Sie sind hier

Katholische Pfarreien und Organisationsreformen

Die katholischen Bistümer in Deutschland realisieren in diesen und den kommenden Jahren einen radikalen Strukturwandel, indem sie die formale Zahl der Pfarreien und Seelsorgestellen auf insgesamt ein Viertel des Bestandes von 2007 reduzieren: Von 12.237 auf rund 3.000. Kein Bistum ist davon ausgenommen.

Der Priestermangel wird als Ursache genannt, wenn es darum geht, dass die katholischen Bistümer in Deutschland die Anzahl ihrer selbständigen Pfarreien drastisch reduzieren.

Eine andere Ursache ist jedoch, dass es den Bistümern nicht gelungen ist, neben den Priestern weiteres pastorales Personal aufzubauen. So gab es in den Jahren von 2007 bis 2011 einen Rückgang der Gesamtzahl der Welt- und Ordenspriester, die in den Bistümern tätig waren, um 979 Personen. Der Zuwachs bei den ständigen Diakonen, den Gemeindeassistenten/-referenten und den Pastoralassistenten/-referenten betrug jedoch nur 338 Personen. (Kirchliches Handbuch XL, S. 83).

Im gleichen Zeitraum (2007 bis 2011) konnte ebenfalls die Zahl der aus dem Ausland kommenden Priester (vor allem aus Polen und Indien, aber auch aus Afrika) von 767 auf 814, also um 47 Personen erhöht werden. (Kirchliches Handbuch XL, S. 110).

Durch weiteres pastorales Personal und die Beschäftigung von Priestern aus dem Ausland konnte also der Rückgang der Welt- und Ordenspriester im Dienst der Bistümer nur zu 39 Prozent ausgeglichen werden. Da auch die Entwicklung der Zahl der neugeweihten Priester in Deutschland auf einem historischen Tiefpunkt angekommen ist und auch für die mittelfristige Entwicklung der Priesteramtskandidaten ein Rückgang besteht, wurden Strukturveränderungen innerhalb der Bistümer unausweichlich. Wollte man also die immer prekärer werdende Situation, dass ein Priester mehrere Pfarreien zu betreuen hatte, verändern, mussten Pfarreien zu größeren Organisationseinheiten zusammengefasst werden, um zumindest formal eine bessere Relation zu erreichen.

Diese Umstrukturierungen wurden und werden in den einzelnen Bistümern unterschiedlich gehandhabt. Das Bistum Essen hat bereits 2008 in einem laufenden Pfarreientwicklungsprozess seine 121 bestehenden Pfarreien in 43 größere Seelsorgeeinheiten umgewandelt. Im Bistum Aachen werden diese vereinigten Pfarreien „Gemeinschaften der Gemeinden“  genannt, im Erzbistum Hamburg „Pastorale Räume“, im Bistum Limburg heißen sie „Pfarreien neuen Typs“.

Bis 2011 hatten nur die Bistümer Aachen, Essen, Hamburg, Hildesheim, Magdeburg und Münster mit diesen Umstrukturierungen begonnen.

Nach einer Recherche zu den aktuellen Zahlen bzw. den Planungen bis 2035 – die sicherlich nur vorläufig und unvollständig ist – zeigt sich, dass sich die Zahl der Seelsorgeeinheiten von 12.237 (im Jahr 2007) auf voraussichtlich 3.015, d. h. auf rund 25 Prozent der Anzahl von 2007 reduzieren wird.

Anteil der Pfarreien mit Pfarrer, der nur eine Pfarrei leitet

Die Notwendigkeit dieser Entwicklung verdeutlich sich auch darin, wie hoch der Anteil der klassischen Pfarreien ist, d. h. die Zahl der katholischen Pfarreien, mit einem Pfarrer, der nur diese Pfarrei leitet.

Der Rückgang dieses Anteil der traditionellen Pfarreien, zeigt sich für alle Bistümer. In der Entwicklung von 1998 bis 2011 sind besonders davon betroffen die Bistümer Augsburg (von 25,3 auf 8,7 Prozent aller Pfarreien), Freiburg (von 27,5 auf 6,1), Limburg (von 23,1 auf 3,0), Paderborn (von 61,1 auf 8,5), Regenburg (von 27,1 auf 2,6), Rottenburg-Stuttgart (von 23,8 auf 4,1), Speyer (von 25,4 auf 3,5) Trier (von 12,4 auf 1,5) und Würzburg (von 29,7 auf 4,2 Prozent).

Die Bistümer reagieren im Zeitraum 1998 - 2011 unterschiedlich. Die größte Gruppe (14 Bistümer, folgende erste Grafik) tut erst einmal garnichts, die Anteile der Pfarreien mit Pfarrern in einer Pfarrei sinkt unter 16 Prozent. Die zweite Gruppe (5 Bistümer, mit Anteilen zwischen 16 bis 60 Prozent) beginnt zu reagieren (folgende zweite Grafik). Die dritte Gruppe (6 Bistümer, mit Anteilen zwischen 60 bis 100 Prozent) regaiert bereits vor 2011 mit Organistaionsreformen (folgende dritte Grafik).

Die Grafiken verdeutlichen, wie von der Deutschen Bischofskonferenz und in den Diözesen sachlich aber auch teilweise fragwürdig gearbeitet wird (zweite und dritte Grafik).

Pfarrei bzw. Pfarre (parochia, paroecia) bedeutet „Nachbarschaft“, d. h. es ist der Begriff für eine Kirchengemeinde mit Kirchengebäude, einem Pfarrer und seinem Pfarrhaus. Man kennt sich. Wie der Anteil dieser Pfarreien sich über die Jahre verringert, wird in der Tabelle und der ersten Grafik deutlich. Wenn nun durch Organisationsreformen mehrere Kirchengemeinden zur einer „Pfarrei neuen Typs“ zusammengefasst werden, so bedeutet es keine Nachbarschaft mehr. Wenn, wie im Bistum Trier, bis zu 77.000 Katholiken in einer der neuen „Großpfarreien“ leben, ist der Begriff einer „Pfarrei“ inhaltlich nicht sachgemäß und unseriös, da er etwas behauptet, was nicht mehr existiert. Wenn also, wie in der Tabelle und der Grafik dargestellt, in einigen Bistümern – wie Berlin, Essen und Magdeburg -, 100 Prozent der Pfarreien, d. h. alle Pfarreien einen eigenen Priester haben, so entspricht das nicht der Realität. Für diese größeren Organisationseinheiten den Begriff „Pfarrei“ zu verwenden und entsprechende Statistiken fortzuschreiben, ist irreführend.

Das Bistum Speyer hat 2016 seine Seelsorgestellen neu geordnet und die Übersicht zeigt, wie viele Gemeinden zu „Pfarreiengemeinschaften“ zusammengefasst wurden.

Wenn – am Beispiel der Diözese Speyer – nicht mehr durchschnittlich 1.447 Kirchenmitglieder in 376 Pfarreien von einem Priester betreut werden, sondern durchschnittlich 7.733 Kirchenmitglieder in 70 „Groß-Pfarreien“ kann von einem persönlichen Kontakt zum Priester, und damit zur Organisation Kirche, keine Rede mehr sein.


Kundenbindung und Markenbindung

In der Sichtweise des Marketings sind die Kirchenmitglieder als Kunden und die Kirchen als Marken zu betrachten.

Hinsichtlich der Intensität der Bindung der Kunden an die Kirchen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten die Intensität dieser Kundenbindung verringert, was sich beispielhaft im kontinuierlichen Rückgang der Gottesdienstbesucher darstellt. Einer der möglichen Gründe ist die Liturgiereform 1965, die die Volkssprachen in die Messe einführte und so einen Teil des ‚Geheimnis des lateinischen Rituals‘ beendete.

Hinsichtlich der Markenbindung, d. h. die Verbundenheit der Kunden Kirchenmitglieder mit ihrer Organisation Kirche sieht es bisher dagegen besser aus, da die Zahl der Kirchenaustritte zwar für die katholische Kirche seit 1990 (mit Ausnahme der Jahre 2005 bis 2007) beständig über mehr als 100.000 Kirchenaustritte beträgt, dass sich jedoch prozentual – bezogen auf die Zahl der Kirchenmitglieder – noch in der Grenze bis rund 0,7 Prozent pro Jahr bewegt. Allerdings gibt es bei den jüngeren Kirchenmitglieder dann noch den weiteren Effekt, dass sie, falls sie Kinder bekommen, diese voraussichtlich nicht taufen lassen werden, d. h. der Nachwuchs an Kirchenmitgliedern reduziert sich parallel dazu.

Dieser schleichende Verlust der Markenbindung könnte durch die Zusammenlegungen der Pfarreien zu größeren Verbänden verstärkt werden. Auch wenn die Markentreue im Gesamtgeschehen „Kirche“ zu sehen ist - also inklusive der Kitas und der Schulen in katholischer Trägerschaft, der Caritas und der Weltkirche -, so ist dennoch die „Nachbarschaft“ innerhalb der Gemeinde ein wesentliches, tragendes Netzwerk. Wenn sich diese Verbundenheit anonymisiert, wird sich vermutlich auch die Markentreue stärker verringern.

(CF)