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Polen: Katholiken, Religion, Politik.

Polen gilt als das katholischste Land in Europa. Die Mitgliederzahlen der katholischen Kirche belaufen sich auf rund 88 Prozent der Bevölkerung. Der Anteil der anderen Religionsbekenntnisse hat eine Größenordnung von rund einem Prozent, der Konfessionsfreien bei rund 11 Prozent. Diese formal hohen Anteile täuschen jedoch darüber hinweg, was religiös und religionspolitisch anders ist. Sowohl die Art der Religiosität wie auch die moralische Akzeptanz der katholischen Kirche hat sich inhaltlich stark verändert.

MDR-aktuell fragte am 29.10.2020: „Polen: Kommt jetzt der massenhafte Kirchenaustritt?“ Der Artikel beschreibt den Unmut vor allem unter jüngeren Polen anlässlich der Bestätigung der Verschärfung der Abtreibungsverbote in Polen durch das Verfassungsgericht und weist darauf hin, dass die Regelungen zum Kirchenaustritt 2016 erleichtert wurden.

„Seit 2016 gilt ein neues, vereinfachtes Verfahren: Eine Person, die die Kirche verlassen möchte, muss eine schriftliche Absichtserklärung sowie die Taufurkunde beim örtlichen Priester einreichen. Zuvor war es erforderlich sich zweimal mit dem Priester zu treffen sowie Zeugen mitzubringen.
Eigentlich ist ein Kirchenaustritt in Polen nicht vorgesehen und daher eher ein symbolischer Akt. Anders als in Deutschland gibt es in Polen keine Kirchensteuer. Die Kirche und ihre Geistlichen leben von dem, was die Gläubigen spenden. Das heißt: Diejenigen Polen, die sich jetzt zu einem Kirchenaustritt entscheiden, sind wohl auch schon lange nicht mehr in die Kirche gegangen, um sie somit auch mit ihrer Kollekte zu finanzieren.“

Kirchenaustritte sind nur gegenüber einem Priester möglich. Zahlenangaben über Kirchenaustritte werden nicht veröffentlicht.

Wie der Kirchenaustritt vor 2016 organisiert war und mit welchen Schikanen Austrittswillige zu rechnen hatten, berichtete die Deutsche Welle in dem Filmbeitrag (Oktober 2013) „Polen: Freiheit für Atheisten“.

„Im streng katholischen Polen sorgt eine Plakatkampagne zur Verteidigung des Atheismus für Aufsehen. In den vergangenen Jahren waren zunehmend Gläubige aus der katholischen Kirche ausgetreten ‒ auch wenn das viele bürokratische Hürden mit sich bringt.“
Der Kirchenaustritt ist nicht bei staatlichen Stellen möglich, sondern muss vor einem Priester und zwei Zeugen bekundet werden. Ob der Priester den Kirchenausritt akzeptiert oder den Austrittwilligen beschimpft ist seine eigenen Entscheidung.

Die offiziellen Mitgliederzahlen der Religionsgemeinschaften zeigt die Dominanz der katholischen Kirche.

An dieser offiziellen Darstellung ist vor allem bemerkenswert, dass die Anteile der Mitglieder von Religionsgemeinschaften zweifach ausgewiesen werden: Zum einen als Anteil an der Bevölkerung, zum anderen als Anteil derjenigen, „die die Religionsfrage beantworteten“. Damit fallen, in der zweiten Variante, beinahe knapp ein Zehntel der Bevölkerung (8,7 Prozent) ‚unter den Tisch‘ und die Anteilszahl der Angehörigen der katholischen Kirche steigt von 87,7 auf 96,0 Prozent.

Diese Vorgehensweise wird in der gleichen offiziellen Quelle (auf Seite 34) stillschweigend zugrunde gelegt, wobei dann auffallend ist, dass der Anteil der Katholiken in Polen, die 16 Jahre und älter sind, sich von 92,8 (im Jahr 2015) auf 91,9 Prozent (im Jahr 2018) verringert hat.

Was sich in diesen formalen offiziellen Statistiken nur marginal andeutet, sind die inhaltlichen Veränderungen bei den Kirchenmitgliedern und den Gläubigen.

Das “Centrum Badania Opinii Społecznej“ – CBOS (Forschungszentrum zur öffentlichen Meinung) forscht seit 1998 und hat zu religiösen und gesellschaftspolitischen Themen mehrere Umfragen veröffentlicht.

Als Trendwende gilt das Jahr 2005, als der polnische Papst Johannes Paul II starb und der katholischen Kirche in Polen und den katholischen Gläubigen eine ihrer Identifikationsbezüge verloren ging.

Religiosität

Die Entwicklung der Religiosität seit 2005 wird in der CBOS-Umfrage: „Changing Religiosity“ (2015) von 2005 bis 2014 dargestellt. Es ist der Verlust der Deutungshoheit der katholischen Kirche über religiöse und gesellschaftliche Themen.

Die Anteile der ‚Kirchenfrommen‘ reduziert sich (von 2005 – 2014) von zwei Dritteln auf zwei Fünftel (66 auf 39 Prozent), während der Anteil der ‚individuell Religiösen‘ von einem Drittel auf die Hälfte (von 32 auf 52 Prozent) ansteigt.

Kirchliche Trauungen

Seit 1998 ist in Polen eine „Konkordatstrauung“ möglich.

“Wenn eine kirchliche Trauung auch gleichzeitig standesamtliche Geltung entfalten soll, ist das in Polen möglich. Der Weg führt dann über die sogenannte Konkordatstrauung. Polen und der Vatikan haben im Konkordatsvertrag die Anerkennung der Ehe beschlossen, wenn bei der kirchlichen Trauung gleichzeitig die üblichen standesamtlichen Formalitäten miterledigt werden. Wer diesen Weg gehen will, benötigt eine entsprechende Bescheinigung vom Standesamt sowie sämtliche Unterlagen, die in der obigen Liste zum Punkt kirchliche Trauung aufgeführt sind. Am Tag der Hochzeit unterschreiben die Eheleute die Einverständniserklärung, die die zivilrechtlichen Folgen der Eheschließung besiegeln.“

Die Daten der (sich gegenseitig ausschließenden Hochzeitszeremonien - zivil bzw. religiös) nennen (für 2018) 62 Prozent religiöse Heiratszeremonien, bei rund 90 Prozent Kirchenmitgliedern.

Die Veränderungen sind langsamer als in anderen Ländern Europas, aber in der Tendenz ebenfalls eindeutig. Waren es in den Jahren 2000 – 2005 rund 72 Prozent religiöse Zeremonien bei Eheschließungen, so sind es 2015 – 2018 nur noch 62 Prozent.

Da es vor allem die Jüngeren sind, die heiraten, zeigt sich im Vergleich der Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft und dem Anteil der religiösen Heiratszeremonien (90 : 62), dass es für rund ein Drittel – vor allem der Jüngeren - der Katholiken keine religiöse Überhöhung oder den Segen eines Priesters mehr braucht, um eine Ehegemeinschaft zu begründen.

Ethische Normen und Lebensstile

in der CBOS-Umfrage: “Attitudes to ethical norms” (2013) wurde nach der Bewertung von Verhaltensweisen und Einstellungen gefragt. Dabei zeigte sich ein Zwiespalt. Einerseits werden (2013) zentrale Lehrmeinungen der katholischen Kirche zur Abtreibung, Homosexualität und Sterbehilfe mehrheitlich im Sinne der Kirche gesehen, aber andererseits ist deutlich, dass zentrale ethische Vorgaben der katholischen Kirche mehrheitlich nicht mehr in der Bevölkerung akzeptiert werden.

Während es bei der Möglichkeit der Ehescheidung noch ‚Unentschieden‘ stand (38 Prozent „falsch“ vs. 36 Prozent „richtig“) ist es in Fragen des Zusammenlebens ohne Trauschein (30 vs. 53), in der Verwendung von Verhütungsmitteln (21 vs. 59) und im vorehelichen Geschlechtsverkehr (20 Prozent „falsch“ vs. 59 Prozent „richtig“) eindeutig, dass die kirchlichen Normen nur noch von weniger als einem Drittel bzw. einem Fünftel der Bevölkerung akzeptiert werden.

Für die drei letztgenannten Themen zeigt sich der Anstieg der kontinuierlichen Zustimmung im Vergleich der Mittelwerte (4 auf einer 7er-Skala) von 2005/2010/2013. Zusammenleben ohne Trauschein (3,74 / 4,2 / 4,62), Vorehelicher Geschlechtsverkehr (4,34 / 4,78 / 5,13) und die Verwendung von Verhütungsmitteln (4,5 / 4,84/ 5,08).

Zum Zustand der katholischen Kirche in Polen

In der CBOS-Umfrage: “Evaluation of the state of the Roman Catholic Church and the Expectation to the new pope” (2013) bezeichnen 31 Prozent der Befragten den Zustand der katholischen Kirche in Polen als „ziemlich bzw. sehr schlecht“. Das ist zwar weniger, d. h. besser, als mit dem Blick auf Europa (48 Prozent) oder die Welt (45 Prozent) „schlecht“. Dennoch ist nur eine Minderheit (8 Prozent) der Meinung, dass die Kritik an der katholischen Kirche ungerechtfertigt sei. 30 Prozent halten die Kritik für „voll gerechtfertigt“ und weitere 56 Prozent für „teilweise gerechtfertigt“.

In der Zeit von 2005 bis 2013 ist der Anteil derjenigen, die der Meinung sind, dass die kirchliche Verkündigung keiner Änderung bedürfe von 73 auf 37 Prozent gesunken und der Anteil derer, die Änderungen erwarten von 13 auf 48 Prozent gestiegen.

2019 stand im Zeichen des Dokumentarfilms „Tylko nie mów nikomu“ (Tell no one, auf youtube - mit englischen Untertiteln) von Tomasz Sekielski, der den sexuellen Kindesmissbrauch polnischer Priester thematisierte. Im Mai 2019 veröffentlicht, haben (Ende Juli 2019) bereits 36 Prozent der polnischen Erwachsenen diesen Film gesehen, weltweit sind es (Anfang November 2020) 23.954.677 Aufrufe. Aufgrund der geringen Bereitschaft des Klerus, sich der Aufklärung zu widmen, folgte im Mai 2020 die Dokumentation „VERSTECKSPIEL“ (mit deutschen Untertiteln).

In der CBOS-Umfrage: “Situation of the Roman Catholic Church in Poland”, (2019) wird die Kommunikation des Klerus über den sexuellen Kindesmissbrauch von Zweidrittel (67 Prozent) der Befragten als „nicht ausreichend“ bewertet. Als Maßnahmen gegenüber Missbrauchstätern fordern 98 Prozent das Arbeitsverbot mit Kindern, 91 Prozent wollen, dass sie nicht an Messen und religiösen Zeremonien teilnehmen dürfen, und 85 Prozent wollen, dass sie ganz aus dem Klerus entfernt werden.

Dieser sexuelle Kindesmissbrauch betrifft auch die Kirche insgesamt. Von Mai bis Juli 2019 sank die Zustimmung zur kirchlichen Arbeit von 57 auf 48 Prozent.

Unter den fünf größten Problemen der katholischen Kirche in Polen werden zwei politikbezogene Themen genannt, die sich zudem von 2013 auf 2019 verstärkt haben: Die kirchlichen Einmischungen in die Politik (2019: 60 Prozent) und Priester, die während der Messe ihre politischen Meinungen äußern (20 Prozent).

Vier der wichtigsten fünf Probleme haben zudem gemeinsam, dass sie im Vergleich 2019 zu 2013 als größer benannt sind, während die Themen des „verschwenderischen Lebensstandard von Priestern“ (18 Prozent), die „Nichtbeachtung des Zölibats“ (15 Prozent) sowie der „Alkoholismus von Priestern“ (7 Prozent) seit 2013 an Bedeutung verloren haben.

Katholische Kirche und Politik

In der CBOS-Umfrage „Church and Elections” (2019) wird auch nach dem Einfluss auf das Wahlverhalten gefragt. 41 Prozent der Befragten beraten sich mit Freunden, Partnern, den Eltern bzw. ihren Kindern. 42 Prozent berücksichtigen bei ihrer Wahlentscheidung keine Ansichten von anderen. Einen Pfarrer oder Priester ziehen weniger als ein Prozent zu Rate.

Von gut einem Drittel der Befragten (2011: 34 Prozent, 2019: 38 Prozent) wird kritisch bemerkt, dass sich die Kirche einseitig für die Wahl bestimmter Parteien ausgesprochen habe. „Diejenigen, die von der Beteiligung der Kirche an der Vorwahlkampagne sprechen, glauben fast unverhohlen, dass sie die PiS unterstützt hat.“

(CF)