Konfessionsfreie in Belgien

Belgien ist ein traditionell ‚römisch-katholisches Land‘. Alle anderen Religionen sind marginal. Die Datenlage beruht auf Umfragen und erscheint entsprechend schwierig. Es ist jedoch möglich, empirische Feststellungen dazu zu treffen, dass Belgien – mittlerweile – eine stabile Mehrheit an konfessionsfreien Bürgern hat.
In Belgien gibt es keine staatliche Religionsstatistik. Auch die katholische Kirche veröffentlicht keine Zahlen. Daten, wie sie aktuell auf wikipedia genannt werden, stammen aus dem Jahr 2010:
„In Belgien sind ca. 7.845.000 von 10.279.000 Einwohnern katholisch getauft [das wären 76,3 Prozent, CF], 58 % sind Mitglieder der Katholischen Kirche bzw. betrachten sich nach eigenen Angaben als katholisch“.
Der „Fischer Weltalmanach ‚97“ nennt für 1994 (lt. IBKA) in Belgien 88 Prozent Katholiken. Für 2001 nennt die Bundeszentrale für Politische Bildung (2011) für Belgien 79,2 Prozent Christen. Und 1,1 Prozent andere Christen.

Einen weitergehenden Ansatz realisierte das Projekt „Swiss Metadatabase of Religious Affiliation in Europe (SMRE)“. Dort wurden für den Zeitraum 2006-2015 für Belgien die Daten aus 19 Umfragen zusammengetragen, so dass die Ergebnisse der Datensätze verglichen werden können. (Zur Methodik: „Religious Affiliation as a Baseline for Religious Diversity in Contemporary Europe. Making Sense of Numbers, Wordings, and Cultural Meanings“) bzw. „SMRE approach“. Die Daten der Ergebnisse für Belgien zeigen, wie weit die Ergebnisse auseinander liegen (s. Tabelle 1)
Für die römischen Katholiken beläuft sich die Spannweite von 31 bis 81 Prozent und für die Konfessionsfreien beträgt die Spannweite 22 bis 60 Prozent.

In der ersten Zeile der Tabelle wird dann ein ‚Durchschnitt‘ dargestellt: Römische Katholiken 50 Prozent, Konfessionsfreie 42 Prozent. Diese ‚Mittelwerte‘ werden dann auch von der Bundeszentrale für politische Bildung verwendet.

In einer anderen grafischen Darstellung des SMRE wird deutlich, wo die religiös-weltanschaulichen Schwerpunkte in Belgien liegen: Bei den römischen Katholiken sowie den Konfessionsfreien.

Für eine Zeitreihe zur Entwicklung der Religionszugehörigkeiten gibt es die Umfragedaten der European Value Studies (EVS), an denen Belgien von 1981 bis 2009 beteiligt ist, und die Umfragedaten der European Social Surveys (ESS) für den Zeitraum 2002 bis 2023.
In ihnen wird die persönliche Selbsteinschätzung zugrunde gelegt und als erstes gefragt: „Betrachten Sie sich als Angehöriger einer bestimmten Religion oder Konfession?“. Dann werden diejenigen, die diese Frage mit „Ja“ beantworten, gefragt: „Welcher Religion?“ Für das Gesamtergebnis werden beide Antworten entsprechend zusammengefasst.
In den European Value Studies (EVS) verändert sich der Anteil der Konfessionsfreien von 16 Prozent (1981) auf 43 Prozent (2008) (s. Tabelle 2).

In den European Social Surveys (ESS) steigt der Anteil der Konfessionsfreien von 50 Prozent (2002) auf (2023) 59 Prozent (s. Tabelle 3).

Diese Entwicklung einer stabilen Mehrheit, die keine Religionszugehörigkeit benennt, also konfessionsfrei ist, wird auch durch weitere Trends im Religionsbereich untermauert.
Der Gottesdienstbesuch, der 1981 einen Anteil von 38 Prozent der Bevölkerung hat, verringert sich bis 2009 auf 21 Prozent (s. Tabelle 4.1.)

Davon abgesehen, dass die Kirchenbindung sich auf ein Fünftel verringert, bleibt aber der Glaube an Gott (s. Tabelle 4.2.) und die Selbstwahrnehmung als „religiöse Person“ (s. Tabelle 4.3.) mehrheitlich bestehen.


Das verweist auf Ähnlichkeiten im (ebenfalls) traditionell römisch-katholischen Lateinamerika, in der die Anteile der katholischen Kirche sich verringern, die Anteile der Konfessionsfreien ansteigen und die Mehrheit der Bevölkerung sich dennoch weiterhin als „religiös“ wahrnimmt. („Römische Katholiken in Lateinamerika“).
Das kann man als Ausdruck eines Anti-Klerikalismus gegenüber dem Klerus der katholischen Kirche interpretieren. In der Ausarbeitung von Staf Hellemans: „Die katholische Kirche in Belgien und in den Niederlanden: Geschichte, Vergleich und Zukunftsperspektiven“ (2011) wird die Religionsgeschichte Belgiens und deren ‚Brüche‘ dargestellt.
Carsten Frerk
Tabellen
(Im Anhang befindet sich eine Excel-Datei mit den auslesbaren Daten für die Grafiken und Tabellen)





