Konfessionsfreie in Europa

Ist es möglich eine Übersicht zu den Daten der Anteile von Konfessionsfreien in Ländern Europas zu erstellen? Ja. Man kommt zwar zu unterschiedlichen Ergebnissen, doch eine Umfrageserie - die European Social Surveys, die seit 2002 alle zwei Jahre Umfragen realisieren und eine präzise Fragestellung verwenden – erscheint als plausibelste empirische Basis, um Entwicklungen und Größenordnungen zu erfassen. In den meisten Ländern Europas verstärkt sich - auf unterschiedlichen Niveaus - die Säkularisierungstendenz stetig und die Ausnahmen bestätigen die Entwicklung.
1. Vorbemerkung
2. Datenbasis
3. ESS-Daten
4. SMRE-Daten
5. PEW-Daten
1. Vorbemerkung „Konfessionsfreie“
Der Begriff „Konfessionsfreie“ ist identisch mit dem offiziellen Begriff der „Konfessionslosen“, wie er staatlich (z. B. im Amtlichen Handbuch des Deutschen Bundestages) oder seitens der Kirchen (Evangelische Zentralstelle) verwendet wird. Er folgt damit einer Logik des formal-juristischen Denkens, dass alle Menschen kategorisiert werden und dafür Merkmale haben: Staatsangehörigkeit, Kinder, Arbeit, Religionszugehörigkeit, etc. Hat man dieses Merkmal nicht, ist man staatenlos, kinderlos, arbeitslos, konfessionslos – im Sinne, dem Menschen fehlt etwas, eben dies. Da aber Konfessionsfreie zumeist die Lebensauffassung haben, dass ihnen nichts an Religion fehle, im Gegenteil, dass sie davon frei sind und sich ggf. als befreit erleben, ist der Begriff der Konfessionsfreien angemessener.
Ansichten, dass eine säkulare Weltanschauung auch eine Art von Bekenntnis darstelle (als „Dritte Konfession“), haben zwar ihre Berechtigung, vernachlässigen aber, dass der Begriff der „confessio“
(lateinisch für Bekenntnis, Geständnis) primär ein Glaubens- oder Sündenbekenntnis bezeichnet und kirchlich-religiös geprägt ist, wie die „Confessio Augustana“, „die erste offizielle Darstellung von Lehre und Praxis der Wittenberger Reformation“ oder die Internetseite „Confessio.de“, als „Orientierung auf dem Markt der Religionen“. Davon sehen sich die „not affiliated“ (Nicht-Gebundenen), „non religiouis/nones“ (Nicht Religiösen) frei.
2. Datenbasis
Die Hauptdatenbasis dieser Ausarbeitung sind die Umfragen der European Social Surveys (ESS) für den Zeitraum 2002 bis 2023, die alle zwei Jahre realisiert werden und – sofern Forscher aus den Ländern teilnehmen – eine Zeitreihe mit elf Messpunkten beinhalten.
In ihnen wird die persönliche Selbsteinschätzung zugrunde gelegt und als erstes gefragt: „Betrachten Sie sich als Angehöriger einer bestimmten Religion oder Konfession?“. Dann werden diejenigen, die diese Frage mit „Ja“ beantworten, gefragt: „Welcher Religion?“
Diese Art der Frage erfragt präzise die Konfessionsfreiheit. Alle Diskussionen über formale Zugehörigkeit und tatsächlich gelebte Religion erübrigen sich.
Die weiteren Datenquellen werden in den Abschnitten 3. SMRE-Daten und 4. PEW-Daten genannt.
3. ESS-Daten
Die 11 ESS-Umfragen wurden hinsichtlich dieser Frage ausgewertet (s. Tabelle 1.1. Im Anschluss). Um sie miteinander vergleichen zu können wurden dann zusätzlich die Mittelwerte mit den realisierten Umfragen errechnet (s. Tabelle 1.2.) Diese Mittelwerte haben den Vorteil, dass sie eher niedrig bleiben, als zu hoch werden.
In einer Übersicht zeigt sich dann, dass es in Europa – was sie Konfessionsfreien betrifft - einen Nord-Süd-Unterschied gibt.

In der Reihenfolge der Länder könnte man – vereinfachend - feststellen, dass alle Mittelmeeranrainer oder alle traditionell katholisch bzw. orthodox dominierten Länder (außer Frankreich) unterdurchschnittliche Anteile von Konfessionsfreien haben.

In einer zeitlichen Abfolge von 2002 bis 2023 wird deutlich, dass die meisten Länder im Zeitverlauf eine Erhöhung des Anteils der Konfessionsfreien haben.

Das ist jedoch nicht allgemein gültig. Setzt man den Durchschnittswert (der auch die Veränderungen beinhaltet) mit dem aktuellen Wert (2023 oder falls nicht vorhanden 2020) so zeigt sich die Reihenfolge der Länder in den Größenordnungen der Veränderungen in Prozentpunkten. 16 Länder zeigen einen Anstieg des Anteil der Konfessionsfreien, der statistisch signifikant ist (mehr als plus/minus zwei Prozentpunkte), fünf Länder bleiben in diesem Bereich einer „Fehlermarge“ und in vier Ländern gibt es eine Verringerung des Anteils der Konfessionsfreien.

Die steigenden Anteile der Bevölkerung, die sagen, sie seien konfessionsfrei wird u.a. als Element der Säkularisierung (Verweltlichung, also die Abkehr von religiösen Normen, den Bedeutungsverlust der Kirche) betrachtet. Säkularisierung ist – ebenso wie die Evolution – keine zielgerichtete Entwicklung der Modernisierung, sondern von den sie beeinflussenden politischen wie gesellschaftlichen ‚Umweltfaktoren‘ abhängig. Dass die Verhältnisse z. B. in Russland und Ungarn für die Kirchen und Religionsförderung andere sind als in den westeuropäischen Ländern – speziell evangelischer Tradition – ist offensichtlich. (Stichwort: Nationale Identität – inklusive Religion).
Konfessionsfrei heißt zudem primär, sich nicht als Mitglied in einer kirchlich-religiösen Glaubensgemeinschaft zu sehen. Insofern ist es sinnvoll zwischen, „religionsfrei“ und „antiklerikal“ zu differenzieren. „Religionsfrei“ wären diejenigen, die sich schlicht nicht (mehr) für Religion interessieren, denen sie egal geworden ist. „Antiklerikal“ sind diejenigen, die sich von den Klerikern abwenden. Jüngere Erwachsene - und auch weitere Kirchenmitglieder – sind nicht mehr empfänglich für eine hierarchische Kommunikationskultur von ‚oben nach unten‘ – die Kleriker (oben) sagen den Laien (unten), was sie zu tun haben.
Und über weitere Elemente, wie die demographische Entfremdung, der Verlust religiöser Resonanzräume und die Verharrung aus dogmatischen Grundsätzen wird detaillierter zu berichten sein.
3. SMRE-Daten
Einen anderen Ansatz realisiert das Projekt „Swiss Metadatabase of Religious Affiliation in Europe (SMRE)“. Dort wurden für den Zeitraum 2006-2015 die Daten aus vielen Umfragen zusammengetragen, so dass die Ergebnisse der Datensätze verglichen werden können. (Zur Methodik: „Religious Affiliation as a Baseline for Religious Diversity in Contemporary Europe. Making Sense of Numbers, Wordings, and Cultural Meanings“) bzw. „SMRE approach“. Man könnte diese Datenzusammenfassung als Mittelwerte der erfassten Umfragen im Zeitraum 2006 bis 2015 interpretieren, wobei aber nicht auf die z.B. verschiedenen Fragestellungen geachtet wird.
Für die Konfessionsfreien ergeben sich auf einer Europakarte Ähnlichkeiten und Unterschiede zu den bereits dargestellten ESS-Daten.

Die Gruppe der Länder mit den jeweils höchsten Anteilen an Konfessionsfreien – Tschechien, Estland, Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Belgien und Ungarn – zeigt sich hier wie in den ESS-Daten. Andere Länder – die in den ESS-Daten hohe Anteile von Konfessionsfreien nennen – wie Schweden, Norwegen, Island und Lettland – finden in den SMRE-Daten keine Entsprechung.
4. PEW-Daten
2017 veröffentlichte das PEW-Research Center die Ergebnisse von Umfragen in Westeuropa („Christ sein in Westeuropa“) und nennt Daten, die sich von anderen Umfrageergebnissen deutlich unterscheiden: 71 Prozent der Bevölkerung in Deutschland seien Christen, 24 Prozent konfessionslos.

Auch der Vergleich für die Daten der anderen Länder zeigt eine systematische ‚Geringschätzung‘ der Konfessionsfreien. (s. Tabelle 2) Für das Vereinigte Königreich ist es eine Differenz von minus 33 Prozentpunkten, für Finnland von minus 24, für die Niederlande von minus 21 Prozentpunkten, etc.
Zur Fragestellung schreibt PEW, dass sie eine andere Messung verwenden und dass diese zu höheren Anteilen von Religionsangehörigen führen.
„Zur Messung der religiösen Identität wurde in der Studie des Pew Research Center die Frage gestellt: „Welcher Religion fühlen Sie sich derzeit zugehörig, wenn überhaupt? Sind Sie Christ, Moslem, Jude, Buddhist, Hindu, Atheist, Agnostiker oder gehören Sie einer anderen bzw. keiner bestimmten religiösen Gemeinschaft an?“ Die Formulierung der Frage kann u. U. dazu führen, dass mehr Teilnehmer angeben, einer Religionsgemeinschaft anzugehören (z. B., dass sie Christen oder Muslime sind), als in früheren Studien in manchen Ländern, insbesondere wenn in diesen Studien die in der Wissenschaft als „zweistufiger Ansatz“ bezeichnete Fragestellung zur religiösen Identifizierung angewendet wurde. Zum Beispiel wird im European Social Survey (ESS) die Frage gestellt: „Fühlen Sie sich einer bestimmten Religion oder Konfession zugehörig?“ Nur den Teilnehmern, die diese Frage mit Ja beantworten, wird eine Liste mit Religionen vorgelesen, aus denen sie auswählen können. Die Anwendung des zweistufigen Ansatzes führt tendenziell zur Feststellung einer geringeren Anzahl von Personen, die sagen, dass sie Christen sind (oder einer anderen Religionsgemeinschaft angehören), – und zur Feststellung einer größeren Anzahl von Personen ohne Religion – als die Anwendung eines einstufigen Ansatzes zur Feststellung der religiösen Identität wie im Fall der Studie des Pew Research Center. Beide Ansätze sind zulässig, die Ergebnisse können allerdings voneinander abweichen.“
Natürlich sind beide Ansätze zulässig, aber dass die Ergebnisse derart gravierend voneinander abweichen, ist es nicht.

Es ist müßig, zu klären zu versuchen, woher diese Unterschiede resultieren. Es ist aber schon bemerkenswert, dass in dieser PEW-Studie, die von der evangelikalen Templeton Foundation mitfinanziert wurde, in allen westeuropäischen Ländern die Christen in der Mehrheit sind. In Deutschland (2017) seien es 71 Prozent, im Vereinigten Königreich 73 Prozent. Die fowid-Auszählungen nennen 58 Prozent für Deutschland, und die EVS-Daten (European Values Studies) für Großbritannien 31 Prozent - für alle christlichen Denominationen.
Insofern ist es auch amüsant, die Farbgebung der Europakarten von PEW zu betrachten. Die Karte mit den christlichen Mehrheiten (nebenstehend) sind in warmen roten Farbtönungen koloriert, die Karte mit den Konfessionslosen dagegen in blassen eher Grautönen, die für die drei Länder mit den höchsten Anteilen (Niederlande, Norwegen und Schweden) in schwarz koloriert sind: Da ist es also ‚zappe-dicke duster‘.
Carsten Frerk
Tabellen
(Im Anhang befindet sich eine Excel-Datei mit den auslesbaren Daten für die Grafiken und Tabellen)


