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Aleviten in Deutschland

Zur undifferenzierten Betrachtung von Muslimen in Deutschland gehört auch, dass eine Religionsgemeinschaft, die Aleviten, kaum zur Kenntnis genommen wird. Das liegt einerseits sicherlich an ihrer ‚Unauffälligkeit‘ aber andererseits auch daran, dass sie sich in Deutschland in einer Art ‚Selbstfindungsphase‘ befinden, die noch nicht abgeschlossen ist. Die Schätzung beläuft sich auf 700.000 Aleviten in Deutschland. Eine Annäherung als Überblick.

Von Carsten Frerk*)

1. Historischer Hintergrund
2. Ignoranz, Missverständnisse und Auslassungen
3. Aleviten in der Türkei
4. Statistik
5. Staatsverträge / Religionsunterricht
6. Sind die Aleviten eine Religionsgemeinschaft?
7. Sind die Aleviten Muslime?

1. Historischer Hintergrund

Muslime im Deutschland gibt es – in nennenswerter, jedoch geringer Zahl – schon seit Jahrzehnten. - Sei es die Lahore-Ahmadiyya-Bewegung zur Verbreitung islamischen Wissens, die 1922 in Berlin die erste Moschee in Deutschland als „Berliner Moschee“ erbaute,
- seien es „Hitlers Muslime“ und die Geschichte über „Eine Moschee in Deutschland“, in der sich – als Reste der muslimisch-bosniakischen 13. Waffen-SS-Gebirgs–Division „Handschar“, deren Soldaten statt einer Mütze einen Fez trugen – nach Ende des Zweiten Weltkrieges Muslime in München gesammelt hatten und deren Moschee in Freimann als erster Stützpunkt der Muslimbruderschaft in Deutschland gilt.
– Seien es die Iraner in Hamburg – wohlgelittene Kaufleute, Ärzte und andere Akademiker –, die 1960-1965 in bester und teurer Innenstadtlage an der Außenalster, die schiitische „Blaue Moschee“ (Imam-Ali-Moschee) erbauten (das IZH – Islamisches Zentrum Hamburg) –  eine seinerzeitige eher folkloristische Dekoration für die Weltoffenheit Hamburgs – allerdings war damals noch der Schah im Iran an der Macht. Heute ein Stützpunkt des schiitischen Staats-Antisemitismus.

Die tatsächliche Zuwanderung von Muslimen in nennenswerter Zahl begann jedoch erst ab Oktober 1961 – als eine Folge des Baus der Berliner Mauer –, durch das Anwerbeabkommen Deutschlands mit der Türkei, für die Arbeitsmigration und Zuwanderung türkischer Arbeitskräfte.

Im folgenden Text geht es nicht um theologische Fragen wie Glaubensbekenntnisse, auch wenn sie – ob man will oder nicht – in die Thematik einbezogen sind. (Zur Einführung: „Der Alevitische Glaube“.)

2. Ignoranz, Missverständnisse und Auslassungen

Nach Statista lebten 1946 rund 6.000 Muslime in (West-)Deutschland, 1972 seien es rund 500.00 gewesen. In der Volkszählung 1987 wurden als „Angehörige der islamischen Religionsgemeinschaft“ insgesamt 1.650.952 Personen gezählt.

Es wird dabei nicht zwischen den verschiedenen Konfessionen des Islams unterschieden (In Deutschland: Sunniten, Aleviten, Schiiten, u. a. m.), sondern von einer „islamischen Religionsgemeinschaft“ geschrieben. Das wäre vergleichbar, als würde man stets nur von der „christlichen Religionsgemeinschaft“ schreiben wie sprechen und damit alle christlichen Konfessionen ‚in einen Sack stecken‘. Die Proteste wären laut.

Worum es u. a. geht, das sei mit einem längeren Zitat aus der Einleitung von Martin Sökefeld: „Aleviten in Deutschland – von takiye zur alevitischen Bewegung“ veranschaulicht.

„Seit gut vier Jahrzehnten, seit dem Beginn der Arbeitsmigration aus der Türkei, leben Aleviten in Deutschland, aber erst seit wenigen Jahren genießen sie eine begrenzte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Den wohl endgültigen Durchbruch zu größerer Bekanntheit erreichten die Aleviten erst zum Jahreswechsel 2007/08, als sie mit einer Großdemonstration in Köln, vielen kleineren Veranstaltungen im ganzen Land, mit Klagen und Presseerklärungen unübersehbar gegen einen „Tatort“-Krimi protestierten, den die ARD am 23.12.07 ausgestrahlt hatte. […] Das Problem war, dass der Krimi genau die verleumderischen Vorwürfe reproduzierte, mit denen sich Aleviten seit Jahrhunderten auseinandersetzen müssen, und gegen die sie sich seit Ende der 1980er Jahre auch öffentlich zur Wehr setzen. Es geht um den Inzest-Vorwurf, der in der islamischen Welt häufig von der jeweiligen Mehrheit erhoben wird, um als „heterodox“ geltende Minderheiten zu diskreditieren und ihnen die Zugehörigkeit zum Islam abzusprechen, denn „Muslime tun so etwas natürlich nicht.“ Unter Sunniten in der Türkei – und auch unter sunnitischen Migranten in Deutschland – kursiert die Vorstellung, dass im alevitischen Ritual cem zu einem bestimmten Zeitpunkt die „Kerzen gelöscht“ werden (mum söndürmek), und dass dann in der Dunkelheit inzestuöse Orgien gefeiert werden, in denen auch vor Geschlechtsverkehr mit der eigenen Mutter und Schwester nicht zurückgeschreckt wird. „Ana bacı tanımaz“ lautet die gängige Formulierung, „sie kennen weder Mutter noch Schwester.“ Dass diese Vorwürfe – außerhalb der fehlgeleiteten Imagination mancher Nicht-Aleviten – jeglicher Grundlage entbehren, sollte eigentlich nicht mehr extra betont werden müssen.“

Die wesentlichen Aspekte sind benannt: Die Aleviten sind kaum bekannt, es grassieren Gerüchte, einige Sunniten haben Probleme mit den Aleviten oder sich selbst, die Aleviten gehen in die Öffentlichkeit.

Ein anderes Beispiel ist die Publikation der Ausländerbeauftragten des Senats von Berlin (2001): Peter Heine, Baber Johansen, Fritz Steppat: „Der Islam und die Muslime. Geschichte und religiöse Tradition. Miteinander leben in Berlin.“ Als Autoren zeichnen drei Professoren der Islamwissenschaft und auf Seite 19 findet sich eine Grafik zu „Glaubensrichtungen des Islam“: Innerhalb der Sunniten befindet sich auch die Angabe: „8 – 20 Mio. Aleviten in der Türkei. Weltlich orientierte Gemeinschaft mit schiitischen Einflüssen.“

Was macht eine „weltlich orientierte Gemeinschaft“ beim Islam und eine Organisation mit „schiitischen Einflüssen“ bei den Sunniten? Eine Erklärung könnte sein, dass die Bewertung der Aleviten in der offiziellen Regierungspolitik der Türkei diesen Widersprüchen entspricht.

Dieser Bogen lässt sich bis 2021 spannen, wenn Susanne Schröter in ihrer kenntnisreichen Publikation „Allahs Karawane. Eine Reise durch das islamische Multiversum“, die sich den vielfältigen, sehr unterschiedlichen Varianten des Islam widmet und (auf Seite 30–32) die Bruderschaft der Bektaschi beschreibt (einschließlich der Fotografie einer albanischen Bektaschi-Gemeinde mit einem überdimensionalen Bild von Ali ibn Abi Talib an der Wand) ohne auch nur in einem Nebensatz darauf einzugehen, dass Geschichte des Derwischordens der Bektaschi eng mit der Geschichte der Aleviten verknüpft ist.

„Die Bektaschi-Tarīqa […] ist einer der größten und einflussreichsten islamisch-alevitischen Derwischorden in Anatolien und auf dem Balkan. Als Begründer des Ordens gilt traditionell der Sufi und Mystiker Hadschi Bektasch (türkische Schreibweise Hacı Bektaş Veli; † 1270), auf den sich auch alle Aleviten berufen. Jedoch ist es sehr wahrscheinlich eher so, dass lediglich der Orden nach diesem Mann benannt wurde und nicht, dass dieser einen eigenen Orden mit seinem Namen gründete. Dieser legendäre Mystiker, auf den sich die Bektaschi zurückführen, wird auch von den Aleviten als wichtigster Heiliger nach ʿAlī ibn Abī Tālib verehrt.“

3. Aleviten in der Türkei

In der Türkei sind die Aleviten nicht als Religionsgemeinschaft akzeptiert: „Aleviten kämpfen um Anerkennung“ (Januar 2020). Das hat Tradition seit dem Osmanischen Reich, als die Aleviten sich an die Seiten des schiitischen Schahs im Iran stellten.

In der FAZ schreibt Rainer Herrmann (2013) über „Die Angst der Aleviten“.

„Massaker und Pogrome gegen die Aleviten lassen sich bis zurück ins 15. Jahrhundert nachweisen. 1416 hatte der Freidenker, Sufi und Rebell Bedreddin eine Rebellion angeführt, für die er vier Jahre später hingerichtet wurde. In den vergangenen Jahrzehnten gab es von Sunniten verübte Massaker gegen die Aleviten in den Städten Malatya (1977), Kahramanmaras (1978), Corum (1980), Sivas (1993) und dem Istanbuler Stadtteil Gaziosmanpasa (1995). Bei dieser Geschichte ist es verständlich, dass die Aleviten nicht nur nervös auf die Einmischung des türkischen Ministerpräsidenten in den syrischen Bürgerkrieg reagieren, sondern auch im Namen der dritten Bosporusbrücke eine neue Kampfansage vermuten.“

Die dritte Bosporusbrücke wurde nach dem Sultankalifen Selim (1512-1520) benannt, der als „größter Schlächter der Aleviten“ in die Geschichte eingegangen ist.

In Telepolis schreibt Elke Dangeleit (2015) über „Das Dersim-Massaker an den alevitischen Kurden in der Türkei“ (1937/38), und nennt Angriffe von türkischen Bodentruppen und der Luftwaffe, denen 70.000 Aleviten zum Opfer gefallen seien, weitere 50.000 seien deportiert worden.

Eine besondere Bedeutung hat der Brandanschlag in Sivas (1993) der von Aleviten als „Sivas-Massaker“ bezeichnet wird, bei dem ein Hotel angezündet wurde und 37 Frauen und Männer starben. Es war ein wesentlicher Impuls für die Aleviten in der Türkei, stärker als bis dahin an die Öffentlichkeit zu gehen.

Zwei Grundsätze sind in der Türkei für die Haltung zu den Aleviten entscheidend: Offiziell gibt nur eine Religion sowie nur einen Staat. In ihrer Nicht-Anerkennung der ‚Fünf Säulen des Islam‘ sind sie in Distanz zu den herrschenden Sunniten und werden einfach als ‚Muslime‘ betrachtet, sowie der Tatsache, dass ein großer Teil der Aleviten auch Kurden sind, die einen eigenen Staat anstreben.

Als Person ist in Deutschland der Politiker Ali Ertan Tobruk dafür beispielhaft. In Ankara geboren, war er von 2006–2009 Generalsekretär und 2009–2012 stellvertretender Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde Deutschlands sowie seit 2013 Bundesvorsitzender der „Kurdischen Gemeinde in Deutschland e.V.“ (KGD). Zudem war er 2018 einer der Mitinitiatoren der „Initiative Säkularer Islam“.

4. Statistik

Wie viele Aleviten in Deutschland leben kann nur geschätzt werden, ebenso wie die Anzahl der Muslime oder der Hindus u. a. m. nicht bekannt ist, da sie melderechtlich nicht erfasst werden und es seit 1987 keine Volkszählung mehr gegeben hat, in der das erfragt worden wäre.

Die Frage nach der Anzahl der Aleviten ist dabei nicht „akademisch“, also ziemlich überflüssig, sondern ist auch ein Indikator über die Kenntnisse zum Thema Aleviten. Das beginnt bereits mit der Frage, wie viele Aleviten in der Türkei leben. Dazu schreibt die Bundeszentrale für politische Bildungsarbeit (2014), dass das niemand weiß und die letzte Zählung dazu 1965, also vor mehr als fünfzig Jahren, stattgefunden habe.

„Etwa 99 Prozent - also beinahe die gesamte Bevölkerung der Türkei - ist muslimischen Glaubens. Die Mehrheit sind Hanafiten und hängen einem sunnitischen Islam an. Wie sich diese 99 Prozent jedoch genau aufteilen, ist umstritten. Offizielle Daten dazu gibt es nicht. 1965 fragte der türkische Staat im Zensus das letzte Mal nach der ethnischen und konfessionellen Herkunft seiner Bürger.
Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland schätzt, dass ca. 20 Prozent der Muslime in der Türkei Aleviten sind. Andere Schätzungen variieren zwischen 15 und 25 Prozent.“

Insofern fragt sich, auf welcher Datengrundlage Grafiken über die regionale Verteilung der Aleviten in der Türkei erstellt werden, die auch auf Wikipedia zu finden sind. Plausibler erscheint die Karte des BDAJ-NRW (Bund der Alevitischen Jugendlichen in NRW).

Allerdings sind auch „Nusayri“ markiert, die als Alawiten jedoch nicht zu den Aleviten gezählt werden, ebenso wie die schiitischen Caferi.

Im Religionsmonitor 2008 heißt es (S. 314):

„Rechnet man Aleviten den Muslimen hinzu, stellen sie unter den insgesamt in Deutschland lebenden Muslimen mit einem Anteil von 13 Prozent die zweitgrößte Glaubensgruppe nach den Sunniten dar. Insgesamt leben in Deutschland zwischen 480.000 und 552.000 Aleviten, die zu über 95 Prozent aus der Türkei stammen.“

Das wären, bei der üblichen Mittelung der Schätzungen, rund 520.000 Aleviten in Deutschland.

Im Religionsmonitor 2017 „Muslime in Europa - Integriert, aber nicht akzeptiert?“ heißt es (Seite 11), dass Ende 2015 rund 4,4 bis 4,7 Mio. Muslim in Deutschland leben. Von den Befragten seien 61 Prozent Sunniten, je 8 Prozent Aleviten bzw. Schiiten und 13 Prozent machen keine Angabe zu einer Konfession. Das würde (umgerechnet 4,55 Mio. x 8 Prozent) bedeuten, dass Ende 2015 rund 360.000 Aleviten in Deutschland lebten oder dass die Aleviten in der Befragung zu gering repräsentiert gewesen sind.

Im Religionsmonitor (Mai 2016): „Einwanderung und Vielfalt – Factsheet Einwanderungsland“ (Seite 5) werden deutlich mehr Aleviten genannt: „2,6 Millionen Muslime gehören der sunnitischen Glaubensrichtung an, 500.000 sind Alewiten, 305.000 Schiiten.“

In der ZEIT heißt es (2016): „In Deutschland schätzt man die Zahl der Gläubigen auf 600.000. Zwei Drittel haben einen türkischsprachigen Hintergrund, ein Drittel spricht kurdisch.“

Auf Telepolis spricht der Autor Kamal Sido (2016) von 700.000 bis 800.000 Aleviten in Deutschland.

In „Muslimisches Leben in Deutschland 2008“ (S.32) wird ein Anteil von 8 Prozent bzw. (S.83) von 13 Prozent Aleviten genannt. Allerdings wird zu den 8 Prozent angemerkt, dass nur Befragte berücksichtigt wurden, die sich ausdrücklich als Muslime erklärt hatten. Das heißt, dass alle Aleviten, die sich nicht als Muslim verstehen, in der Studie nicht vorkommen, der Prozentsatz der Aleviten also zu niedrig ist. Für die 13 Prozent „ergibt sich, dass in Deutschland zwischen 480.100 und 551.500 Aleviten“ leben.

Die höchste Schätzung wird in der Tageszeitung Die Welt (2011) genannt. Unter dem Titel „Integrationsvorbilder. Aleviten – die anderen Türken in Deutschland“, lautet der erste Satz: „Die Integrationsdebatte übersieht Millionen Zuwanderer, die sich gegen die Zwangsislamisierung in der Türkei wenden: die Aleviten.“ (Millionen im Plural.) Und im weiteren Verlauf des Textes: „Geschätzt ein Drittel bis ein Viertel der rund drei Millionen türkischstämmigen Einwanderer sind Aleviten – genaue Zahlen gibt es nicht.“ Das ist eine Zahlenangabe von 750.000 bis 1 Mio. Aleviten in Deutschland. Dazu passend wird geschrieben: „… dabei sind rund 30 Prozent der Türken Aleviten.“ Das wären (2011) bei rund 75 Mio. Einwohnern rund 25 Mio. Aleviten in der Türkei. Üblich ist die Zahlenangabe 15 bis 20 Mio.

Der CHP-Abgeordnete Durdu Özbolat, gab 2014 bekannt, dass es 12,5 Mio. Aleviten in 81 Provinzen gibt. Zur Wählerbasis der CHP (Cumhuriyet Halk Partisi, dt.: „Republikanische Volkspartei“) gehören auch liberale, urbane Aleviten.

Fazit: Die Schätzungen, die eine Spanne von 300.000 bis 1 Mio. Aleviten in Deutschland haben, scheinen bei rund 700.000 Aleviten angemessen zu sein, wie es auch die „Alevitische Gemeinde Deutschland“ (AABF) selber beziffert. Es erscheint sinnvoll, zu den häufiger genannten rund 500.000 Aleviten noch weitere zu berücksichtigen, um dem Trend zu entsprechen, dass immer mehr „Muslime“ sich als „Aleviten“ identifizieren und das auch öffentlich so nennen.

5. Staatsverträge / Religionsunterricht / Organisation

5.1. Staatsverträge / Anerkennung

In Deutschland gibt es war keine staatliche Anerkennung von Religionsgemeinschaften, aber die Verleihung des Status eine Körperschaft des öffentlichen Rechts (K.d.ö.R.) wird oft als eine solche Anerkennung angesehen ebenso wie der Abschluss eines Staatsvertrages.

Die Aleviten haben einen Staatsvertrag mit Hamburg (November 2012) – wobei ausdrücklich zwischen muslimischen Organisationen und den Aleviten unterschieden wird – mit Bremen (Oktober 2014) und im April 2019 mit Rheinland-Pfalz. In Schleswig-Holstein soll ein Staatsvertrag bis 2022 abgeschlossen werden, in Hessen wird ein solcher Vertrag von der SPD zwar gefordert, von der schwarz-grünen Landesregierung jedoch bisher abgelehnt. In Niedersachsen gibt es einen Vertragsentwurf, eine Terminierung zur Unterzeichnung wurde jedoch verschoben.

Im Dezember 2020 wird der AABF durch das Bundesland Nordrhein-Westfalen als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt.

5.2. Alevitischer Religionsunterricht (ARU)

Ein wesentliches Element der Klärung, ob eine Organisation Religionsunterricht erteilen kann, ist dabei die Frage, ob die Aleviten im Sinne des Grundgesetzes oder der Schulgesetze der Länder eine eigene Bekenntnisgemeinschaft sind, da nur solche den Zugang zu staatlichen Schulen und zum Religionsunterricht bekommen.

Den Alevitischen Religionsunterricht gibt es mittlerweile in acht Bundesländern: In Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland. Je nach Bundesland müssen zwischen 8 und 12 Schülerinnen/Schüler für den ARU verbindlich angemeldet sein, damit der Unterricht – ggf. auch jahrgangs- und schulübergreifend – stattfinden kann. In den fünf Neuen Bundesländern spielt die Frage keine Rolle, da dort keine hinreichende Anzahl von Aleviten für einen Religionsunterricht wohnen.

Als Konsequenz des alevitischen Religionsunterrichts gab es (2014-2018) in Hamburg – im Rahmen der Akademie der Weltreligionen –, eine Juniorprofessur für das Alevitentum, eine Aufgabe, die seit 2018 von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter betreut wird. Von den rund 30 Lehrstühlen, die an deutschen Universitäten mittlerweile für Islamische Theologie vorgesehen sind, ist für das Alevitentum, das „Abseits vom Mainstream-Islam“ steht, ist keine Professur vorgesehen.

5.3. Organisierung

Seit Ende der 1970er-Jahre hat es verschiedene Versuche zur Organisierung der Aleviten gegeben, die in der Herder-Korrespondenz (2008) skizziert wurden.

„Im Jahre 1979 kam es zur Gründung einer ersten Föderation, das heißt einem Zusammenschluss von 30 Ortsvereinen. Die Föderation nannte sich Föderation der Patrioten Vereine (Yurtseverler Birliˇgi Federasyonu). Diese Organisation löste sich schon bald wieder auf. Die Diskussion über einen erneuten Zusammenschluss einzelner Ortsvereine blieb jedoch bestehen. So kam es im Jahre 1986 zur Gründung der Haci Bektas¸Veli Kulturvereine (HBVKD). Die HBVKD forderten von den Mitgliedern vor allem eine stärkere Besinnung auf die religiösen Traditionen. Begriffe und Inhalte wie „alevitischer Glaube“, „authentisches Alevitentum“ und „alevitische Werte“ wurden lebhaft diskutiert. In den folgenden Jahren kam es zu weiteren Vereinsgründungen, von denen sich einige auch der HBVKD anschlossen, andere nicht. Schließlich wurde die Idee der Gründung einer übergeordneten Dachorganisation erneut aufgegriffen. Ziel der Organisation sollte sein, die Vernetzung der Initiativen einzelner Ortsvereine zu koordinieren und das Alevitentum in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. In Ginsheim-Gustavsburg (Hessen) kam es im Jahre 1991 tatsächlich zu einer entsprechenden Vereinsgründung. Im Laufe der Zeit wurde die Dachorganisation mehrfach umbenannt; nicht zuletzt durch das Sivas-Massaker wuchs die Zahl der Aleviten, die sich organisieren wollten. […] Am 21. September 2002 schließlich fand erneut eine Satzungsänderung statt, bei der auch der Name der Aleviten Gemeinde geändert wurde. Seither trägt die Gemeinde den Namen Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. (Almanya Alevi Birlikleri Federasyonu/AABF).“

Die „Alevitische Gemeinde Deutschland“ (AABF, Köln) ist der Dachverband von 160 Ortsgemeinden. In ihrem Selbstverständnis sehen sie sich als „einzige Dachorganisation“ mit „Alleinvertretungsanspruch“ für alle in Deutschland lebenden Aleviten.

„Die Alevitische Gemeinde Deutschland K.d.ö.R. (türkisch: Almanya Alevi Birlikleri Federasyonu, Abk.: AABF) ist die einzige Dachorganisation der in Deutschland lebenden Alevitinnen und Aleviten und vertritt die Interessen der deutschlandweit 160 Mitgliedsgemeinden. Für die in Deutschland lebenden mehrheitlich aus Anatolien stammenden Alevitinnen und Aleviten hat die AABF somit einen Alleinvertretungsanspruch.“

Die Anerkennung als Religionsgemeinschaft hat u. a. zur Folge, dass die ABFF Zuwendungsempfänger öffentlicher Gelder für Religions- und Integrationsprojekte ist.

Um den AABF herum haben sich im Laufe der Jahre mehrere Unterorganisation gebildet. So der
- „Bund der Alevitischen Studierenden (BDAS)“, 2013 gegründet, mit 33 alevitischen Hochschulgruppen im ganzen Bundesgebiet,
- der „Bund der Alevitischen Frauen (AAKB)“, 1999 gegründet mit bundesweit 72 Frauenräten, und
- der „Bund der Alevitischen Jugend (BDAJ)“ 1994 gegründet, mit 140 Ortsgruppen. Alle drei Organisationen werden u. a. vom BMI, dem BAMF sowie dem BMFSFJ finanziell gefördert.

Eine weitere Organisation ist die „Demokratische Aleviten Föderation“ (FEDA, Dortmund). Die Internetseite ist ausschließlich auf Türkisch. Publizistisch vertritt die AFN-News die FEDA auch auf Deutsch. Auch wenn FEDA die sich als „alevitischer Dachverband“ versteht und die Aleviten zur Einheit aufruft, wird deutlich, dass es sich vorrangig um die politischen Interessen der Kurden handelt. So wird sie auch auf Wikipedia eingestuft und gilt als PKK nah.

Wenn man die beiden Dachorganisationen vergleichen will, so wäre der AABF eher eine kulturell-religiöse Organisation, die sich vorrangig und erfolgreich um die Anerkennung des Alevitentums in Deutschland kümmert, und als Dachorganisation allgemein anerkannt ist. Die FEDA ist eher eine religiös-politische Organisation, die sich vorrangig um die Rechte der Aleviten und Kurden in der Türkei kümmert, also für Deutschland eher randständig ist und durch die Nähe zur PKK offiziell nicht akzeptiert wird.

Beide Organisationen werden (vor allem in der Türkei) mittlerweile von einer Vielzahl von Vereinen von Aleviten umgeben. So z. B. die „Alevitische Bektasi Föderation“ (ABF) und weiteren alevitischen Kultur-Vereinigungen.

Eine weitere, sich selbst als Dachverband“ bezeichnende Organisation ist der „Bund Alevitischer Gemeinden e.V.“ (BAG, Solingen). Der BAG ist über seine Mitgliedsgemeinden in die Netzwerkstrukturen des Paritätischen NRW eingebunden und strebt eine Etablierung des Alevi-Bektaschi-Glaubens als Religion an. „Der Bund Alevitischer Gemeinden e.V. (BAG), auf Türkisch Alevi Inanç Toplumu Almanya (AITA) ist ein Dachverband alevitischer Gemeinden in Deutschland. Der Dachverband vertritt Aleviten, die Anhänger des traditionellen Alevitentums sind. Entsprechend dieses traditionellen Selbstverständnisses sieht es das Alevitentum als eine eigenständige islamische Glaubenslehre an.“

Sofern „der islamisch alevitisch-bektaschitische Glauben, die Kultur und Philosophie“ betont wird, handelt es sich primär um eine Glaubenslehre mit einer, wie es heißt, nationalen (türkischen) Ausrichtung. Seit 1997 besteht in Hausen /Wied (nahe Remagen) ein „Alevitisch-Bektaschitisches Kulturinstitut e.V.“, dessen Bibliotheksliste sich allerdings auf dem Stand vom 20.08.2011 befindet. Träger ist die Bektas-i-Veli-Stiftung in Köln.

Diese Übersicht erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und verweist eher darauf, wie vielfältig sich Aleviten in Deutschland organisieren. Wer sich beispielweise über die Vielfalt der mystischen Varianten des gegenwärtigen Islams informieren möchte, dem sei die Tagungsseite zu: „Female Visions: The Religious Visual Culture of Contemporary Female Islamic Mysticism“ empfohlen.

6. Sind die Aleviten eine Religionsgemeinschaft?

Da das Alevitentum über Jahrhunderte auf mündlicher Überlieferung beruhte, wird es von vielen Aleviten verschieden aufgefasst. Die Entstehungsgeschichte ist komplex, so dass eine eindeutige Definition der Glaubenslehre schwierig ist.

Ursula Spuler-Stegemann hat (2003) ein Gutachten zu den Aleviten mit der Überschrift „Ist die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. eine Religionsgemeinschaft?“ verfasst. Darin bestätigt sie die Eigenschaft als Religionsgemeinschaft (zitiert nach Avi-Bildungswerk):

„Streng nach religionswissenschaftlichen Kriterien beurteilt wäre das Alevitentum am ehesten als eine eigenständige synkretistische Religion mit besonderen Bezügen zum Islam zu bewerten. Da aber die heutigen Aleviten sich selbst mehrheitlich als Muslime verstehen und sowohl der türkische Staat als auch die Weltmuslimliga die Aleviten als Muslime gelten lassen, kann ein wissenschaftliches Gutachten sie nicht aus dem Islam ausgrenzen, sondern muss sie als eine eigenständige Größe innerhalb des Islam bezeichnen.“

In der Ikonographie alevitischer Cem-Häuser ist das große Bild von Ali ibn Abi Talib, zentrales Element. Er ist der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, mit dem Beinamen „Löwe Gottes“. Das allein spricht schon dafür, dass die Aleviten („Freunde Alis“) eine Religionsgemeinschaft mit ursprünglich schiitischem Bezug sind. Es sind stets drei Abbildungen: in der Mitte Ali ibn Abi Talib, links der Mystiker Hadschi Bektasch (mit Antilope und Löwe als Zeichen des Friedens) und rechts der Dichter Pir Sultan Abdal als Lautenspieler.

Die Allgegenwärtigkeit dieser Ikonographie zeigt sich auch bei der Bundeskonferenz der Alevitischen Studierenden 2019 in der Hintergrunddekoration:

Dazu schreibt der Ethnologe Martin Sökefeld im „Religionsmonitor 2008: Muslimische Religiosität in Deutschland“, (S. 32), dass das Alevitentum eine „zutiefst undogmatische Religion“ sei.

„Die große Mehrheit der Aleviten gab an, nicht religiös erzogen worden zu sein (71 Prozent), selten oder nie religiöse Bücher zu lesen (70 Prozent) und im Alltag kaum nach religiösen Geboten zu leben (59 Prozent). Nur wenige Aleviten äußerten die Auffassung, dass ihre Religion in wichtigen Fragen eher recht hat als andere (7 Prozent), und nur 13 Prozent bezeichnen sich selbst als „ziemlich“ oder „sehr“ religiös. Nach dem zusammengefassten Index des Religionsmonitors zur Zentralität der Religion sind 21 Prozent der Aleviten als gar nicht religiös, 65 Prozent als mittel religiös, und nur 12 Prozent als hochreligiös anzusehen.“

Diese Befunde erinnern stark an die EKD-Landeskirchen und die Lutheraner, die ja auch keine Zentralinstanz (aner)kennen, eine geringe Religiosität leben, selten in die Kirche gehen und dennoch zweifellos als Religionsgemeinschaft gelten.

Die Unterschiede der Aleviten zum Islam der Sunniten lässt sich auch in der Betrachtung der Verhaltensweisen in den Moscheen/Cem-Häusern verdeutlichen. Während die Sunniten sich – getrennt nach Männern und Frauen – in genau geordneten Reihen und Linien gemeinsam niederwerfen, was durchaus Ähnlichkeiten mit einem militärischen Zeremoniell oder Drill hat, sitzen die Aleviten in den Cem-Häusern zwanglos im (Halb-)kreis nebeneinander – Männer, Frauen und auch größere Kinder –, zum gemeinsamen Gebet knieen die Frauen und Männer und schauen sich dabei an. Integraler Bestandteil dieser Versammlungen ist, neben dem Licht (aus dem alles entspringt, mit 3 bzw. 12 Kerzen dargestellt) vor allem auch die Musik und der religiös-rituelle gemeinsame Semah-Tanz, was in einer Moschee undenkbar ist. Das Musikinstrument der bauchigen Langhalslaute („Baglama“, auch „Saz“) gilt dabei durchaus auch als „Koran mit Saiten“.

Auch in dieser Optik wird deutlich, dass die Sunniten eher als Kollektiv agieren, Dogmen wie Verbote zu befolgen und zu beachten haben, während die Aleviten mit großer Lebensfröhlichkeit als Individuen auf der Suche nach Vollkommenheit sind (Vier Tore mit jeweils zehn Stufen).

Dazu gehört auch, dass in Abbildungen des Islams, in denen Schwerter über dem Kopf gehalten werden, die Aleviten das Bild eines Lautenspielers haben.

Die Auffassungen unter den Aleviten sind dabei durchaus unterschiedlich. So betrachtet Reza Algül in seinem Buch: „Der Alevismus: Eine Lehre, die Gott ins Verhör nimmt“, den „Alevismus“ als Philosophie. Andere Auffassungen legen ihren Schwerpunkt auf den Kulturaspekt, so Martin Sökefeld (2005, S. 17):

„Vor allem zu Beginn der alevitischen Bewegung Ende der 1980er Jahre waren viele Aleviten der Ansicht, dass das Alevitentum nicht einfach eine Religion sei, sondern eine Kultur, verstanden in einem viel weiteren Sinn.
Dieses breitere Verständnis des Alevitentums als Kultur macht es möglich, dass sich auch viele Aleviten in der alevitischen Bewegung engagierten, die zuvor in der Linken aktiv waren und als (ehemalige) Marxisten jegliche Form von Religion ablehnten. Das Alevitentum als Kultur zu begreifen untergräbt den Wahrheitsanspruch der Religion. Vor allem solche ‚kulturellen‘ Aleviten sind heute der Ansicht, dass das Alevitentum nicht als Teil des Islam, sondern als völlig unabhängige Tradition zu verstehen sei.“

7. Sind die Aleviten Muslime?

Einerseits war die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF, Köln) offiziell Teilnehmer an der Deutschen Islam-Konferenz, was sie jedoch seit 2016 in Frage stellt, da die konservativen, sunnitischen Verbände dort zu sehr dominieren. Andererseits akzeptieren die Aleviten ausdrücklich keine der wesentlichsten Regeln der sunnitischen bzw. schiitischen Islams. So zitiert islamiq.de die Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler Stegemann:

„Die Aleviten lehnen die Befolgung der fünf Pflichten des Islam und die Scharia, das islamische Gesetz, ab. Statt des Monatsfasten im Ramadan begehen sie zehn oder zwölf Fasttage in jenem Monat Muharram […]. Aleviten dürfen Alkohol trinken und Schweinefleisch essen […]. Aleviten brauchen keine Moscheen, denn sie kennen weder das rituelle Gebet noch das Freitagsgebet“. 

In den BAMF-Studien zum „Muslimisches Leben in Deutschland“ (im Auftrag der Deutschen Islam-Konferenz) werden die Aleviten ausdrücklich mit zu den befragten Muslimen gezählt. Dazu heißt es im „Muslimischen Leben in Deutschland 2008“ (S. 22) recht lakonisch:

„In den Teilen des Berichts, in denen eine inhaltliche Unterscheidung zwischen Aleviten und anderen islamischen Ausrichtungen nicht notwendig ist, werden beide Gruppen unter dem Begriff ‚Muslime‘ zusammengefasst. Dieses Vorgehen wird insofern als berechtigt betrachtet, als rund drei Viertel der interviewten Aleviten sich selbst als Muslime bezeichnen.“

Und es wird weiter erläutert (S. 314), dass die befragten Aleviten sich selbst überwiegend als Muslime betrachten.

„Die Gruppe der Aleviten ist aus der Türkei zugewandert und nimmt unter den Muslimen eine Sonderstellung ein. Sie unterscheiden sich in ihrer Glaubensauffassung deutlich vom orthodoxen Islam. Auch wenn die Zugehörigkeit des Alevitentums zum Islam - auch unter Aleviten selbst - umstritten ist, betrachten sie sich laut der vorliegenden Studie überwiegend als muslimisch.“

Dieser Problematik ist man sich auch in der MLD-Studie 2020 durchaus bewusst.

„Bei dem vor allem in der Türkei verbreiteten Alevitentum stellte sich bei der Abfrage die Schwierigkeit, dass dieses Bekenntnis sowohl in der Binnenbetrachtung als auch in der Außenwahrnehmung teilweise als eigene Religion und teilweise als islamische Glaubensrichtung angesehen wird. Im Rahmen der MLD-Befragung konnte die Angabe alevitisch daher bereits bei Abfrage der Religionszugehörigkeit getroffen werden. Außerdem wurde diese Kategorie auch bei der nachgeschalteten Frage über die islamische Glaubensrichtung angeboten. Dies gewährleistet, dass Betroffene, die das Alevitentum als eigenständige Religion betrachten, ebenso erfasst werden, wie diejenigen die von einer islamischen Glaubensrichtung sprechen. Für die nachfolgenden Analysen wurden alevitische Personen in einer Kategorie zusammengefasst, unabhängig davon, auf welcher Ebene die Angabe alevitisch gemacht wurde.“

In dieser Studie „Muslimisches Leben in Deutschland, 2020“ wurden Befragte, die sich selbst – in der Frage der Religionszugehörigkeit – als Aleviten bezeichnet hatten, auch danach gefragt ob sie sich als „muslimisch“ verstehen würden.

„50 % der in der MLD-Studie 2020 befragten Alevitinnen und Aleviten sind der Meinung, muslimisch zu sein, 41 % verneinen dies. Die verbleibenden 9 % haben dazu keine Meinung oder wollten diese nicht äußern. Damit hat der Anteil der Aleviten und Alevitinnen, die sich als muslimisch bezeichnen, abgenommen. In der Befragung zur MLD-Studie 2008 bejahten rund drei Viertel der Glaubensangehörigen diese Frage.“

Diese Frage hat der Ethnologe Martin Sökefeld bereits 2005 untersucht. In seiner Publikation: „Sind Aleviten Muslime? Aspekte einer Debatte unter Aleviten in Deutschland.“ bezieht er sich auf eigene Umfragen unter den Aleviten. Dazu schreibt er in seiner Einleitung, dass es über die Frage zu „erbitterten Konflikten“ kommen kann:

„Diese scheinbar einfache Frage stellt ein großes Problem für die Selbstidentifizierung von Aleviten in Deutschland dar. Sie hat zu erbitterten und andauernden Konflikten in alevitischen Gemeinden geführt. Aus der Perspektive der Islam- oder Religionswissenschaft ist diese Frage eigentlich keine, denn es ist klar, dass das Alevitentum aus muslimischen Traditionen, vor allem aus solchen, die mit der Schia verbunden sind, entstanden ist, obwohl das Alevitentum auch ‚heterodoxe‘ Elemente in seine Rituale und Glaubensvorstellungen aufgenommen hat. Aber Rituale und Doktrinen können auf unterschiedliche und manchmal sich wechselseitig ausschließende Weisen interpretiert werden.“

Die Auffassungen gehen so weit auseinander, das von einer Gruppe „das Alevitentum als wahrer Islam verstanden [wird], der frei ist von den Verdrehungen der sunnitischen Religion.“ (S. 19)

In einer Umfrage unter Aleviten in Hamburg und Umgebung zeigen sich (2002) die unterschiedlichen Sichtweisen. Gut die Hälfte der Befragten (54 Prozent) sind der Meinung, dass die Aleviten zum Islam gehören, ein gutes Drittel (37 Prozent) sagt dazu: Nein. Und auch wenn die Meinung, dass die Aleviten (zumindest) aus dem Islam entstanden seien, eine größere Mehrheit findet (63 Prozent Zustimmung), so sind es ein gutes Viertel (28 Prozent), die diese Sichtweise ablehnen.

Noch sind die Klärungsprozesse nicht abgeschlossen, aber es besteht die starke Tendenz, die Aleviten als eigenständige Religionsgemeinschaft zu sehen und anzuerkennen. So gab es im Religions- und Weltanschauungsunterricht in Berlin bis zum Schuljahr 2018/2019 noch zwei Angebote des Islamischen Religionsunterrichts – in den Varianten „F“ (Islamische Föderation) sowie „A“ (Aleviten). Seit dem Schuljahr 2019/2020 sind beide Angebote exklusiv benannt.

Auch die sich verringernden Anteile der sich als Muslime verstehenden unter den Aleviten – in den Studien zum „Muslimischen Leben in Deutschland“ 2008 und 2020 – können als Indiz für diesen Trend gesehen werden. Insofern erscheint es zeitgemäß - dabei abgesehen von den Staatsverträgen - die Aleviten als eigenständige Religionsgemeinschaft zu benennen und anzuerkennen.

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*) Mit bestem Dank an Herrn Ismail Erol, dem stellv. Vorsitzenden der Alevitischen Gemeinde zu Berlin e.V., für ein langes, informatives und lehrreiches Gespräch über das Alevitentum am 08.09.2021 im Cem-Haus zu Berlin.

Alle Fotos und Logos im Text sind screenshots von Internetseiten alevitischer Organisationen.