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Konfessionsfreie und Demografie

Unter Religionswissenschaftlern gibt es eine Binsenweisheit: Religiöse haben eine stabilere Zukunftsperspektive als Säkulare, da die Religiösen mehr Kinder bekommen. Das mag für kleinere, strenggläubige Religionsgemeinschaften wie die christlichen Amish oder die jüdischen Haredim gelten, gilt das aber auch für Deutschland?

Von Carsten Frerk.

Der Standpunkt

Der Religionswissenschaftler Michael Blume hat (2010) eine klare Position: „Wenn Kinder ein Segen sind. Lebendige Religionsgemeinschaften ermöglichen Familien, Säkularisierung führt in die demografische Sackgasse.“

Blume legt dabei den Schwerpunkt auf die soziale Einbindung: „Erfolgreiche Religionen fordern nicht nur Familienverhalten, sondern ermöglichen es auch. Netzwerke gegenseitiger Unterstützung, die sprichwörtliche Versorgung der ‚Witwen und Waisen‘ und der Aufbau von Betreuungs- und Bildungseinrichtungen gehören zu den ältesten Erfolgsrezepten vitaler Religionen.“ Aber es bleibt auch bei ihm bei der generellen Überlegenheit der Religionen: Wir haben „bislang weltweit keine einzige säkulare Population gefunden, die auch nur zwei, drei Generationen hinweg demografisch stabil geblieben wäre. So ergibt sich das Bild einer historischen Konjunkturkurve: Säkularisierungsprozesse finden immer wieder statt, wo es den Menschen gut geht und sie Religion(en) nicht mehr zu brauchen meinen – führen dann jedoch unweigerlich in die demografische Sackgasse, wogegen vitale Religionsgemeinschaften immer wieder nachwachsen.“

Eine Position, die er auch weiterhin vertritt, z. B. im Jahr 2018: „Ja, es ist tatsächlich so, dass religiöse Menschen im Durchschnitt mehr Kinder haben. Das gilt quer durch alle Religionen. Also zum Beispiel fromme Christen oder fromme Juden haben im Durchschnitt deutlich größere Familien als säkulare.“

Und in der Publikation „Glaube, Macht und Kinder“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung heißt es – hier stellvertretend für andere:

„Bei aller Verschiedenheit ihrer Religionen eint es gläubige Katholiken, Protestanten, Juden oder Moslems, dass sie mehr Kinder als ihre nichtgläubigen Mitmenschen haben. Traditionell propagieren alle großen monotheistischen Religionen patriarchalische Familienwerte. Frauen haben danach die vorrangige Verpflichtung, Kinder zu bekommen und diese zu erziehen, Männer sind angehalten, Frau und Kinder zu schützen und materiell zu versorgen. Fortpflanzungsfeindliches Verhalten wie Scheidung, Abtreibung oder Homosexualität sind in allen großen Religionen geächtet. Historisch haben sich Glaubensgemeinschaften mit solchen Familienwerten durchgesetzt, weil die Weitergabe einer Religion an möglichst zahlreiche Nachkommen eine effektivere Form ihres Verbreitens ist als die mühsame Missionierung Andersgläubiger. Tatsächlich nimmt auch heute weltweit die Zahl religiöser Menschen zu. Das liegt unter anderem daran, dass vor allem islamische Länder, in denen Religion eine große Bedeutung hat, ein starkes Bevölkerungswachstum aufweisen. […]

In den entwickelten Ländern der westlichen Welt könnte […] die Religiosität der Bevölkerung auf demografischem Wege zunehmen. Wie Untersuchungen zeigen, liegen die Kinderzahlen von Menschen, die sich als religiös bezeichnen, deutlich über jenen von nichtreligiösen Menschen. Geht man davon aus, dass eine klare Mehrheit von Menschen die Religiosität ihrer Eltern beibehält, so könnte dies bei den derzeit sehr geringen Fertilitätsraten in westlichen Ländern dazu beitragen, dass der Trend zur Säkularisierung endet, beziehungsweise in das Gegenteil umschlägt.“

Das lässt sich für Deutschland überprüfen.

Methode und Daten

Nationale repräsentative Umfrageergebnisse zu der Frage nach Religiosität und damit verbundener Kinderzahl sind nicht möglich, da die Fallzahlen zu klein werden, um belastbare, d. h. interpretierbare Gruppengrößen zu bekommen.

Nun gibt es lange Zeitreihen zu Lebendgeborenen nach der Religionszugehörigkeit der Eltern. Da in Deutschland die Religionszugehörigkeit bzw. die Konfessionsfreiheit aber erst einmal ein formaler Aspekt der Kirchenmitgliedschaft oder nicht ist, erscheint es sinnvoll, sich bei den Eltern auf die Kirchenmitglieder bzw. Konfessionsfreien zu begrenzen, die in weltanschaulich homogenen Partnerschaften leben. Diese Homogenität ist ein besserer Indikator für die höhere Wichtigkeit der Religion (der „Frömmigkeit“) bzw. der Säkularität bei beiden Partner als die formale Kirchenmitgliedschaft bzw. Konfessionsfreiheit. Alle Diskussionen, ob die Kinder in die Kirche gehen und wenn ja, in welche, finden bei religiös-weltanschaulich homogenen Partnerschaften nicht statt und insofern wird der Glaube bzw. Nicht-Glaube mit größerer Wahrscheinlichkeit an die Kinder eher weitergegeben, als in nicht-homogenen Partnerschaften.

Der Vergleich der Geburten beschränkt sich auf die Mitglieder christlicher Kirchen und Konfessionsfreie. Die kleineren Religionsgemeinschaften sind für die Fragestellung ohne Bedeutung und die Muslime haben noch einen zu atypischen Altersaufbau, als dass sich ein vergleichbares soziales Umfeld wie für Christen oder Konfessionsfreie darstellen würde.

Die Daten wurden von 1951 bis 2012 erfasst und wurden nach ehelichen und nicht-ehelichen Geburten untergliedert.

Die Anzahl der Geburten in christlich-homogenen Ehen hat seinen Gipfelpunkt 1965/66. Danach verringern sich diese Geburten kontinuierlich. Bei den Konfessionsfreien zeigt sich eine allmählich ansteigende Geburtenzahl auf niedrigem Niveau – es müssen erst die konfessionsfreien Kinder heranwachsen, die dann selber Eltern werden. Die deutsche Einheit verdoppelt dann die Anzahl der Geburten in konfessionsfrei-homogenen Ehen, die wiederum weiter ansteigen, bis sie 2012 die gleiche Größenordnung erreichen.

In Zahlen ausgedrückt gibt es 1966 zwischen den Geburten in religiös-weltanschaulich homogenen Ehen 782.601 Geburten in christlich-homogenen Ehen gegenüber 7.498 Geburten bei den Konfessionsfrei homogenen Eltern. Es ist also eine Relation von etwa 100 : 1. Im Jahr 1990 sind es (in der alten Bundesrepublik) 374.828 versus 36.281, also eine Relation von 10 : 1. In 2012 sind es schließlich 187.456 versus 183.215, also eine Relation von etwa 1 : 1.

Dieses ‚Gleichziehen‘ wird zwar von dem weiteren Anstieg der Geburten der weltanschaulich homogenen Konfessionsfreien begünstigt, hat seine Hauptursache jedoch in der stetigen Verringerung der Anzahl der religiös homogenen Eltern unter den christlichen Kirchenmitgliedern.

Ehelich / Nichtehelich

Parallel zu diesen Veränderungen zeigen sich auch die Veränderungen der Anteile ehelicher bzw. nicht ehelicher Geburten. Blieb der Anteil der nicht-ehelichen Geburten bis 1987 bei unter 10 Prozent aller Geburten, so steigt der Anteil seitdem und in den Jahren seit 2009 mit größerer Dynamik, so dass 2012 ein gutes Drittel der Geburten (34,5 Prozent) nicht ehelich ist.

Nun könnte man meinen, dass der Anteil der Konfessionsfreien unter den nicht-ehelichen Geburten höher sei, weil christlich/bürgerliche Normen wie Ehe weniger wichtig für sie sein würden, doch das wäre ein Irrtum. Zum einen braucht es einmal hinreichend viele Konfessionsfreie, was in der früheren Bundesrepublik nicht gegeben war und somit erst nach der deutschen Einheit sichtbar wird.

Die Anzahl der nicht -ehelichen Geburten steigt seit Beginn der 1980er Jahre stetig an und dieser Trend setzt sich nach der deutschen Einheit deutlich fort, was nun allerdings nicht allein in den östlichen Bundesländern stattfindet, da der Bevölkerungsanteil mit rund 18 Prozent nicht diesen Einfluss hat.

Gab es 1990 insgesamt 60.043 nicht-ehelicher Geburten von Christinnen, so waren es 12.209 von konfessionsfreien Müttern, eine Quote von 91 : 16. Für 1991 belaufen sich die Zahlen auf 68.455 zu 54.203 oder 55 : 43 Prozent, und ab 2010 sind die Zahlen gleichauf mit jeweils um die 110.000 Geburten.

Weltanschauliche Homogenität der konfessionsfreien Eltern

Für die Entwicklung der Frage, ob die Geburtenzahlen bei den Konfessionsfreien ‚stabil‘ sind, ist es sinnvoll, darauf zu schauen, wie sich die weltanschauliche Homogenität der konfessionsfreien Eltern darstellt. Dafür liegen, auch für die nicht-ehelichen Geburten, die Zahlen von 2000 bis 2012 vor.

Für die konfessionsfreien Mütter zeigt sich für die Verheirateten, dass der Anteil der weltanschaulich-homogenen Partner mehr als Dreiviertel der Paare beträgt (75 bis 80 Prozent).

Bei den nicht-verheirateten konfessionsfreien Müttern ist der Anteil 2012 vergleichsweise ähnlich hoch (69 Prozent), aber es zeigt ein seltsames Phänomen, dass noch im Jahr 2000 für zwei Drittel der Väter (das sind 39.777 Männer oder 66 Prozent) mit Religionszugehörigkeit „unbekannt“ oder „Keine Angabe“ erfasst wird. Diese Anteile verringern sich zwar Jahr um Jahr, bedürften aber noch einer genaueren Klärung, was sich darin zeigt.

Bei den konfessionsfreien Vätern verhält es sich ähnlich, allerdings mit einem kleinen Unterschied. Die weltanschauliche hohe Homogenität zeigt sich auch bei den konfessionsfreien Vätern. Von den Vätern sind bei den Ehemännern zwei Drittel (66 Prozent) mit einer konfessionsfreien Ehefrau verheiratet. Bei den nicht verheirateten konfessionsfreien Vätern ist für Dreiviertel (74 Prozent) die Mutter des gemeinsames Kindes ebenfalls konfessionsfrei.

Die konfessionsfreien Mütter und Väter haben die Gemeinsamkeit, dass sie – wenn denn der andere Elternteil nicht konfessionsfrei ist, eine Minderheit – eher ein evangelisches Kirchenmitglied als anderes Elternteil haben als ein Mitglied der katholischen Kirche.

Fazit

Die Eingangsthese, dass die Religiösen mehr Kinder bekommen als die Konfessionsfreien („Säkularen“) lässt für Deutschland nicht bestätigen.

Die Anzahl und der Anteil der Geburten von konfessionsfreien Müttern und Vätern ist beständig gestiegen und entspricht insgesamt gesehen auch den jeweiligen Bevölkerungsanteilen unter den 20 – 45 Jährigen, auf die das Gros der Geburten entfallen.

Die Annahme, dass es den Menschen in Deutschland so gut geht, und sie deshalb meinen, keine Religion mehr zu brauchen, übersieht die Tatsache, dass das Christentum eine ‚gelernte Religion‘ ist und dem Prinzip der Glatzenbildung folgt: Wo nichts mehr ist, wird auch nichts mehr wachsen.

Mit anderen Worten: Das Erlernen christlicher Bräuche (wie das Tischgebet) und Kenntnisse bzw. Zustimmung zur christlichen Lehre (wie das Glaubensbekenntnis)  ist in den vergangenen Jahrzehnten immer geringer geworden, so dass Jüngere immer weniger einer religiösen Lehre folgen.

Unter den jüngeren Erwachsenen (den 19- bis 27-Jährigen) der Kirchenmitglieder ist mitlerweile die „erste postchristliche Generation“ herangewachsen, was sich auch in der stetigen Verringerung der religiös-homogenen christlichen Eltern und der Anzahl ihrer Kinder darstellt.

Insofern ist nicht zu erkennen, worauf sich in Deutschland ein ‚religiöses Revival‘ der Kinderzahl gründen sollte.