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Geburtenraten in Europa

Hat die Religionszugehörigkeit einen Einfluss auf die Geburtenraten? Das müsste sich in den Fertilitätsraten der Länder Europas darstellen. Die mehrheitlich katholischen sowie orthodoxen Länder Europas, deren dominierende Religionen die Kinderzeugung als eheliche Pflicht proklamieren, müssten entsprechend die Spitzenpositionen bei den Geburtenraten haben.

Bei der Fertilitätsrate gibt der Wert von 1,49 an, „dass bei zukünftiger Konstanz der altersspezifischen Fertilitätsraten eine heute 15-jährige Frau im Land X bis zu ihrem 50. Geburtstag statistisch gesehen 1,49 Kinder zur Welt bringen wird“. Die Fertilitätsrate wird bisweilen auch als Gesamtfruchtbarkeitsrate oder zusammengefasste Geburtenziffer bezeichnet.

Die reine Geburtenziffer ist, im Unterschied dazu, das Verhältnis der Zahl der Geburten während eines Jahres zur durchschnittlichen Bevölkerung in diesem Jahr. Der Wert wird pro 1.000 Einwohner ausgedrückt und eine Geburtenziffer von 11,2 besagt, dass 11,2 Kinder pro 1.000 Einwohner geboren wurden. 2015 betrug die Geburtenziffer in der EU 10,0, im Jahr 2000 waren es 10,6 und 12,8 im Jahr 1985. 1970, kurz nach dem Beginn des ‚Pillenknicks‘, waren es 16,3 pro 1.000 Einwohner.

Fertilitätsraten

Die Daten des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat) zu den Fertilitätsraten in den Ländern Europas zeigt den Verlauf in den zwölf Jahren von 2003 bis 2014.

Die Veränderungen über die zwölf Jahre zeigen keinen ‚Ausreißer‘, sondern eher das Oszillieren auf einem nationalen Niveau.

Eine Zusammenfassung aller Länder Europas und eine Sortierung (mit dem Jahr 2014 als Bezugsjahr) nach der Höhe der Rate zeigt, dass mit Frankreich, Irland, Island, Schweden und Großbritannien – wenn man nur Irland als „katholisch“ betrachtet - die katholischen Länder nicht die höchsten Fertilitätsraten haben. Im Gegenteil.

Fügt man auch für die anderen Länder die überwiegende, d. h. die dominierende Religionszugehörigkeit hinzu, dann wird – auch durch die farbliche Kennzeichnung – das Bild noch deutlicher. Fünf der ‚katholischen/orthodoxen‘ Länder Europas befinden sich oberhalb des EU-28-Mittelwertes von 1,58, dagegen haben 18 ‚katholische/orthodoxe‘ Länder eine Fertilitätsrate unterhalb des EU-28-Mittelwertes. Die fünf Länder mit den geringsten Fruchtbarkeitsraten sind Polen, Spanien, Zypern, Griechenland sowie Portugal.

Berichte aus einzelnen Ländern zeigen den Unterschied – bei dem die Religion keine Rolle mehr spielt. Während sich in Frankreich ‚alles um das Kind dreht‘, sowohl das Kindergeld wie die Kinderbetreuung staatlich geregelt sind und es vor allem den Müttern ermöglicht, ein Auskommen zu haben und/oder berufstätig zu sein, ist es in Ländern mit unterdurchschnittlichen Fruchtbarkeitsraten für Frauen nachteilig, ein Kind zu bekommen, wie es aktuell ein Artikel über Italien beschreibt: „Geburtenrate auf historischem Tiefstand“.

Es ist die „Abwesenheit des Sozialstaates“, das Fehlen von Kita-Plätzen, diskriminierende Regelungen gegenüber Müttern am Arbeitsplatz bis hin zur Unterschrift für Blanko-Kündigungen bei der Einstellung, falls die Frau schwanger wird – obwohl es auch in Italien einen Kündigungsschutz für Schwangere gibt. Man müsse mit seinen Problemen allein fertig werden.

Deutschland

Die überdurchschnittliche Fertilitätsrate in dem einzigen überwiegend (57 Prozent) muslimischen Land Europas, Albanien, wirft die Frage auf, wie es damit in Deutschland aussieht. Stimmt die These, dass die Muslime generell eine überdurchschnittliche zusammengefasste Geburtenziffer haben oder stimmt es eher, wie für Österreich festgestellt, dass sich die Geburtenziffern angleichen?

Da in Deutschland eine muslimische Religionszugehörigkeit nicht erfasst wird und die Mütter auch nicht, wie in Österreich, bei der Geburt nach ihrer Religionszugehörigkeit gefragt werden, kann man hilfsweise nur eine Statistik der Geburtenziffern in Deutschland nach der Staatsangehörigkeit der Mütter als Hinweis verwenden.

Geht man davon aus, dass die muslimischen Mütter vorwiegend eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzen, dann sieht man, dass sich in den Jahren 1991 bis 2009 die Geburtenziffern der ausländischen Mütter verringern und sich den leicht ansteigenden Geburtenziffern der Mütter mit deutscher Staatsangehörigkeit annähern.

Eine weitere Analyse müsste klären, warum diese Ziffern seit 2010 wieder ansteigen, wie hoch die Anteile der muslimischen Mütter unter den Ausländerinnen ist und wie viele der Mütter mit deutscher Staatsbürgerschaft eingebürgerte Musliminnen sind.

Klären lassen sich diese Fragen jedoch vorerst nicht, weil die amtliche Statistik in Deutschland immer noch nicht in der Lage ist, die Religionslandschaft in Deutschland – und damit auch die Zahl der Muslime – genauer zu erfassen.

(CF)