Sie sind hier

Eine Frage der Fragestellung

Fowid-Statistikbeobachter: 2021 und 2024 haben zwei groß angelegte Erhebungen in Österreich versucht, Daten zur offiziellen konfessionellen Zuordnung der Bevölkerung zu erhalten. Sie haben mit unterschiedlichen Fragestellungen unterschiedliche Resultate bekommen, die ihrerseits von offiziellen Zahlen abweichen und die Methode insgesamt in Frage stellen.

Von Balázs Bárány

1. Befragung als Methode
2. Religiöse Identität und offizielle Zugehörigkeit
3. Statistik-Austria-Erhebung 2021
4. „Was glaubt Österreich“-Studie, 2024
5. Offizielle Zahlen

1. Befragung als Methode

Die Befragung von Menschen ist an sich eine anerkannte und bewährte Methode für die Erforschung von Einstellungen in der Bevölkerung. Es gibt in den Sozialwissenschaften, die an wiederholbaren und überprüfbaren Methoden interessiert sind, viel Literatur zu den einzelnen Aspekten, die von der Stichprobenauswahl über die Strukturierung und Formulierung von Fragen bis hin zum Auswertungsprozess reichen.

Uns interessiert hier speziell die Befragung als Methode der Feststellung der Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellschaft. In Österreich ist diese Zugehörigkeit nicht nur eine Einstellung, sondern ein vom Staat im Meldewesen verwaltetes Attribut, das ab dem Zeitpunkt der Religionsmündigkeit (14 Jahre) zwar weitgehend freiwillig änderbar oder ablegbar ist, aber sehr häufig an Neugeborene ohne deren eigene Willenserklärung verliehen wird und bis zur Änderung nachwirkt. Die meisten Menschen ab einem gewissen Alter wissen, welche offizielle Zugehörigkeit – oder keine – sie haben.

Gute Wissenschaft versucht, ihre Messmethoden mit anderen, externen und zuverlässigen, erprobten Instrumenten zu vergleichen und zu validieren. Bei der Methode der Befragung könnte diese Validierung zum Beispiel der Vergleich mit Zahlen aus zuverlässiger Quelle stattfinden.

2. Religiöse Identität und offizielle Zugehörigkeit

Im Alltag ist die religiöse Identität wesentlich komplexer als es die Gesetze aus dem 19. Jahrhundert vorsehen. Die große Menge an Leuten, die sich als „spirituell“ fühlen, aber aus den Kirchen ausgetreten sind, konfessionsfreie Jugendliche, die auf der Suche nach einer spirituellen Heimat Gottesdienste verschiedener Religionsgemeinschaften besuchen, Anhängerinnen und Anhänger von Bewegungen, denen die staatliche Anerkennung versagt wurde, sie alle haben eine religiöse Identität, die sich nicht notwendigerweise mit der staatlich vorgesehenen Zuordnung zu einer der 16 „anerkannten“ Religionsgesellschaften oder „ohne Bekenntnis“ deckt.

Jene Religionsgesellschaften, die Pflichtbeiträge einheben, haben ein großes Interesse daran, ihre Mitglieder namentlich zu kennen. Wenn sie Mitgliederzahlen publizieren, haben diese folglich eine hohe Glaubwürdigkeit und Präzision.

Gesellschaften mit Pflichtbeiträgen gibt es in Österreich jedoch nur vier, und nur zwei von ihnen, die römisch-katholische und die Gruppe der evangelischen Kirchen, publizieren regelmäßig exakte Zahlen. Sie haben zusammen aktuell einen Bevölkerungsanteil von ca. 51 % und werden im Jahr 2027 unter 50 % fallen. Von den anderen vierzehn Religionsgesellschaften gibt es nur sporadisch Zahlen, großteils haben sie nicht einmal ein vollständiges Mitgliederverzeichnis, sie wissen die Zahl ihrer „Mitglieder“ also nicht einmal. Allerdings scheinen sie von Zeit zu Zeit Zahlen ans „Kultusamt“ zu melden. Wie diese zustande kommen und wie zuverlässig sie sind, ist eine eigene Frage.

Das „Kultusamt“ im Bundeskanzleramt ist die staatliche Stelle, die sich mit „Kultusangelegenheiten“, also der Anerkennung von Religionsgemeinschaften, der Eintragung von „Bekenntnisgemeinschaften“ (Vorstufe zur Anerkennung) und weiteren Aspekten der Beziehung zwischen Staat und Religion befasst. Es hat ein nachvollziehbares Interesse daran, die Mitgliederzahlen der Religionsgesellschaften und damit die Zusammensetzung der Bevölkerung zu kennen und publiziert in gewissen Abständen eine Broschüre „Religionen in Österreich“. Die Broschüre mit der Jahresangabe 2022 enthält Daten aus 2021 und jene mit der Jahresangabe 2025 teilweise neuere Daten. Für jede Religionsgesellschaft ist eine Zahl angegeben, die auf offiziellen Zahlen, Eigenangaben der Religionsgesellschaften und in wenigen Fällen auf der im Folgenden vorgestellten Statistik-Austria-Erhebung basieren.

Die letzte Volkszählung, in der nach dem Religionsbekenntnis gefragt wurde, war 2001. Danach hat Österreich auf die „Registerzählung“, die Zusammenführung von Daten aus verschiedenen staatlichen Quellen umgestellt. Und das Religionsbekenntnis ist zwar im Meldewesen erfasst, aber es bleibt auch dort. Solange etwa Religionsaustritte nicht an die Meldebehörden weitergeleitet werden, was derzeit nicht vorgesehen ist, wären die Meldedaten auch nicht zuverlässig.

Was also tun, wenn man wissen möchte, wie die Bekenntnisse in Österreich verteilt sind? Man macht eine ausreichend groß dimensionierte Befragung an einer ausreichend großen Stichprobe der Bevölkerung. Dies haben in letzter Zeit die Statistik Austria im Jahr 2021 und drei Jahre später ein Projekt des Österreichischen Rundfunks mit der Universität Wien getan.

3. Statistik-Austria-Erhebung 2021

Im Jahr 2021 beauftragte das Bundesministerium für Frauen und Integration die Statistik Austria mit der Durchführung einer Erhebung über die „Religionszugehörigkeit der Bevölkerung im Alter von 16 Jahren und älter“. Die Methodik ist dokumentiert. 28.900 Personen wurden befragt, ob sie an einer Erhebung zum Thema „Religionszugehörigkeit“ teilnehmen möchten. 4,3 Prozent von ihnen haben das abgelehnt, über ihre Religionszugehörigkeit ist nichts bekannt. Mit 27.656 freiwillig teilnehmenden Personen handelt es sich um eine große Erhebung, allerdings wurde sie mit einer „Proxyrate“ von 20,7 Prozent durchgeführt. Ein Proxy (=Stellvertreter) ist eine Person, die die Frage für eine andere Person, in diesem Fall für Angehörige beantwortet. Um eine Aussage über die gesamte Bevölkerung zu bekommen, wurden die Daten für die Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren aus den Daten der Eltern „imputiert“ (also nicht erfragt). Das betraf nochmal 5.106 Kinder und Jugendliche.

Da die Erhebung nur in Privathaushalten stattfand, wurde für die „Anstaltsbevölkerung“ (Internate, Alters- und Pflegeheime, Gefängnisse, Kasernen, …), die im Jahresdurchschnitt 129.134 betrug, die Religionszugehörigkeit „anhand der Randverteilungen der Bevölkerung in Privathaushalten zugeschätzt“.

Die konkreten Fragen lauteten:

1. „Welcher Religion gehören Sie an?“. Die Antwortmöglichkeiten waren die Hauptkategorien Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam, Judentum, Andere, Keine.

2. „Sind Sie Mitglied in einer hier angeführten Kirche oder Religionsgesellschaft? Wenn ja, bitte nennen Sie die auf der Karte angeführte Nummer.“ Danach waren die sechszehn anerkannten Religionsgesellschaften, als Punkt 17 „Staatlich registrierte Bekenntnisgemeinschaften“ und „Einer sonstigen Religion, Konfession oder Glaubensgemeinschaft angehörig“ angeführt.

Das Ergebnis wird in der Pressemitteilung so bekanntgegeben:

Die Pressemitteilung weist auf Seite 3 für „Unbekannt“ keine Daten aus, die Verweigerung der Teilnahme fällt also komplett heraus und die Antworten „weiß nicht“ sowie „keine Angabe“ wurden „durch die Gewichtung ausgeglichen“. Ausgeglichen heißt in diesem Fall: Der Gruppe „Andere Religion“ zugeschlagen. Nachdem man die anerkannten Religionsgesellschaften und Bekenntnisgemeinschaften aufgezählt und zur Wahl gestellt hat.

Die Differenz von 4,2 Prozent der Bevölkerung wäre die viertgrößte religiöse Gruppe, zahlreicher als die Mitglieder der evangelischen Kirchen. Hier sind also für 1,1 Prozent Bevölkerung die Zugehörigkeit zu einer konkreten, existierenden „Anderen Religion“ (Freikirchen, weitere kleine christliche Gemeinschaften, Judentum, Buddhismus, Hinduismus usw.) tatsächlich belegt. In der Kommunikation wurden jedoch danach immer die 5,3 Prozent genannt. Laut Statistik Austria zählen „weiß nicht“ und „keine Angabe“ also – zumindest als Gegensatz zu „ohne Bekenntnis“ – als Bekenntnisse in Österreich, zusammen mit mehr „Mitgliedern“ als die evangelischen Kirchen haben.

Eine Validierung der Methode an offiziell verfügbaren, exakten Zahlen ist in der initialen Kommunikation nicht erwähnt worden. Später wurde in einer Präsentation im kleinen Kreis eine Gegenüberstellung mit den offiziellen Zahlen gezeigt, jedoch ohne die Methode selbst und ihre Validität zu kommentieren.

4. „Was glaubt Österreich“-Studie, 2024

Der öffentlich-rechtliche Österreichische Rundfunk hat für die Serie „Was glaubt Österreich?“ eine detaillierte Umfrage zusammen mit dem Forschungszentrum „Religion and Transformation in Contemporary Society“ der Universität Wien durchführen lassen. Nach einer qualitativen Vorstudie im Jahr 2023 wurde der Fragebogen im Frühjahr 2024 fertiggestellt. Mit diesem Fragebogen wurden zwischen April und Mai 2024 insgesamt 2.160 in Österreich lebende Personen im Alter zwischen 14 und 75 Jahren befragt. Die Ergebnisse sind laut Angaben des Projektteams (Seite 17) für die Bevölkerung zwischen 14 und 75 Jahren repräsentativ.

Die Ergebnisse der quantitativen Studie sind sehr interessant und wurden ausführlich beschrieben. Hier soll es nur um eine Frage gehen:

115. Gehören Sie einer Religionsgemeinschaft an? Wenn ja, welcher? (Einfach-Nennung)

Hier war die erste Antwortmöglichkeit „Nein, gehöre keiner an“, an zweiter Stelle kam die „Katholische Kirche“. Danach waren weitere anerkannte Religionsgesellschaften und eingetragene Bekenntnisgemeinschaften angeführt, weiters „Weiß nicht“ und „Keine Angabe“.

Die hohe Fragennummer 115 zeigt schon an, dass diese Frage erst nach vielen anderen zu beantworten war. In diesem Stadium haben sich die Befragten bereits ausführlich mit ihrem Verhältnis zu Religiosität/Spiritualität, zur Gesellschaft, zur Demokratie und vielen anderen Dingen beschäftigt.

Zu beachten ist, dass die Frage offen („Gehören Sie …?“) und nicht geschlossen („Welcher Religion gehören Sie an?“) gestellt ist. Dieses Vorgehen wird auch als „Filterfrage“ bezeichnet.

Die Ergebnisse (Seite 7) übertragen aufs Schema der Statistik-Austria-Erhebung und verglichen mit den dortigen Ergebnissen sehen so aus:

Auch die „Was glaubt Österreich?“-Studie vergleicht diese Zahlen nicht ausdrücklich mit den bekannten Bevölkerungsanteilen, führt also ebenfalls keine externe Validierung durch.

5. Offizielle Zahlen

Wie bereits erwähnt gibt es von zwei Religionsgesellschaften jährlich offizielle Mitgliederzahlen. Die Statistik Austria publiziert regelmäßig die Bevölkerungszahl. Der Bevölkerungsanteil der römisch-katholischen und der evangelischen Menschen kann also relativ präzise für jedes Jahr berechnet werden. Die Zahlen werden allerdings am Jahresende publiziert, während die Datenerhebung der Studien während des Jahres stattfand, dies würde geringe Differenzen erklären.

Natürlich muss die Statistik-Austria-Erhebung aus 2021 mit den Zahlen des Jahres 2021 verglichen werden, und „Was glaubt Österreich?“ mit 2024.

Diese haben wir großenteils in den Veröffentlichungen des Kultusamtes, allerdings basieren dort die orthodoxen und islamischen Zahlen für 2021 auf der Statistik-Austria-Erhebung (wodurch der Vergleich irrelevant wird), und die Zahlen für 2024 sind größtenteils aus 2021 übernommen.

Die folgende Tabelle zeigt die römisch-katholischen und evangelischen Bevölkerungsanteile aus den Erhebungen und den jeweiligen Anteil aus den offiziellen Zahlen. Weiters den Anteil der Konfessionsfreien, der sich aus dem Bevölkerungsstand laut Statistik Austria abzüglich der Summe der Konfessionsmitglieder laut Kultusamt im jeweiligen Jahr ergibt.

Es fallen einige Dinge auf. Die Statistik-Austria-Erhebung überschätzt den evangelischen Anteil (der ja aus offiziellen Zahlen bekannt ist) um 27 Prozent und den katholischen Anteil um 2,6 Prozent. Dafür wird der Anteil der Konfessionsfreien um 20 Prozent unterschätzt. In dieser Untersuchung wurden zuerst jene, die die Fragen nach der Religionszugehörigkeit nicht beantworten wollten, ausgeschieden. Ob ihre Verteilung der restlichen Bevölkerung entspricht, kann man stark bezweifeln. Danach wurde mit der geschlossenen Frage „Welcher Religion gehören Sie an?“ eine Zugehörigkeit suggeriert, und die Antwortmöglichkeit „Keiner“ stand an der letzten Stelle. Die „Filterfrage“ kommt absurderweise erst in der zweiten Stufe vor – aber dort gibt es „keine“ gar nicht mehr als Antwortmöglichkeit, und die Verweigerung der Antwort wird zu „Andere Religion“.

Die „Was glaubt Österreich?“-Studie zeigt ein ganz anderes Bild. Hier wussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass sie einen ausführlichen Fragebogen zu vielen Aspekten ihrer religiös-spirituellen Identität und ihren Einstellungen zu gesellschaftlichen Fragen ausfüllen werden. (Welcher Anteil daran nicht teilnehmen wollte, wurde nicht kommuniziert.) Die Frage war offen gestellt („Gehören Sie einer Religionsgemeinschaft an? Wenn ja, welcher?“). Interessanterweise wird hier der evangelische Anteil ebenfalls um 15 % überschätzt, noch bemerkenswerter ist aber die 17-Prozentige Überschätzung des Anteils der Konfessionsfreien. Dafür wird der katholische Anteil um 20 Prozent zu niedrig ausgewiesen. Die quantitative Studie warnt gleich in der Einleitung: „Es ist wichtig zu betonen, dass die Studie weder repräsentativ für alle in Österreich gesetzlich anerkannten Religionsgesellschaften und Bekenntnisgemeinschaften noch für alle subjektiven Sinn- und Weltanschauungskonzepte ist.“ (Seite 5) Das ist einigermaßen überraschend, wenn andererseits im qualitativen Teil wie bereits zitiert „die Befunde repräsentativ für die österreichische Bevölkerung zwischen 14 und 75 Jahren mit Wohnsitz in Österreich sind“ steht. Aber immerhin ein vorsichtiger Hinweis, dass die Anteile einer externen Validierung nicht unbedingt standhalten.

Wenn wir uns die beiden größten Gruppen anschauen, nämlich die katholischen und die konfessionsfreien Menschen, zeigt sich in den offiziellen Zahlen zwischen 2021 und 2024 eine Änderung um 4,2 Prozentpunkte nach unten im katholischen Anteil, während die Konfessionsfreien um 5,9 Prozentpunkte wachsen. Zwischen den beiden Befragungen beträgt aber die katholische Änderung -15,5 Prozentpunkte, während die Konfessionsfreien sich um 17,2 Prozentpunkte steigern! Dies ist mit der allgemeinen Säkularisierung in drei Jahren allein nicht zu erklären. Vielmehr dürfte der Unterschied einerseits an der Formulierung der Frage (offen bzw. mit Filterfrage oder geschlossen) und andererseits an der ausführlichen Beschäftigung mit der eigenen Positionierung in Glaubensfragen und der religiösen oder nichtreligiösen Identität liegen. Aus der sozialwissenschaftlichen Literatur ist längst bekannt, dass das Ergebnis der Untersuchung stark von der Formulierung der Frage (offen oder geschlossen, Filterfrage) beeinflusst wird. Dabei wird von geschlossenen Fragestellungen meistens abgeraten, weil sie das Ergebnis verzerren. In den untersuchten Erhebungen ergibt die unterschiedliche Fragestellung einen Unterschied um mehr als 10 Prozentpunkte in den Antworten auf dieselbe Frage bei den zwei wichtigsten Gruppen.

Auch die Reihenfolge der Optionen kann eine Rolle spielen, besonders bei einer Befragung, die aus hunderten Fragen besteht und mehr als eine Stunde der Befragten in Anspruch nimmt.

Was beide Studien, ob gewollt oder ungewollt, aufzeigen: Befragungen sind keine präzise Methode, um die offizielle Konfessionszugehörigkeit zu erheben.

Es gibt nachvollziehbare Gründe, die Erhebung so durchzuführen, wie die Statistik Austria es getan hat: Zuerst die 4,3 Prozent, die nicht auf die Frage zur Religion antworten wollen, ausscheiden, dann 1,1 Prozent tatsächlich belegte „Andere“ durch Einbeziehung von „ich weiß nicht“ und „keine Antwort“ zu 5,3 Prozent hochzurechnen und daraus das Ergebnis „Anteil der Bevölkerung, der sich zu einer Glaubensgemeinschaft bekennt: 77,6 Prozent“ abzuleiten. Ob das basierend auf den Daten eine wahre Aussage ist, sei dahingestellt. Jedenfalls ist es schade, wenn diese Aussage jahrelang als einzige medial verbreitete „Wahrheit“ hängenbleibt.

Die Statistik Austria propagiert „Statistik als Bollwerk gegen Desinformation“ (Univ.-Prof. Dr. Tobias Thomas, Fachstatistischer Direktor der Statistik Austria). Sie hätte eine gewisse Verantwortung dafür, die Zahlen mit der Realität oder zumindest mit älteren Erhebungen, die allesamt eine Kategorie „keine Antwort“ ausweisen, in Beziehung zu setzen.

Das Kultusamt wiederum, dem die geänderten Mitgliederzahlen zwischen 2021 und 2024 zur Verfügung stehen und das diese Zahlen in der 2025-Broschüre als Tabelle ausweist, könnte sie einfach zusammenrechnen und mit der Bevölkerung in Beziehung setzen. Dies würde einen Anteil der Konfessionsangehörigen von 66,1 Prozent ergeben. Als staatliches Amt entscheidet es sich jedoch dafür, auch in der neuen Broschüre entgegen den angeführten Zahlen die „77,6 Prozent“ aus 2021 weiterzuführen.

Wer evidenzbasierte Politik machen will, sollte einerseits die eigene, bereits vorhandene Evidenz korrekt bewerten, andererseits auch darauf hinweisen, wenn Medien auf Basis einer veralteten, methodisch fragwürdigen Erzählung falsche Zahlen transportieren. In der gegenwärtigen politischen Besetzung, die „Österreich ist ein christliches Land“ regelmäßig äußert, passen natürlich die fragwürdigen Zahlen besser zum Narrativ als zur Realität.