. Darin wurde die Staatsangehörigkeit für die katholischen Ausländer in zwei Stufen erfasst:
„Seit 2015 stehen aus den (Erz-)Diözesen statistische Daten zu katholischen Ausländern nach erster und zweiter Staatsangehörigkeit zur Verfügung (Tab. 1). Als katholische Ausländer mit deutschem Pass sind Katholiken definiert, die neben der deutschen eine weitere Staatsangehörigkeit besitzen. Bei ausländischen Katholiken ohne deutschen Pass wird – soweit vorhanden – die erste ausländische Staatsbürgerschaft berücksichtigt.“
Die Auswertungen – für das engere Kriterium der exklusiven deutschen Staatsangehörigkeit – sind im gemeinsamen Jahr 2022 nicht vergleichbar, da der Zensus 2022 rund 1,8 Mio. Katholiken erfasst (1.794.152), das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz hingegen 2 Millionen (2.033.313).
Das Erzbistum Hamburg verwendet in seiner Auswertung „Kirchliche Statistik 2024“ den Begriff „Fremdsprachige Katholiken“ und erläutert: „Katholiken mit Hauptwohnsitz im Erzbistum Hamburg und nicht deutsch als 1. Staatsangehörigkeit“.
Die ‚Dunkelziffer‘ sind alle Ausländer, die in Deutschland eingebürgert wurden und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.
3. Allgemeine Ergebnisse
2011 haben 92,4 Prozent der Bevölkerung in Deutschland die deutsche Staatsangehörigkeit, 7,6 Prozent sind Ausländer (s. Tabelle 1 im Anschluss des Textes). Den geringsten Anteil an Ausländern haben die EKD-Protestanten, mit 1,0 Prozent. 6,4 Prozent der römischen Katholiken wurden als Ausländer registriert. Das sind 1,6 Mio. der katholischen Kirchenmitglieder, also das Siebenfache gegenüber den 235.000 Ausländern der EKD-Evangelischen.

In der Frage, welche Religionsgemeinschaft die meisten Zugänge aus welchen Herkunftsgebieten bekommt, bekommen die römischen Katholiken von den rund 2,5 Mio. Zuwanderern aus den EU-Staaten (gelbe Säulen) rund 50 Prozent. (s. Tabelle 1)

Im Zensus 2022 hat sich der Anteil der Ausländer von 7,6 Prozent auf 13,2 Prozent erhöht. In der Verteilung in den Bundesländern zeigt sich für die römischen Katholiken, dass sie in den drei Stadt-Bundesländern Hamburg (23,3 Prozent der Katholiken), Berlin (21,6 Prozent) und Bremen (21,1 Prozent) die höchsten Anteile unter den katholischen Kirchenmitgliedern haben. (s. Tabellen 2)

Von den Zuwanderern aus den 27 EU-Staaten, die rund 40 Prozent aller Ausländer ausmachen, stellen diese EU-Ausländer rund 91 der zugewanderten katholischen Ausländer.

Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind dabei gering und haben eine Spannweite von 80,5 Prozent (Bremen) und 91,7 (in Mecklenburg-Vorpommern).
4. Zählungen der Deutschen Bischofskonferenz
Für die Jahre 2015-2022 hat die Deutsche Bischofskonferenz die Anzahl der „Katholischen Ausländer in Deutschland“ recherchiert. In Erweiterung des Aspekts der Staatsbürgerschaft auf die Einbürgerungen mit doppelter Staatsbürgerschaft ist zumindest ein Teil der ‚Dunkelziffer‘ der Einbürgerungen erfasst, von denen rund 80 Prozent ihre ursprüngliche Staatsangehörigkeit behalten.
Die Zahl der katholischen Ausländer vergrößert sich dadurch auf über drei Millionen (s. Tabelle 3) und ist konstanter Teil der Mitgliederzahl.

Während die Zahl der Katholiken ohne Ausländer sich von 2015 – 2022 von 20,6 Mio. auf 17,4 Mio. verringert, steigt die Zahl der katholischen Ausländer von 3,2 auf 4,5 Mio. und entsprechen steigt ihr Anteil an den katholischen Kirchenmitgliedern von 13,5 auf 16,7 Prozent (s. Tabelle 4).

Die Anteile der ausländischen Katholiken ohne einen deutschen Pass und der mit Pass sowie 2. Staatsangehörigkeit beträgt gleichbleibend rund 60:40 (s. Tabelle 5)

Nach Staatsangehörigkeiten aufschlüsselt sind 34 Prozent der katholischen Ausländer Polinnen und Polen, 17 Prozent kommen aus Italien und 10 Prozent aus Kroatien (s. Tabelle 6).

Entsprechend haben (2021) die ‚grenznahen‘ Bistümer wie Berlin (37 Prozent), Hamburg (37 Prozent) und Görlitz (32 Prozent) die höchsten Anteile von katholischen Ausländern (s. Tabelle 7).

5. Zählungen des Erzbistums Hamburg
Das Erzbistum Hamburg, mit den – neben Berlin – höchsten Anteilen an katholischen Ausländern wertet seine Mitgliederdaten auch nach der Staatsangehörigkeit aus und nennt sie „Fremdsprachliche Mitglieder“. Die Anteile dieser Auszählungen belaufen sich auf eine Spannweite von 16,7 bis 22,2 Prozent (s. Tabelle 8).

Von 2010 bis 2017 stieg der Anteil der katholischen Ausländer an den Kirchenmitgliedern, seit 2018 verringern sich diese Anteile gegenüber den Zahlen des Vorjahres. Die Veränderungen in den jeweiligen Zahlen der Mitglieder insgesamt und dem Anteil der Ausländer verdeutlicht den Anteil der Ausländer.

6. Aspekte
6.1. Mitglieder-Entwicklung wird verdeckt
Diese Veränderungen, wie sie sich für das Erzbistum Hamburg darstellen, zeigen sich auch für das ganze katholische Deutschland. In der Entwicklung der Mitgliederzahlen für die katholische Kirche in Deutschland, werden die Verringerungen der Mitgliederzahlen (blaue Linie) im Vergleich zum Vorjahr von 2008 bis 2016 geringer, um dann ‚abzustürzen‘ (s. Tabelle 9). Die Verringerung der Kirchenmitglieder wäre bereits ab 2008 sichtbarer geworden (gestrichelte Linie), wenn nicht die Zuzüge ausländischer Katholiken die ‚innerkirchlichen Verluste‘ kompensiert hätten.

Sieht man die Veränderungen in den Mitgliederzahlen als Indikator von Stabilität und Kirchenbindung, als eine Art ‚inneren Aspekt‘, so verweist der Anteil der Ausländer auf einen ‚äußeren Aspekt‘.
Die vermeintliche größere Stabilität des ‚katholischen Milieus‘ gegenüber den EKD-Evangelischen ist insofern ein Irrtum. Die Einschätzung, dass die Katholiken aufgrund ihrer Diasporasituation in Berlin und Hamburg einen größeren Zusammenhalt zeigten (die Zahlen und Anteile sind lange ‚stabil‘ geblieben), beruhte auf einer Fehlwahrnehmung, da die eigentliche ‚äußere‘ Ursache, nämlich die Zuwanderung ausländischer Katholiken, übersehen wurde.
Die beiden ‚Gipfel‘ der positiven Entwicklung – 2005 und 2011-2016 – finden ihre Entsprechung in den Wanderungsdaten der Zuzüge aus Polen und Südeuropa nach Deutschland (s. Tabelle 10).

Diese ‚Gipfel‘ bleiben in den Salden der Zuzüge/Fortzüge erhalten.

6.2. Autochthone römische Katholiken / EKD-Evangelische
Lässt man diese äußeren Einwirkungen beiseite und beschränkt sich auf die Kirchenmitglieder mit einer deutschen Staatsbürgerschaft, denn diese bilden den bleibenden ‚Kern‘, so verliert auch der Wechsel der Mehrheitsposition der römischen Katholiken seine Datenbasis. Bis 1997 hatten die EKD-Evangelischen mehr Mitglieder als die römischen Katholiken. Es wäre zu klären, welchen Einfluss die Zuwanderung – vor allem aus Polen – daran hat.
Rechnet man insgesamt die katholischen Ausländer aus den katholischen Kirchenmitgliedern heraus, so zeigt sich, dass die vorher ‚überlegenen‘ Katholiken gegenüber den EKD-Evangelischen in der Minderzahl sind (s. Tabelle 11). Statt der offiziell registrierten Mitgliederzahl (im Jahr 2022) von 20.937.600 wären es nur noch 17.432.845.

6.3. Zuwanderung und Ausländeranteile im Vergleich
Bereits 2007 wies der Pfarrerverband im Pfarrblatt zum Thema „Migration und Kirche“ darauf hin, dass die Zahl der christlichen Zuwanderer den muslimischen Zuwanderern kaum nachstehe.
„Es ist kaum bekannt, dass die Zahl der zugewanderten Christen anderer Sprache und Herkunft derjenigen der Muslime als der größten religiösen Gruppe unter den Migranten und Migrantinnen in Deutschland kaum nachsteht. Tatsächlich gibt es über 2 Mio. römisch-katholische und etwa 1 Mio. orthodoxe Christen in Deutschland mit ausländischer Staatsangehörigkeit bzw., wenn diese mittlerweile deutsche Staatsbürger sind, zumindest mit besagtem Migrationshintergrund.“
Das ist bisher nicht mit aktuellen Daten abgeglichen worden.
Carsten Frerk.
Tabellen
(Im Anhang befindet sich eine Excel-Datei mit den auslesbaren Daten für die Tabellen und Grafiken)











