„Die globale Säkularisierung“

Konfessionsfreie aller Länder: Eine Übersicht über die Trends zur Säkularisierung in den verschiedenen Regionen der Welt. Es ist die Zusammenfassung der Recherchen und Daten zu den Konfessionsfreien, die auf fowid publiziert wurden bzw. die ‚Verschriftlichung‘ meines Vortrages auf dem Hamburger Humanistentag 2026.
Von Carsten Frerk
Hamburg versteht sich traditionell auch als „Tor zur Welt“ und so will ich diesen Vortrag nutzen, um die Türen des „Tor zur säkularen Welt“ etwas zu öffnen – hin zu den Konfessionsfreien in aller Welt.
1. Vorbemerkung „Konfessionsfreie“
A. Daten
2. Datenbasis
3. Deutschland
4. Länder Europas
5. Länder der Welt
B. Gründe und Entwicklungen
6. Armut und Bildung
7. P-I-B-Sequenz
8. Entfremdung
9. Resonanzräume
10. Kommunikationsformen
C. Säkularisierung und Säkulare
1. Vorbemerkung „Konfessionsfreie“
Der Begriff „Konfessionsfreie“ ist identisch mit dem offiziellen Begriff der „Konfessionslosen“, wie er staatlich (z. B. im Amtlichen Handbuch des Deutschen Bundestages) oder seitens der Kirchen verwendet wird. Er folgt damit – auf der Grundlage eines christlichen Menschenbildes – einer Logik des formal-juristischen Denkens, dass alle Erwachsenen kategorisiert werden und ‚Merkmale‘ haben: Ein Erwachsener hat – traditionell, man kann auch sagen ‚hausbacken‘ - eine Staatsangehörigkeit, ist verheiratet, hat Kinder, geht einer Arbeit nach, lebt in einem Haus oder einer Wohnung und gehört einer Religionsgemeinschaft an.
Hat man dieses Merkmal nicht, ist man staatenlos, ehelos, kinderlos, arbeitslos, obdachlos, konfessionslos – im Sinne, dem Menschen fehlt etwas, eben dies. Da aber Konfessionsfreie zumeist die Lebensauffassung haben, dass ihnen nichts an Religion fehle, im Gegenteil, dass sie davon frei sind und sich ggf. als befreit erleben, ist der Begriff der Konfessionsfreien angemessener.
A. Daten
2. Datenbasis
Die Daten, die ich zeige und erläutere, stammen aus den fowid-Auswertungen zu den Konfessionsfreien in den Ländern der Welt. Grundlage sind Volksbefragungen, Umfragen, etc. in denen nach der Religionszugehörigkeit gefragt wurde und ausdrücklich die Kategorie „Keine Religion“ / „No religion“ vorgesehen war. Das gibt es allerdings nicht in allen Ländern. Zwei Beispiele mögen das erläutern.
Der Iran hat eine Staatsreligion, den schiitischen Islam, und so heißt es: „Die iranische Bevölkerung ist fast ausschließlich muslimisch. Von den etwa 86 Millionen Einwohnerinnen des Iran sind nach Schätzungen der iranischen Behörden 90 bis 95 Prozent Angehörige des schiitischen Islam.“
Nun, eines der Merkmale des Iran ist ein flächendeckendes Internet. Das nutzte die niederländische GAMAAN Forschungsgruppe (GAMAAN – The Group for Analyzing and Measuring Attitudes in IRAN), die 2020 eine repräsentative Internetumfrage realisierten. Die Ergebnisse sehen deutlich anders aus: 32 % sind Schiiten, 5 % Sunniten, also 37 % Muslime, sowie 22 % Konfessionsfreie und 9 % Atheisten, zusammen 31 %.

Ein anderes Beispiel ist die Ukraine. So heißt es: „Rund 70 Prozent der 45 Millionen Ukrainer bekennen sich zum orthodoxen Christentum.“
Dazu gibt es aber mehrere Untersuchungen, die sich gravierend voneinander unterscheiden. Der ‚springende Punkt‘ sind 40 Prozent der Ukrainer, die sich als „religiös, aber nicht mit einer Religion verbunden“ – sich also als Konfessionsfreie bezeichnen.

Je nach Korrektheit und politischer Instrumentalisierung bleiben sie als ‚Ungebundene‘, d.h. Konfessionsfreie bestehen, oder sie werden der orthodoxen Kirche zugeordnet. Das Ergebnis: Christen ca. 30 – 65 %, Konfessionsfreie und Atheisten ca. 27 – 62 %.

Dazu kommt mir manchmal eine Karikatur in den Sinn, dessen Urheber sich nicht eindeutig bestimmen lässt: „Ich bin Atheist“ – Frage: „In welchem Zirkus?“
Nun, Spaß beiseite, kommen wir zurück zu den evidenzbasierten, d. h. belastbaren Daten.
Kann mir jemand sagen, um welches Land es sich bei diesen Daten handelt?

…. Es ist ……
3. Deutschland
Bis 1970 tut sich nur wenig, dann beginnt – in der Volkszählung 1987 - der kontinuierliche Anstieg des Anteils der Konfessionsfreien, von 10 auf mittlerweile 47 %.
Genauer aufgeschlüsselt ist dies die Verteilung der Anteile zum Jahresende 2024. Grundlage dafür sind recht aufwendige fowid-Recherchen zu den kleineren Religionsgemeinschaften. Voraussichtlich 2027/2028 werden die Konfessionsfreien die Mehrheit in Deutschland stellen.

Aufgrund der Vorgaben für die Melderegister, dass nur die Mitgliedschaft in religiösen Körperschaften des öffentlichen Rechts erfasst werden, orientiert man sich in der Religionsstatistik auf die Kirchenmitgliedschaft in den Landeskirchen der EKD und den Bistümern der römisch-katholischen Kirche. Konfessionsfreie, Muslime, Buddhisten etc. werden nicht einzeln erfasst, sondern unter „Sonstige“ abgebucht.
Diesem genereller Datengrundlage einer Dreiteilung (Evangelische / Katholiken / Sonstige) entsprechen auch die Entwicklungen in einzelnen Städten.
In Hamburg verringert sich die Anzahl der Kirchenmitglieder in der Weise, dass sie seit 1995 in der Minderheit sind.

Die Entwicklungen in Hamburg und in Berlin verlaufen für die Evangelischen parallel, die 1988 nicht mehr die Mehrheit stellen.

Für München lassen sich zwei Jahre benennen: 1994, als die römischen Katholiken ihre Mehrheit verlieren und 2011, als die die Kirchenmitglieder Minderheit werden.

Dem folgt Düsseldorf, wo sich die Kirchenmitglieder seit 2015 in der Minderheit befinden.

In Stuttgart war es ebenso 2015 so weit, dass die Kirchenmitglieder die Minderheit bilden.

Drei Jahre später war es in Nürnberg ebenso: 2018 stellen die „Sonstigen“ die Mehrheit in der Stadt.

Eine Übersicht über die Großstädte in Deutschland mit mehr als 200.000 Einwohnern verdeutlicht noch einmal die Parallelität dieser Entwicklung in Deutschland: Hatten im Jahr 2011 noch 28 der 32 großen Großstädte eine Mehrheit der Kirchenmitglieder, so sind es 11 Jahre später nur noch fünf: Münster, Mönchengladbach, Oberhausen, Bochum, Essen… allesamt traditionell mit römisch-katholischen Mehrheiten.

4. Länder Europas
Eine erste Übersicht auf einer Europa-Karte zeigt einen deutlichen Nord-Süd-Unterschied. Eingefärbt sind die Länder mit den höheren Anteile für die Konfessionsfreien.

Und was im Vergleich zwischen Deutschland und Europa insgesamt auffällt, ist eine Übereinstimmung: die Länder mit katholischen und orthodoxen Mehrheiten (außer Frankreich) haben unterdurchschnittliche Anteile an Konfessionsfreien. Das ist vergleichbar mit den Großstädten in Deutschland, die noch eine Mehrheit an Kirchenmitglieder nennen, die alle katholische Mehrheiten haben.
Der Trend ist insgesamt – in unterschiedlicher Ausprägung – steigend.

Und – wie so häufig – bestätigen die Ausnahmen die Regel.

Von den erfassten 29 Ländern zeigen 23 Länder steigende Anteile von Konfessionsfreien, aber auch 6 Länder sinkende Anteile. (Die eingerahmte Werte sind statistisch gesehen nicht signifikant.)
Die steigenden Anteile der Bevölkerung, die über sich selbst sagen, sie seien konfessionsfrei, wird u.a. als Element der Säkularisierung (Verweltlichung, also die Abkehr von religiösen Normen, den Bedeutungsverlust der Kirche) betrachtet. Säkularisierung ist – ebenso wie die Evolution – keine zielgerichtete Entwicklung der Modernisierung, sondern von den sie beeinflussenden politischen wie gesellschaftlichen ‚Umweltfaktoren‘ abhängig. Dass die Verhältnisse z. B. in Russland und Ungarn für die Kirchen und Religionsförderung andere sind als in den westeuropäischen Ländern – speziell evangelischer Tradition – ist offensichtlich. (Stichwort: Nationale Identität – inklusive Religion).
Bettrachen wir nun einzelne Länder und beginnen dazu im Norden.
Finnland: Die Anteile und die Anzahl der Konfessionsfreien, die in Finnland aus dem Melderegister ausgelesen werden, steigt im gleichen Maße an, wie die Zahl der evangelisch-lutherischen Kirchenmitglieder sinkt. Beide Gruppen zusammen stellen gleichbleibend 98 bzw. 97 Prozent der Bevölkerung.

Der Anstieg des Anteils der Konfessionsfreien verläuft kontinuierlich und gleichmäßig ohne große Auffälligkeiten.

Bei den jährlichen Zuwachsraten sind zwei Jahre auffallend: 2003 und 2010. Im Jahr

2003 wurde die Möglichkeit realisiert, aus der ‚Volkskirche‘ über ein Formular im Internet – also ohne einen Termin und ohne Gebühren – aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Finnland auszutreten. Der Effekt ist deutlich zu sehen, dass die Zuwachsraten der Konfessionsfreien wie schlagartig auf ein höheres Niveau steigen. 2010 gibt es einen ‚Gipfelpunkt‘ an Zuwachs. Anlass dafür war eine populäre politische TV-Sendung – an dem Abend mit dem Thema der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften –, bei der ein Vertreter der Lutherischen Kirche erklärte, dass Homosexualität eine Sünde sei. Die Folge war, dass innerhalb von zehn Tagen 37.000 Finninnen und Finnen aus der Kirche austraten.
Da es in Schweden keine offizielle Erfassung der Religionszugehörigkeiten gibt, ist die Anzahl bzw. der Anteil der Kirchenmitglieder die solideste Datenbasis.

Die Anteile der Kirchenmitglieder ist seit den 1970er Jahren, als sie bis 1986 über 90 Prozent betrugen, seitdem (bis 2024) auf 52 Prozent gesunken.

Seit 2003 werden die Veränderungen gg. dem Vorjahr ausgeprägter und sind höher als ein Prozent pro Jahr.
Das „Statistische Zentralbüro Norwegen“ erhebt selbst keinerlei Daten zu den Religionszugehörigkeiten und man muss sie sich aus verschiedenen Quellen zusammensuchen.

Der Anteil der Konfessionsfreien steigt kontinuierlich und beträgt Ende 2024 rund 24 Prozent der Bevölkerung.

Hintergrund dafür ist u. a., dass die Kirche zum Traditionsbestand gehört, aber die Religiosität nicht ausgeprägt ist. Auf die Frage nach der „Wichtigkeit von Gott im Leben“ antworten 73 Prozent der Norwegerinnen und Norweger mit „unwichtig“.

Und noch eine Anmerkung zu den organisierten Humanisten und den Konfessionsfreien: Die Organisation des „Human-Etisk Forbund“ hat rund 150.0000 Mitglieder, die Nicht-organisierten Konfessionsfreien sind rund 1,3 Mio.

Mit anderen Worten: Fasst man beide Gruppen zusammen, so sind die Organisierten davon rund 10 Prozent. Das erscheint wenig, würde aber bedeuten – auf deutsche Größenordnungen übertragen -, dass in Deutschland 2,2 Mio. Menschen in säkular-humanistischen Verbänden und Gruppen organisiert wären – eine Größenordnung, die noch nicht einmal ansatzweise erreicht wird.
In Island erscheint der Anteil der Konfessionsfreien mit rund 10 Prozent gering.

Aber der Anteil der Mitglieder der Staatskirche hat sich seit 1998 (89,9 Prozent) reduziert und beläuft sich 2023 auf 58,6 Prozent. Diese Entwicklung ist kontinuierlich verlaufen, d. h. die Anteile haben sich stetig, Jahr um Jahr, verringert. Damit beeinflussen sie auch maßgeblich das Absinken des Anteils der Religiösen insgesamt in Island, der sich von 97 Prozent (1998) auf 72 Prozent (2023) verringert., d. h. in 25 Jahren haben die Religiösen 25 Prozentpunkte verloren.
Inwiefern sich ‚unter der formalen Oberfläche‘ der Zugehörigkeiten etwas tut, darauf verweisen u. a. die Anzahl der Eheschließungen und der daran beteiligten Organisationen.

Die Dominanz der kirchlichen Trauungen verringert sich allmählich, die Anzahl der zivilen/staatlichen steigt und seit 2023 gibt es mehr zivile Trauungen als kirchliche Zeremonien. Dieser Anstieg sei noch einmal verdeutlicht. Seit 2016 steigen die Zahlen der zivilen Eheschließungen deutlich an.

In Zusammenfassung der Daten aus den „European Values Studies“ für die Nordischen Länder zeigt sich, dass der Anstieg der Konfessionsfreien ein Phänomen ist, das sich nicht auf Island beschränkt, sondern in allen Ländern Skandinaviens bekannt ist. In allen nordischen Ländern steigt der Anteil der Konfessionsfreien:

Schottland: Was macht man, wenn es keine aktuellen Daten gibt? Man gibt selbst eine Umfrage in Auftrag. So haben die „Humanist Scotland“ 2022 durch YouGov erfragen lassen, wie es mit den Religionszugehörigkeiten aussieht: 56 Prozent Konfessionsfreie.

Das entspricht der langfristigen Datenlage, nach der der Anteil der Konfessionsfreien um und über 50 Prozent beträgt.

Dabei zeigt eine Aufschlüsselung nach Altersgruppen im Zeitverlauf, wie der Anteil der Konfessionsfreien eine Jung-Alt-Verteilung hat – je jünger die Schotten, desto höher die Anteile der Konfessionsfreien – die sich dann im Zeitverlauf kontinuierlich vergrößert.

(2014 hat ein Stern, weil die Frageformulierung geändert worden war).
Damit ist Schottland im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland der ‚Spitzenreiter‘ unter den Regionen. Bemerkenswert ist dabei, dass Nordirland – mit den bekannten religiösen Identifikationen – und auch London – aufgrund seiner Internationalität – die geringsten Anteile an Konfessionsfreien haben.
In den Daten für das Vereinigte Königreich zeigen sich die Unterschiede für die Regionen.

Insgesamt erreichen die Konfessionsfreien 2009 die 50-Prozent-Marke.

Der Altersaufbau ist so, wie es bereits für Schottland zu sehen war: Je jünger die Altersgruppen in der Bevölkerung, desto höher der Anteil Konfessionsfreien. Eine Zusammensetzung, die sich über die Jahre erhält und insgesamt ansteigt.

Nachdem in den Niederlanden der Anteil der Konfessionsfreien bis 2017 knapp unter der 50-Prozent-Marke blieb, seemännisch würde man sagen ‚dümpelte‘, ist er ab 2018 deutlich über 50 Prozent, also in der Mehrheit.

Bevor es weiter in den Süden geht, nich einen Ausflug in den Nordosten nach Estland. Die Daten der Zensus-Zählungen für 2000, 2011 und 2021 besagen, dass die Anteile der Konfessionsfreien (umrahmte Säulen) von 40 auf 54 und auf 58 Prozent angestiegen sind. Einschließlich der Befragten, die keine Angabe machen, sind es 71 Prozent.

Eine der Begründungen aus christlichen Quellen ist, dass dies das Ergebnis von 40 Jahre als Sowjetrepublik sei. Das ist allerdings falsch. Auch die beiden anderen baltischen Staaten, Lettland und Litauen, waren Sowjetrepubliken. In Lettland gibt es aktuell rund 75 Prozent Christen und eine dominierende lutherische Kirche, in Litauen sind rund 80 Prozent Christen mit einer dominierenden römisch-katholische Kirche.
Estland wurde historisch von deutschen, protestantischen Adeligen beherrscht, die Kirchen bauten und ihre abhängigen Bauern und Tagelöhner beim sonntäglichen Kirchgang kontrollierten. Als die Macht des Adels beendet war, gingen viele Esten auch nicht mehr in die Kirche. Strukturen, wie sie auch in den ostdeutschen Ländern üblich waren.
Die Ergebnisse der Volkzählung 2022 in Ungarn dürften Ministerpräsident Orban nicht gefallen haben: Das von ihm proklamierte „christlich Ungarn“ steht noch nicht einmal auf dem Papier: 43 Prozent verschiedene Christen ‚bekennen sich‘ zu einer christlichen Religion.

Ein Thema war, wie man mit den 40 Prozent der Bevölkerung umgeht, die keine Antwort auf die Frage nach ihrer Religionszugehörigkeit gegeben haben. Es könnte etwas dafür sprechen, den größeren Teil den Konfessionsfreien zuzusprechen, man kann das aber auch so stehen lassen.
Das staatliche Statistikamt Ungarns hat sich anders entschieden: Nach dem Grundsatz „Was nichts passt, wird passend gemacht“ wurden diese 40 Prozent einfach ‚unter den Tisch fallen gelassen‘ und ‚schwupps di wupps‘ gibt es 73 Prozent Christen in Ungarn. Herr Orban wird es danken.

Die Säkularisierung in der Schweiz hat eine sehenswerte Dynamik:

Während die Anteile der Evangelisch-reformierten sich seit 1970 kontinuierlich verringern (die rote Linie) und die römischen Katholiken (blaue Linie) ab 1990 ebenfalls abwärts ‚einknicken‘, steigen die Anteile der Konfessionsfreien kontinuierlich an und sind 2022 mit einem Drittel der Bevölkerung die größte Gruppe.
Aufgrund der Laicité in Frankreich werden vom Staat keinerlei Daten zur Religionszugehörigkeit erhoben, aber es gibt Umfragen zur Religiosität der Bevölkerung.
In einer europäischen Umfrage zum Gottesglauben haben die „Gottlosen“ in Frankreich den höchsten Wert: Hier ganz unten.

Und in einer Umfrage unter jungen Europäern von 16-29 Jahren befinden sich die Konfessionsfreien in Frankreich mit 64 Prozent im oberen Drittel.

Bevor wir Europa verlassen, noch ein Blick in den katholischen Süden, nach Spanien. Die Tendenz ist die gleiche, wie in den bisher dargestellten Ländern, wenn auch auf einem niedrigerem Niveau. Die katholische Kirche verliert von 2005 bis 2022 ein Viertel ihrer Mitglieder und sinkt von 80 % auf 58 %, die Nicht-Religiösen verdoppeln ihren Anteil und steigen von 17 auf 38 %.

Einer der Gründe zeigt sich in der Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs (in einer Umfrage 1999) im Vergleich zur eigenen Kindheit.

Einmal pro Woche gingen 46 % in ihrer Kindheit, jetzt sind es 18 %. Niemals bzw. selten gingen in ihrer Kindheit 17 %, jetzt sind es 43 %.
5. Länder der Welt
Diese Säkularisierung, die sich in Spanien zeigt, findet auch in Lateinamerika: Der Trend in Lateinamerika insgesamt ist der gleiche wie in Spanien – von 80 auf 54 %.

Die Spannweite des Anteils der Katholiken reicht dabei von 72 Prozent in Venezuela und Paraguay bis 33 Prozent in Uruguay.
Der Anteil der Konfessionsfreien hat sich im Laufe der Jahre auf 19 Prozent erhöht, mit einer Spannweite von 52 Prozent in Uruguay bis 0 Prozent in Paraguay.

In Uruguay haben die Konfessionsfreien eine lange Tradition – der Freidenker Guiseppe Garibaldi war einer der Kommandeure im Unabhängigkeitskrieg gegen Argentinien – auch die demografische Basis ist stabil: 63 Prozent der 15-25-Jährigen waren (2018) konfessionsfrei.

In den USA haben die Konfessionsfreien (Englisch: „Unaffiliated“) von 2006 – als es 16 Prozent waren -, ihren Anteil stetig erhöht. Das Jahr 2013 ist insofern bemerkenswert, da die Konfessionsfreien die größte der vier größten Religionsgruppen wurden.

Der Anteil in den Altersgruppen zeigt die ebenfalls stabile demografische Basis: Je jünger die Altersgruppen sind, desto höher ist der Anteil der Konfessionsfreien.

In Kanada zeigen sich beide Aspekte parallel dazu. Zum einen steigt der Anteil der Konfessionsfreien.

Und je jünger die Altersgruppen, desto konfessionsfreier sind sie.

Im „Down under“ in Australien verläuft die Entwicklung parallel: seit 1971 verlieren die Christen kontinuierlich an Anteilen – von 86 auf 44 Prozent, während die Anteile der Konfessionsfreien im gleichen Zeitraum von 7 auf 39 Prozent ansteigen.

Im Unterschied dazu ist die Entwicklung in Neuseeland zwar parallel in den Verringerungen der Anteile der Kirchenmitglieder, aber in der ersten Hälfte der 1980erJahre beginnt gleichsam ein ‚Sturmlauf der Konfessionsfreien‘. Die nach dem letzten Zensus 2023 die Mehrheit in Neuseeland stellen: 52 Prozent.

In Israel ist dieser Prozentsatz der Konfessionsfreien noch höher: 57 %.

Auch in den MENA-Staaten (d.h. in Nordafrika und im Nahen Osten) ist – bis auf den Jemen – zwischen 2013 bis 2018/2019 die Religionslandschaft ‚in Bewegung geraten‘. (Die grünen Punkte stehen für die Prozente im Jahr 2013, die lilafarbenen für 2018/19.)

Weltweit: Es gibt – u.a. auf wikipedia –, umfangreiche Listen über Religionszugehörigkeiten in den Staaten der Welt.
Vergesst solche Übersichten.
Am Beispiel des Iran konnte bereits erläutert werden, warum diese Angaben nicht stimmen, was für weitere Länder ebenfalls zutrifft.
Zudem sind diese Übersichten meist veraltet und setzen die Konfessionsfreien zu gering an. Dabei sind dann noch Fragen zu klären.
Als Beispiel die Ergebnisse der European und World Value Surveys aus den Jahren 2017-2022.
Fasst man die Anteile der Konfessionsfreien (in 93 Ländern) in Gruppen zusammen, so sind in der Ländergruppe-1, in denen die Konfessionsfreien die Mehrheit stellen, 15 Länder enthalten.

Die von mir bereits dargestellten Länder sind in blau, die anderen in goldgelb: Dazu gehören u.a. China, Vietnam, Japan und Süd-Korea. Die Frage ist, ob das Religionskonzept der abrahamitischen Religionen überhaupt in die Kultur dieser Länder passt, die eine andere Weltsicht und Lebensauffassung haben.
In der Ländergruppe 2 mit überdurchschnittlichen Anteilen der Konfessionsfreien, befinden sich 20 Länder.

Diese 35 Länder sind 38 Prozent der erfassten Länder. Und nun? Was sagt uns das? Wenig.
Es hat für mich immer mehr den Charakter einer zwanghaften Kategorisierung, egal ob es passt oder nicht. Es ist mir schleierhaft, wie die römischen Katholiken im Amazonas oder in der Savanne ihre (behaupteten) Mitglieder zählen und es gibt eine Auffassung unter Muslimen, dass sowieso alle Menschen Muslime sind.
Lehnen wir uns also getrost zurück.
Wir wissen, dass die Säkularisierung voranschreitet – mal langsamer, mal schneller.
Wenden wir uns zum Abschluss also Theorien zu Gründen und Entwicklungen der Säkularisierung zu.
B. Gründe und Entwicklungen
6. Armut und Bildung
Der Grundsatz „Armut lehrt beten“ lässt sich empirisch belegen.
In einer Korrelationsanalyse von der persönlichen Wichtigkeit von Religion und dem pro-Kopf Einkommen finden sich unten rechts die Länder mit den höheren Einkommen und geringerer Wichtigkeit von Religion (Australien, Kanada, Vereinigtes Königreich, Deutschland, etc.)

‚Ausreißer‘ sind die USA: trotz höherem Pro-Kopf-Einkommen sind sie überaus religiös. Oben links die Länder mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen und hoher Wichtigkeit von Religion, die hier nicht erörtert wurden.
7. P-I-B: 2025 hat ein internationales Forscherteam eine Analyse vorgelegt, dessen Ausgangsthese war, „dass die Säkularisierung einer bestimmten Abfolge folgt: Erstens nimmt die Teilnahme an öffentlichen Ritualen ab, zweitens verliert die Religion an Bedeutung und drittens geben die Menschen ihre formelle Zugehörigkeit auf. Wir bezeichnen dies als die Abfolge „Teilnahme – Bedeutung – Zugehörigkeit“ (Participation–Importance–Belonging (P-I-B-sequence).“
Die Grafik dazu ist umfangreich und illustriert, dass diese Abfolge für alle Weltteile – in unterschiedlichem Stadien – und Religionen zutreffe. Für Deutschland lässt sich das kurz so illustrieren:
- Rückgang des Gottesdienstbesuchs (Teilnahme)

- Rückgang der Wichtigkeit von Religion


8. Entfremdung
Der Gottesdienst der Kirchengemeinde hat immer zwei Seiten: das klerikale Programm am Altar und auf der Kanzel, das soziale Programm unter den Besuchern: Trägt die Käthe wieder ihre grünen Schuhe, der Hannes ist gar nicht da, ob er wohl krank ist? Nachschauen, etc. Das übliche Getratschte und Geratsche sowie die Fürsorge in einer Gemeinde. Die Jüngeren sind aber nicht mehr in die nahegelegene Schule gegangen, sondern in Mittelpunktschulen, die Ausbildung war nicht mehr vor Ort, der Arbeitsplatz woanders, etc. Der soziale Zusammenhang und die Alltagskenntnisse um die anderen gingen verloren und wenn diese Kirchenmitglieder ihre Oma besuchten und mit in die Kirche gingen, kannten sie niemanden mehr, waren entfremdet.
9. Resonanzräume
Religiöser Glaube ist auf die Resonanz, d.h. die kommunikative Übereinstimmung mit Gleichgesinnten angewiesen. Der Kristallisationsraum für die Weitergabe des eigenen Glaubens war eine religiös homogene Ehe bzw. Partnerschaft. Da war es selbstverständlich, dass die Kinder getauft wurden, in kirchliche Rituale hineinwuchsen, am Religionsunterricht teilnahmen, kirchlich heirateten und beerdigt wurden. Je liberaler und säkularer aber eine Gesellschaft wird, desto mehr verringern sich diese Selbstverständlichkeiten und alles steht zur Diskussion, die man schließlich vermeidet, so dass diese Resonanzräume geringer werden und verschwinden.
Dazu gibt es eine empirische Untersuchung aus der KMU6-Umfrage, in der die Probanden gefragt wurden, wie sich die „Konfessionelle Homogamie“ zu Beginn der bestehenden Partnerschaft und heute darstellt. „Konfessionelle Homogamie“ bedeutet, dass beide Partner die gleiche Konfession haben.

Bei den Evangelischen bleibt es mit 56 / 54 Prozent gleich, bei den römischen Katholiken, auf einem höheren Niveau, ebenso: 64 / 63 Prozent. Aber bei den Konfessionsfreien sind es anfangs 54 Prozent, dass beide konfessionsfrei sind, „heute“ – nach Jahren der Partnerschaft, sind es 73 Prozent. Mit anderen Worten, Religion hat geringe Chancen gegen die Vernunft.
10. Kommunikationsformen
Die klassische religiös-klerikale Kommunikation ist vertikal – von oben nach unten – „Weil Gott es so will!“ – und wenn es nicht ganz so krass war, dann konnte man immerhin noch „abgekanzelt“ werden. Das war einmal.
Die heutige Kommunikation – vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen – verläuft horizontal – auf ‚gleicher Augenhöhe‘, direkt.
Da können die Kirchenfunktionäre noch so inniglich beten oder noch so inbrünstig singen – sie werden immer weniger Menschen erreichen.
Und, nun, als Schluss noch eine Frage.
C. Säkularisierung und Säkulare?
In Vorbereitung auf den Humanistentag und mein Thema wurde ich gefragt, ob und welche Rolle die Säkularen für die Säkularisierung in Deutschland spielen.
Meine Antwort: Sie spielen so gut wie keine Rolle.
Die kurzen Erläuterungen zur P-I-B-Sequenz, der Entfremdung, den Resonanzräumen und den Kommunikationsformen finden alle außerhalb der säkularen Sphäre statt.
Lassen Sie es mich an einer Anekdote erläutern. Die britischen Humanisten vergeben jedes Jahr den „British Humanist Award“ an eine Person, die sich Verdienste um den Humanismus erworben hat. 2010 habe Papst Benedikt XVI unter den TOP-Five der Kandidaten gestanden. Auf die erstaunte Rückfrage, warum? war die Antwort: Niemand habe so viele Katholiken aus der Kirche getrieben wie Benedikt XVI.
Welche Bedeutung jüngere Entwicklungen haben – wie z. B. der Zentralrat der Konfessionsfreien – wird sich noch zeigen müssen.
Danke für die Aufmerksamkeit